[mellow]

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[mellow] überzeugen nicht nur live immer wieder aufs Neue. Von vielen Seiten kam seit der Veröffentlichung von "lost" Lob für das Heidelberger Trio. Zur einer aktuellen Stunde stellt sich Achim von [mellow] den investigativen Fragen von regioactive.de. Neben dem unzulänglichen Englisch-Wortschatz unseres Autors treten dabei interessante Dinge über das aktuelle Album, die Band selbst und das Zukünftige zu Tage.

{image}"Alles Gute kommt aus England? We beg to differ. Abseits vom 08/15 Spartenrock, wie er hierzulande stetig praktiziert wird – seit spätestens Mitte der Neunziger ohne Weiterentwicklung – hebt [mellow] die Schranken am äußeren Tellerrand, um das längst verstaubte Laken der Eintönigkeit von der nationalen Musikszene zu lüften." So steht es auf der offiziellen Seite von [mellow] und diesem selbstgewähltem Auftrag folgt die Band nun schon seit Jahren. Das beweist auch das aktuelle Album lost, dass auch in der Distribution von regioactive.de verteten ist. Außerdem haben sie vor kurzem vier Songs diesen Albums geremixed und online gestellt. Passend dazu beantwortete uns Achim, der Gitarrist und Sänger der Band, ein paar Fragen.

Hallo erstmal! Man soll Interviews ja immer mit wichtigen Fragen beginnen, aber diese hier ist wohl die wichtigste, jedenfalls im musikalischen Bereich: Oasis oder Blur?

Ganz klar Blur! Versteh' mich nicht falsch, es gibt wirklich großartige Oasis-Songs, aber Blur waren schon immer um einiges vielseitiger und verspielter. Ganz abgesehen davon kommt man bei Oasis nicht umhin, an das Gehabe der Ghallagers zu denken.

Jetzt aber zu euch! Am besten stellst du eure Band kurz vor.

Seit Juni 2005 besteht [mellow] aus Robert (Bass), Handrin (Schlazeug) und mir (Gitarre/Gesang) – alle aus Heidelberg.

Mellow ist ja mehrdeutig, soweit mir das meine bescheidenen Englischkenntnisse verraten. Wie seid ihr zu diesem Bandnamen gekommen und warum genau in dieser Schreibweise?

Der Name hat für uns zwei Bedeutungen. Einerseits geht es darum, durch unsere Musik emotionale Ordnung zu schaffen, indem man sich auch Schattenseiten bewusst stellt. Zum anderen geht es darum, musikalisch weiter zu reifen. Die Klammer symbolisiert, dass beides nicht ohne weiteres erreichbar ist. Der Weg ist das Ziel.

{image}Du hast es ja erwähnt, dass ihr aus Heidelberg kommt. Wie siehst du die Musikszene in Heidelberg und im Rhein-Neckar-Bereich, gerade im alternativen Musikbereich: Bist du zufrieden oder gibt es noch Nachholbedarf?

Es ist schade, dass alle Welt nur nach Hamburg und Berlin schaut. Ich bin der Meinung, dass hier ähnliches Potential steckt. Gerade durch die Hochschulen sammeln sich in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen unzählige junge Menschen, die offen für Neues wären. Nicht verwunderlich, dass einige in die Hauptstadt abwandern, wenn ihnen hier oft nur die Standardleier geboten wird. regioactive.de und Deltaconnection leisten sehr gute und wichtige Arbeit, aber es ist an den Veranstaltern, sich mehr zu wagen.

Der Titel eures aktuellen Albums lautet lost. Das Booklet-Artwork hat mir wirklich gut gefallen, es fällt genauso wie die Texte etwas düsterer aus. Warum diese (Grund-)Melancholie?

Das Artwork (und auch die neue Homepage) haben wir unserem lieben Freund Martin zu verdanken, ein nie enden wollender Quell der Kreativität. Es war uns wichtig, dass das gesamte Layout mit der Musik harmoniert. Tagtäglich sind wir Einflüssen jeglicher Art ausgesetzt, emotional und rational, sei es über diverse Medien, auf der Straße oder im Umgang mit unseren Mitmenschen. Positive Impulse stellen für mich keine Inspiration dar, die kann man einfach bei einem Drink genießen. Negative oder unbestimmte Impulse hingegen sind viel spannender. Sie laden ein, hinterfragt zu werden, indem sie Kraft rauben, die es gilt wiederzuholen – auch wenn am Ende keine Antwort steht.

Was ist anders im Gegensatz zu eueren beiden Vorgängeralben?

lost ist dynamischer, natürlicher als die Vorgänger. Die Songs umfassen ein viel weiterreichendes Spektrum. Auf den Vorgängern hört man deutlich heraus, welche Bands bei uns in der Plattensammlung vertreten sind. lost ist das Zeugnis, dass wir über die letzten Jahre eine große Entwicklung durchlebt haben. Das wird deutlich, wenn man die Neuaufnahme von now you belong to me im Vergleich mit der Vorgängerversion hört. Außerdem ist lost das erste Album, das wir völlig eigenständig produziert haben.

{image}Eigenständige Produktion ist ein spannendes Thema. Kannst du mehr davon erzählen: Was war anders als vorher? Ich denke mal, auch hier ging es nicht ganz problemlos über die Bühne?

Ich bin froh, dass wir diesen Weg gewählt haben. Für uns spielte der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle. Studios werden in der Regel stunden-, wenn nicht tageweise gemietet, weswegen man – sofern einem nicht die Gunst betuchter Mäzene zuteil wird – stets Eile verspürt. Es ist beruhigend zu wissen, dass man jederzeit ein, zwei Tage unterbrechen kann. Recording-Equipment ist zwar auch nicht billig, aber was man hat, das hat man auch für die nächsten Aufnahmen. Man sollte allerdings nicht davon ausgehen, dass es mit den Aufnahmen an sich getan ist: Heutzutage lässt sich mit einfachen Mitteln zwar einiges erreichen, um jedoch ohne Erfahrung möglichst nah an gewünschte Ergebnisse heranzukommen, muss man seine Frustrationstoleranz auf eine harte Probe stellen. Die Postproduktion hat meine Lebenserwartung sicher um zwei Jahre verkürzt.

Mir persönlich gefällt auf dem Album der Song Choke ja am besten. Woher kam die Idee zu diesem Lied?

In den Jahren, in denen ich als Barkeeper gearbeitet habe, habe ich das ein oder andere Trinkerschicksal miterlebt, lief phasenweise selbst in Gefahr, die Kontrolle zu verlieren. Choke ist mein persönliches Mahnmal – ich will nie so enden.

Beim Song Atheism ist das Grundthema Religionskritik, was heutzutage ja wieder wichtiger wird. Was ist die genaue Aussage und was war das ausschlaggebende Moment für diesen Song?

Atheism spiegelt die Diskrepanz zwischen Glaube und Kirche wider. Es ist nicht der Glaube an sich, der die Menschen immer wieder gegeneinander aufbringt, es sind Institutionen. Viele laufen Gefahr, das zu verwechseln. Die Inspiration hatte ich bei der Hochzeit eines guten Freundes in einer katholischen Kirche. Alles dort war darauf ausgelegt, den Menschen Ehrfurcht, Gewissensnot und das Gefühl von Nichtigkeit zu vermitteln; ich hasse solche Orte.

Hast du einen persönlichen Favoriten auf eurem Album?

In Sachen Produktion ist To hell with tradition mein Favorit, ansonsten ändert sich das ständig. Es hängt immer davon ab, welche Songs aktuell live oder im Proberaum am meisten Spaß machen.

Ihr habt auch vier Remix-Versionen online gestellt. Was hat euch dazu getrieben und wer hat den Remix gemacht?

Zuerst wollte ich mich einfach noch mehr in das Thema Musikproduktion einarbeiten, dann konnte ich es einfach nicht lassen. Es war besonders interessant zu sehen, dass die Songs auch in völlig anderen Genres funktionieren können.

Wie geht ihr beim Schreiben eurer Songs vor, in welcher Reihenfolge entstehen Musik und Text?

In der Regel entstehen Gitarren- und Gesangslinie gleichzeitig, meist aus dem Bauch. Wenn ich versuche den Prozess zu forcieren kommt meist gar nichts. Der Text kommt irgendwann, wenn das Gerüst steht, formt sich dann aber oft in kürzester Zeit aus einzelnen Gedankenblitzen. Ich nehme Gitarre und Gesang zu Hause provisorisch auf, gebe Robert und Handrin Kopien zur Inspiration, sodass wir im Proberaum unsere drei Ansätze dann ausarbeiten können.

{image}Mich interessieren immer musikalische Vorbilder beziehungsweise Inspirationen. Welche Künstler sind für eure Band wichtig gewesen?

Diese Liste geht ins Unermessliche und setzt sich aus Bands und Künstlern der verschiedensten Stilrichtungen und Jahrzehnte zusammen. Ein gemeinsamer Nenner bei uns ist Radiohead. Das soll nicht heißen, dass die ganz oben stehen, es ist nur die einzige Band von der ich jetzt gerade weiß, dass Robert und Handrin mir beipflichten würden.

Viele Künstler lassen sich ja ungern in eine Schublade stecken. Wie geht es euch da?

Das ist wohl unser größtes Problem. "Independent" ist über die Jahre ein schwammiger Begriff geworden. Die meisten Leute wollen natürlich eine genauere Nische genannt wissen. Geht man als Band aber weiter ins Detail, läuft man Gefahr, sich einen Riegel vor die eigene Vielseitigkeit zu schieben.

Ich denke mal, ihr arbeitet gerade an weiteren Sachen. Worauf kann man sich denn freuen?

Stillstand ist der Tod. Zur Zeit feilen wir an Material für das nächste Album Lions, das wir wahrscheinlich noch 2008 aufnehmen werden. Wir sind gespannt auf die Herausforderung, die Entwicklung der letzten zweieinhalb Jahre fortzusetzen.  Außerdem soll sich der Livekalender noch etwas füllen.

Kannst du uns zum neuen Album noch etwas mehr als den Titel verraten? Wohin geht die Reise stilistisch?

Es ist schwer über etwas klare Aussagen zu machen, das in den kommenden Wochen und Monaten noch auf so unterschiedliche Weise reifen kann. Seit '05 haben wir drei musikalisch weiter zueinander gefunden und lost ist eine wichtige Station auf diesem Weg. Mit den neuen Songs gelingt es uns, uns immer mehr von bewussten Einflüssen zu lösen. Songwriting und Arrangement haben sich entscheidend geändert. Wir sind auf jeden Fall experimentierfreudiger geworden.

Das ist doch was, das uns gespannt macht auf das neue Material! Zum Schluss noch eine weitere wichtige Frage, die man eigentlich jedem Musiker auf der Welt stellen müsste: Morrissey oder Johnny Marr?

Aktuell Johnny Marr mit dem Modest Mouse-Bonus. Aber zwischen Marrs Gitarre und Morrisseys Texten wählen zu müssen… darauf lass ich mich nicht ein ;)

Vielen Dank!

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