Godspeed - Yanki u.x.u

Godspeed - Yanki u.x.u © Constellation

So schwer bis unmöglich es zu sagen ist, woher ein bestimmter Stilwechsel in der Musik ursprünglich kam, so wenig wird es möglich sein zu klären, inwieweit Bands wie "Tortoise", "To Rococo Rot" oder "Trans Am" tatsächlich an Vorgänger aus dem Krautrock angeschlossen haben, die zu ihrer Zeit schon lange auf Eis lagen.

{image}Parallelen sind aber zumindest augenscheinlich, weshalb hier auf zwei Wiederveröffentlichungsreihen hingewiesen werden soll. Außerdem ist ja ein Popularitätszuwachs in Sachen experimenteller Instrumentalrock zu verzeichnen, der nicht zuletzt von Bands wie Godspeed You! Black Emperor mit angestoßen worden sein mag, die aber ihrerseits hier auf eine ältere Tradition zurückgreifen. Erinnern möchte ich deshalb an Popol Vuh, eine Ikone des Krautrocks, die zum einen Impuls gebend war in Richtung New-Age-Musik und Weltmusik, aber zum andern auch frühzeitig schon mit elektronischen Mitteln experimentierte.

{image}Popol Vuh sind vor allen Dingen durch zahlreiche Filme Werner Herzogs berühmt geworden, vornehmlich diejenigen mit Klaus Kinski. Jedem werden da noch die entrückten Gitarrenmelodien im Ohr sein, von leichter Perkussion getragene Klanggebilde, die Herzog gerne an Stellen einsetzte, wo der Mensch einsam in der Natur gezeigt wurde. Besonders eindringlich ist da die Totale über den Regenwald in Fitzcarraldo, wo schlagartig der Ausguck verschwindend klein ist, in dem die Akteure stehen. Oder der sitzende Mensch gegenüber dem Bergmassiv zu Beginn von Herz aus Glas. Es ist wohl kein Zufall, dass hier besonders Popol Vuh das Interesse Herzogs auf sich zogen. Diese Caspar David Friedrich artigen Kollagen, in denen ein Menschenindividuum sich direkt dem Naturschönen, also dem Erhabenen gegenübersieht und in denen die Größe der Natur fast erdrückend, aber berauschend zugleich erscheint, stellen wiederkehrende Bilder in den Filmen Herzogs dar.

{image}Popol Vuh stellten da nicht nur den Soundtrack im Sinne einer Dienstleistung zur Verfügung, sondern fuhren in gewisser Weise ihren eigenen Film mit derselben thematischen Einstellung ab. Bild und Klang ergaben wohl gerade deshalb eine einmalige Symbiose in den Herzog-Filmen, weil auf zwei Ebenen dasselbe Unbegreifliche und die Verstandeskraft Übersteigende eingefangen worden ist. Erfreulicherweise wird seit 2004 bei SPV das gesamte Popol Vuh-Werk neu aufgelegt, hier mit besonderem Blick auf die Herzog-Filme (z.B. Aguirre, Nosferatu, Fitzcarraldo). Der früh verstorbene Komponist und Musiker Florian Fricke war das Zentrum dieser Münchner Gruppe. Auf ihn geht wohl wesentlich der eigentümliche Klang zurück. Meistens sind es elektrische Gitarren, die minimalistische Figuren spielen, spielerisch miteinander laufen und sich mit aller Leichtigkeit empor schrauben. Begleitet werden sie von leichter Perkussion, bisweilen von einem jazzig anmutenden Schlagzeug. Selbst wenn sie dadurch getrieben und nach vorne gehend wirken, ist in keinem der Stücke ein Anflug von Aggressivität zu spüren. Orientalische Einflüsse sind nicht zu überhören, dennoch ist die Ästhetik im experimentellen Rock der Siebzigerjahre angesiedelt und verlässt diesen Rahmen auch nicht. Interessant ist zudem, wie eindeutig der ausgebildete Kirchenmusiker Fricke den Stücken ihren Akzent gibt. Anstatt dass – wie früher und später oft geschehen – orientalisch anmutende Gitarrenfiguren in einer bloß verkifften Stimmung hängen bleiben, bei der man an die Vokuhila-Jungs mit Schnauzern und zu engen Adidas-T-Shirts denken muss, die sie spielen, sind sie von einer sakralen Klarheit sondergleichen getragen.

{image}Das Prinzip bestand offenkundig darin (und der Minimalismus war wohl das Medium, in dem Popol Vuh das realisiert haben), einem einzigen Thema Raum zu geben, so dass es sich entfalten, ja im Grunde atmen kann, ohne von einer Kompositionsstruktur klein gehalten zu werden, die seiner inneren Schönheit nicht gerecht würde. Für Opiumhöhlen eignet sich diese Musik wohl wegen ihres kirchenmusikalischen Akzentes nicht. Die Stimmung, in die man von der Musik geworfen wird, lässt sich vielleicht eher durch das Bild beschreiben, dass man alleine und nackt in einer Eiswüste steht, aber angesichts der kristallenen Klarheit und existenziellen Reinheit zum ersten Mal frei durchatmen kann. Zweifellos agierten beispielsweise Tortoise unter einem davon angestoßenen Eindruck, als sie ihre LP Millions now living will never die eingespielt haben.

{image}Im Stimmungsspektrum ganz auf der anderen Seite angesiedelt, aber zur selben Zeit aktiv waren Can aus Köln. Auch hier ist gerade eine Re-Release-Welle am Laufen, in der remasterde Veröffentlichungen deutlich machen, wie nachhaltig der Einfluss von Can (und relativ groß im Vergleich mit Popol Vuh) ist. Seit den späten Sechzigerjahren trat die Gruppe, die eigentlich weniger vom Rock geprägt war, sondern eher unter dem Eindruck von Stockhausen musizierte, einen regelrechten Siegeszug an. Auch hier waren minimalistische Songstrukturen maßgebend, allerdings stark rhythmisch betont und von Schlagzeug und Bass getragen. In endlosen Tracks ist ein zunächst mechanisch wirkendes Schlagzeug mit einem stereotypisch dazu laufenden Bass zu hören, während Gitarren und Synthesizer darüber improvisieren und sich in Lärmorgien verlaufen, die allerdings durch ein starres Metrum strukturiert bleiben. Den Ausgangspunkt bildet dabei die legendäre Platte Monster Movie, die ebenfalls im vergangenen Jahr neben den Hauptwerken bei Warner neu aufgelegt wurde. Wer sich dagegen einmal das Spoon over Babaluna-Bootleg anhört, hier insbesondere die BBC-Aufnahme aus dem Jahr 1973, also die A-Seite der Platte, den wird die schlechte Aufnahmequalität nicht von der Genialität der Musik ablenken können.

{image}Die Improvisation mit dem Titel Tadjidid Janid, die die gesamte erste Seite füllt, läuft durchweg mit einem mechanischen Beat, der sich allerdings – ohne das Metrum zu verlassen – gegen Ende hin geradewegs in ein Drum and Bass-Spektakel verläuft, während eine sehr delay-lastige Gitarre Klangteppiche darüber legt, die schon fast quälende und klagende Züge haben. Der Aufnahme aus dem Publikum heraus ist wohl einerseits die schlechte Qualität zu verdanken, andererseits aber auch, dass man die hysterischen Begeisterungsschreie hört, die andeuten, als welche Offenbarung man Can seinerzeit wahrgenommen hat. Welche Energie mit dieser Musik freigesetzt worden ist und mit welcher Brutalität sie damals gewirkt haben muss, ist diesem Dokument nicht weniger anzuhören, als Monster Movie vor allen Dingen eine klaustrophobische Enge vermittelt, die im harten Kontrast zur psychedelischen Weite dieser Zeit stand, aber zugleich aus derselben ästhetischen Orientierung heraus entstanden ist.

{image}Der Einfluss von Can ist auch heute noch deutlich spürbar. Wer Spoon over Babaluna aufmerksam hört, der erkennt diesen eigentümlichen Gitarrenklang wieder, der mit seiner Mischung aus mechanischer Anmut, sakraler Erhöhung und klagendem Timbre eigentlich das gesamte Album Yanki U. X. O. von Godspeed You! Black Emperor einprägt und unverwechselbar macht. Wer sich beim Hören von Future World von Trans Am an Kraftwerk, Slayer und AC/DC zugleich erinnert fühlt, der darf dabei nicht überhören, wie der maschinenartige Grundrhythmus der Platte stark in Anlehnung an Can gehalten wird und alle Elemente miteinander verbindet. Und die Offenheit, die das Opus Magnum TNT von Tortoise auszeichnet, die erkennt man rasch in Future Days von Can wieder. Nicht weniger, als man Can ganz deutlich als Referenz in dem Stück Djet von der schon einmal erwähnten Platte Millions now living will never die von Tortoise hören kann.

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