The Mars Volta (Palladium, Köln, März 2008).
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The Mars Volta (Palladium, Köln, März 2008). Fotos: Anne-Laure Fontaine-Kuhn © regioactive.de

Sie wollten sich nie in ein bestimmtes Genre stecken lassen. Konzeptband? Ach. Prog? Oh je. "It reminds me of when I first heard the label 'Emo', which was the most ridiculous label ever. How can anything you put your heart and soul into not be emotional?", sagt Gitarrist Rodriguez-Lopez. Und wie sehr Recht er damit hat: The Mars Volta sind dabei, ihr eigenes musikalisches Universum entstehen zu lassen – aber nicht ohne Rückbezüge zu so ziemlich allem, was schon mal da war.

{image}Von diesem Mix ließ sich das Publikum beim fast dreistündigen Konzert im Kölner Palladium nur allzu gerne anstecken. Wobei: Getanzt, gepogt oder sich in anderer Form zur Musik bewegt haben sich nur wenige Zuschauer. Nach dem Konzert, auf dem großen Gang des Palladium, war jedoch einhellige Begeisterung zu spüren ob dessen, was den Leuten da gerade serviert worden war. Ohne Supportact betritt die Band um 20:15 Uhr zu acht die Bühne und ehe man sich versieht knallt einem – zu Beginn noch mit einem etwas dürftig abmischten Sound – das erste ausufernde Gitarrensolo um die Ohren. Omar Rodriguez-Lopez ist von Anfang an voll da, ebenso eingergiegeladen wie Band-Mitbegründer Cedric Bixler-Zavala, der das komplette Konzert über mit Rockposen von Sprüngen bis Mikroständer werfen und drehen auf sich aufmerksam macht.

Rechts außen steht Paul Hinojos und bedient die zweite Gitarre sowie einen Synthie und mehrere Effektgeräte. Neben ihm sitzt Isaiah Owens am Keyboard, Bassist Juan Alderete bleibt stets zwischen ihm und Drummer Thomas Pridgen platziert. Obwohl diese Besetzung für eine Band üblicherweise reichen sollte, finden sich auf der linken Bühnenseite noch Percussion und ein weiterer Synthie, die beide die meiste Zeit von Marcell Rodriguez-Lopez bedient werden. Aber auch Adrian Terraza macht sich gelegentlich daran zu schaffen, spielt jedoch ansonsten verschiedene Blasinstrumente, hauptsächlich Saxophon. Hinter der Bühne hängt ein riesiges Banner, auf dem im Laufe des Abends von an klassische Malerei angelehnten Motiven bis zu irgendwie okkult wirkenden Symbolen alles mögliche zu entdecken ist.

{image}Was The Mars Volta darbieten, ist musikalisch gesehen schon ein wirklich erstaunlicher Mix. Ein wichtiger Einfluss ist in den End-Sechzigern und Siebzigern zu finden. Nicht nur, dass die Hauptprotagonisten an Gitarre und Gesang ein bisschen so aussehen, es gibt auch handfeste Anleihen: So erinnert z.B. die Bridge in Goliath an das Hauptmotiv von King Crimsons 21st Century Schizoid Man, der kurze rhythmische Ausbruch an den Drums an dessen wilden Solopart. Nicht nur die ruhigeren Stellen des Konzertes rufen auch oft Erinnerung an Klassiker von Led Zeppelin wach, Robert Plants Gesangsposen (No Quarter) lassen grüßen. In diesen Momenten, wenn The Mars Volta kurz wie eine aus den Endsechzigern/Siebzigern in die Neuzeit katapultierte Zusammensetzung von Plant, Hendrix, Ray Charles, Greg Lake und Michael Giles wirken, scheint man für einen Moment so etwas wie die "Roots" dieser Band erkennen zu glauben. Doch weder geht es bei The Mars Volta wirklich oft ruhig zu – es gibt kaum Pausen während des Sets und dementsprechend auch so gut wie keine Ansage –, noch lässt sich die Musik auf eine einzelne Wurzel zurückführen. Vom Metal kommt die Härte, vom Jazz die ein oder andere Arrangement-Idee für unter den Melodie-Instrumenten abwechselnde Soli. Krautrock, Punk und Break Beats stecken neben weiteren Zutaten ebenfalls mit drin, darunter gewiss auch der Post-Rock; zumindest glaubt der Autor, an einer Stelle den schon bei Tortoise so gehörten 13/8-Takt gezählt zu haben. Diese Musik hätte nicht nur 69 wie Science Fiction geklungen, sie tut es heute ebenso.

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Komplex, virtuos, teils gewollt uneingängig. Verrückte Breaks, lange Songs, gebrochene Rhythmen. Verschnaufpausen nur an den ruhigen Stellen, und das aus Rodriguez-Lopez, Bixler-Zavala, Juan Alderete und Thomas Pridgen bestehende Epizentrum der Band an Gitarre, Gesang, Bass und Drums verdient sich dieses kurze Durchatmen über die Maßen.

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Nach den ersten eineinhalb Stunden des Konzertes, der Sound ist längst wirklich gut abgestimmt, durchströmt den Konzertbesucher der Reflex: "Oh, wird sicher gleich vorbei sein". Doch eine große rohrförmige Lampe, neben den Drums aufgestellt, gibt das rotierende Lichtsignal zur zweiten Hälfte des Abends. Erneut ein unglaublich ekstatisches Gitarrensolo, ein sensationell groovender Jam der ganzen Band darunter und ein Bixler-Zavala, der nun endgültig abgeht wie ein tanzender Derwisch und den Eindruck hinterlässt, er sei just gerade ausgeschlafen und frisch geduscht aus dem Backstage gekommen und habe nicht etwa bereits über eine Stunde live alles gegeben. An dieser Stelle schnappt er sich, über die Bühne sausend, vom Boxenturm springend und mit dem Mikrofonständer zirkusreife Einlagen abliefernd, auch ein Schlagzeug-Becken mitsamt Ständer und wirft das komplette Drum-Gestänge ins Publikum. Von der Show ganz abgesehen ist natürlich besonders seine Stimme beeindruckend, die spielend leicht höchste Höhen zu erreichen vermag.

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Nach der einzigen wirklich ruhigen Nummer des Abends – Asilos Magdalena vom Album Amputechture – fängt sich das Publikum eine Schelte von Bixler-Zavala ein: Es sei dazwischengequatscht worden (es war wohl ein besonders auffallender Zwischenrufer), was man ja wohl bei solch einem Song nicht tue. Dies sei ein Verhalten wie von nervenden Dauerquasslern im Kinosaal, während andere den Film genießen wollen. Diese Ansage war kein Spaß, wie wohl manche im Publikum sie missverstanden und klatschten oder lachten. Im Gegenteil unterstrich sie den Ernst, mit dem Mars Volta bei der Sache sind. Wieder versunken in ihre Musik spielen sie einen letzten Song und nach zwei Stunden fünfzig Minuten ist ein denkwürdiger Abend bzw. ein großartiges Konzert ohne Zugaben beendet, das in kleinerer Atmosphäre als dem Palladium ganz bestimmt auch für mehr Ekstase unter den Gästen gesorgt hätte.

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