Port O'Brien (Showcase auf dem Dach des Weekend Clubs in Berlin-Mitte)
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Port O'Brien (Showcase auf dem Dach des Weekend Clubs in Berlin-Mitte) Foto: Nicole Richwald © regioactive.de

"Exklusiver Showcase" - das klingt immer interessant. Diesmal lud das Label City Slang in den Weekend-Club ein, um seinen neuen Folkrock-Schützling Port O’Brien vorzustellen. Hierzulande nicht so bekannt, in den USA aber schon als Support von Modest Mouse und den Bright Eyes unterwegs, durfte man gespannt sein, was die geladenen Indie-Liebhaber in einem Club erwarten würde, der sonst eher für Techno-Fans reserviert ist.

{image}Was verbindet den Namen Port O'Brien mit den Begriffen Alaska, Fischerei und Musik? 1. Port O'Brien ist der Name der in diesem Konzertbericht beschriebenen Band. 2. In Alaska verbrachte der Sänger dieser Gruppe, Van Pierszalowski, die Sommermonate der letzten Jahre. 3. Die Fischerei – genauer der Lachsfang – war der hauptsächliche Grund für seine Aufenthalte an diesem Ort. Ein Job, der nach dem US-Kongress zufolge zu den gefährlichsten Tätigkeiten der Welt zählt, weil er Schlafresistenz (20 Stunden Arbeit am Stück sind keine Seltenheit) und Stressimmunität (ein harter Konkurrenzkampf zwischen den Fischern steht an der Tagesordnung) voraussetzt. Wenigstens ist aber die Bezahlung gut und außerdem: Sind diese Komponenten nicht die perfekte Voraussetzung für eine Bandgründung? Stellt das Musikbusiness nicht ähnliche Anforderungen an die Musikgruppen?

Man könnte es  zumindest so deuten. Denn einerseits ist der Musikerjob zwar nicht der gefährlichste Job der Welt, aber Stressimmunität bei langen Touren und bei den stetigen, hohen Erwartungshaltungen von Fans und der Presse ist sehr von Vorteil, genauso wie das Aushalten von Schlafmangel bei langen Nächten in unbequemen Betten auf den Fahrten im Tourbus.

{image}Songs schrieb der 24-jährige Songwriter und Sänger Van zu dieser Zeit nebenbei, in den Monaten zwischen der Fischfang-Saison. Ab 2005 half ihm seine 22-jährige, aus Kalifornien stammende Freundin Cambria Goodwin bei dieser Tätigkeit, so dass schon kurze Zeit später erste Folksongs entstanden sowie zwei Akustik-EPs aufgenommen wurden, die sie bei Konzerten verkauften. Dem Duett traten schließlich auch der Drummer Joshua Barnhart, Bassist Caleb Nichols und der 23-jährige Gitarrist Zebedee Zaitz bei. Eigentlich wäre es jetzt das Ziel jeder Band, schnellstens Musik zu produzieren und ein Album aufzunehmen. Doch das Quintett tickte anders und wollte in der Zeit der Gründung lieber wieder auf Lachsfang gehen. Doch da spielte der Wettergott nicht mit. Eine stürmische Jahreszeit verhinderte diese Unternehmung und Port O'Brien zogen sich daraufhin zurück, um schließlich das Debütalbum All we could do was sing zu präsentieren. Die Platte entstand dabei wohl aus purem Zufall, denn die Musikproduktion war wohl nach dem Titel zufolge die einzige Möglichkeit zum Zeitvertreib und zum Schutz vor der Langweile und Nichtstuerei in dieser rauen Gegend gewesen – so die Legende.

Das Album wird jedoch in Deutschland erst am 6. Juli 2008 erscheinen. Doch schon das erste und  exklusive Showcase der Band in Deutschland, im Weekend-Club Berlin, warf die Schatten eines großartigen energievollen, wilden und druckvollen Folkrock-Album deutlich voraus. Allerdings spielte auch hier wieder der Wettergott eine kleine Rolle. Denn wegen leichten Regens am Nachmittag musste das Konzert von der ursprünglich geplanten Dachterrasse des Clubs in einem Raum eine Etage tiefer verlegt werden.

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Das tut Van und seinen Kollegen, die diesen Sommer erstmals nicht auf Fischfang, sondern auf Fan-Fang sind und im Moment anstatt auf hoher See die meiste Zeit in der Luft im Flugzeug verbringen, während ihrem Auftritt aber keinen Abbruch in ihrer Spielfreude. Im Gegenteil: Der mit einem Holzfäller-Hemd gekleidete, huttragende und vollbärtige Gitarrist Zebedee Zaitz und Sänger Van stampfen immer wieder mit ihren Füßen kräftig auf dem Boden, tanzen im Wettkampf gegeneinander bis Kaitz der Hut von seinem haarigen Haupt fliegt. Und Van singt, teilweise mit E-Gitarre und Akustikgitarre begleitend, so intensiv ins Mikrofon, dass ihm die Haare vors Gesicht wehen. Dabei erinnert er manchmal ein wenig an die stimmliche Ausdruckskraft des Arcade-Fire-Sängers Win Butler, wobei er rein äußerlich doch eher Ähnlichkeiten mit Kurt Cobain besitzt und durch seine Tanzeinlagen ein wenig an den Johnossi-Sänger erinnert. Dagegen sitzt Vans Freundin ganz ruhig und mit einem Banjo bewaffnet auf einem Hocker.

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Die eingängigen Songs lassen den Zuhörer immer wieder mitwippen und beim letzten Song des Abends I woke up today darf der Zuschauer dann auch melodiös in langgezogenen Zeilen "Ahaahaha" mitsingen. Zuvor wurde die amerikanische Band angesichts der anstehenden Präsidentschaftswahlen noch ein wenig politisch und sie widmeten dem demokratischen Kandidaten Barack Obama einen Song. Dieser kämpft im Moment ja bekanntlich mit der Senatorin und ehemaligen First Lady, Hillary Clinton, um die Aufstellung als Präsidentschaftskandidat für die Demokraten. Und so endet schließlich ein kurzes, 45-minütiges Set, dessen Musik mitreißt und die Fans begeistert, jedoch leider ohne Zugabe bleibt.

Die Fischerei nach neuen Fans geht natürlich weiter: Erst ab Sommer in den USA und dann ab September wieder in Europa. Die Ausbeute in Berlin war mit Sicherheit hoch und so fanden sich nach diesem Konzert vielleicht ein paar Zuschauer zappelnd im Netz wieder. Aber keine Sorge, liebe Leser: Gegessen wie ein Fisch werden sie nicht. Höchstens sich von der Musik befreien, das können sie nicht mehr.

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