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Richard Thompson

Kaum mehr als fünf Minuten nach Ende des Konzerts am letzen Sonntag, tritt Richard Thompson aus dem Seiteneingang und signiert geduldig Platten- und CD-Cover, die ihm die freudig erregten Fans unter die Nase halten. Thompson ist ein Künstler gänzlich ohne Starallüren, was vermutlich seine Ursache darin hat, dass er die Transformation, die der ganz große Erfolg mit sich bringt, nie erlebte. Er kann sich die Nähe zum Publikum leisten, weil er nie befürchten muss, von ihm erdrückt zu werden.

So spielt Richard Thompson heute nicht in der Festhalle vor tausenden, sondern im Sinkkasten vor wenigen hundert Zuschauern, die mehrheitlich seit vielen Jahrzehnten treue Fans sind. Dabei ist es vollkommen unangemessen, Richard Thompson als Vertreter des handgemachten Altherrenrocks abzuqualifizieren.

Er ist vielmehr der bedeutendste Überlebende des elektrifizierten englischen Folk-Rocks der späten 1960er, ein überragender Gitarrist und Songwriter und ein Liveperformer allererster Güte. Dass er seine Klasse bewahrt hat, beweist dieser Auftritt, den Thompson solo mit nur einer Gitarre bestreitet. Andere Künstler benötigen ein halbes Dutzend Gitarren für einen Auftritt und dennoch verfügen sie kaum über die Hälfte der fast unbegrenzt scheinenden Ausdrucksmöglichkeiten von Thompson.

21 kreative Höhepunkte

Jedes der einundzwanzig Lieder, die Thompson an diesem Abend vorträgt, enthält Raum für einen ganz individuellen und mit dem Namen "Gitarrensolo" nur unzureichend beschriebenen Instrumentalpart. Die Mühelosigkeit, mit der es ihm gelingt, ein virtuoses Solo nach dem anderen zu spielen, ohne dabei in die klischeehafte Pose eines Rockgitarristen zu verfallen, verdient die allerhöchste Bewunderung.

Thompson ist ein Gitarrist für Genießer, nicht für diejenigen, die gierig Gitarren-Fastfood in sich hineinstopfen. Das begeisterte Publikum applaudiert diesen Solos, wie man es sonst nur von Jazzkonzerten kennt und spendet ihm damit besondere Anerkennung.

Herausragender Songwriter

Dennoch spielt die Gitarre hauptsächlich eine dienende Rolle. Denn Thompson ist weit mehr als ein virtuoser Gitarrenspieler. In den mehr als vierzig Jahren seiner Karriere hat Thompson ein fast unerschöpfliches Reservoir herausragender Songs geschaffen, aus denen er bei jedem Auftritt schöpfen kann. Im Grunde ist jedes einzelne Lied ein Highlight, besondere Erwähnung verdient aber die wütende Version von Crawl Back, die Thompson fast genüsslich zelebriert. Hervorragend gelingt auch das gefühlvolle, akustische Persuasion und die langsame, intensive Version von Wall Of Death. 

Auf Zuruf einiger Zuschauer weicht Thompson von der eigentlich vorgesehenen Setlist ab und spielt die Publikumslieblinge "Turning Of The Tide", "Keep Your Distance" und "King Of Bohemia". Mit "I Want To See The Bright Lights Tonight", bluesig, mit heftigem Anschlag arrangiert, blickt Thompson auf die Anfänge seiner Solokarriere zurück, die er begann, nachdem er – laut eigener Aussage – gerade noch rechzeitig Fairport Convention und den 1960ern entflohen war.

Häufig unterschätzte Stimme

Aus dem Fairport-Repertoire stammt Sandy Dennys "Who Knows Where The Time Goes", das Thompson der großartigen und frühverstorbenen Sängerin widmet, wobei sich ihr Schatten in gesanglicher Hinsicht jedoch als übermächtig erweist. Dennoch ist Thompsons Leistung als Sänger insgesamt exzellent. Angesichts der glänzenden Sängerinnen, wie eben Sandy Denny oder seiner ehemaligen Frau Linda, die ihn während seiner Karriere unterstützten, werden seine gesanglichen Fähigkeiten oft unterschätzt.

Sicherlich ist er kein gesanglicher Virtuose, aber er verfügt über eine kraftvolle, ausdrucksstarke und dennoch nuancierte und facettenreiche Stimme, die ebenso wie sein Gitarrenspiel einer Vielzahl von Stimmungen und Stilen Ausdruck zu verleihen imstande ist. Als Beispiel können "Johnny’s Far Away" und "Dad’s Gonna Kill Me" dienen, die intensiver und mitreißender gelingen als auf seinem letztjährigen Album "Sweet Warrior".

Menschen am Abgrund

Dass sich mit dem desillusionierten Abgesang auf den Irak-Krieg, Dad’s Gonna Kill Me, und dem paranoiden Gleichnis Pharaoh zwei der wenigen politischen Songs, die er in seinem Leben geschrieben hat, in die Setlist geschlichen haben, zeigt, dass der inzwischen in Los Angeles lebende Thompson von aktuellen politischen Ereignissen auch in seiner künstlerischen Arbeit nicht unbeeinflusst geblieben ist. Dennoch ist es eindeutig, dass Thompsons Stärke in der Aufbereitung fiktiver oder realer Erlebnisse und Tragödien besteht.

Die Art und Weise, mit der es ihm gelingt, Portraits von Menschen und ihren Beziehungen zu zeichnen, ist fast ohne Beispiel in der aktuellen Popmusik. Vom Leben gezeichneten Menschen in verzweifelter oder aussichtsloser Lage gehört dabei stets seine besonderen Aufmerksamkeit: Häufig rennen die Protagonisten sehenden Auges in ihr Unglück ("I Feel So Good", "Wall Of Death"), stürzen sich in zum Scheitern verurteilte Beziehungen ("1952 Vincent Black Lightning", "Keep Your Distance") oder erleben den Schmerz der Trennung und des Verlustes ("I Misunderstood", "Beeswing").

Sogar ein besonderer Abend, wie Thompson feststellt, muss leider irgendwann zu Ende gehen und so beendet er mit dem sehnsuchtsvollen Dimming Of The Day nach etwas mehr als einhundert Minuten unter dem Jubel des Publikums das Konzert. Es war ein denkwürdiger Auftritt eines der ganz großen Künstler unserer Zeit.

Setlist

One Door Opens – I Misunderstood – Crawl Back (Under My Stone) – Two-Faced Love – Dad’s Gonna Kill Me – Wall Of Death – Sunset Song – 1952 Vincent Black Lightning – I Want To See The Bright Lights Tonight – Who Knows Where The Times Goes – I Feel So Good – Persuasion – Cocksferry Queen – Turning Of The Tide – Keep Your Distance – King Of Bohemia – Johnny’s Far Away – Pharaoh

Zugabe: Beeswing – Drinking Wine Spo-Dee-O-Dee – Dimming Of The Day

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