Hot Water Music

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2006 wurde aus einer angekündigten längeren Auszeit schließlich das Ende der Band. Die Fans wurden seitdem jedoch mit ausreichend Alternativen versorgt. Der Reunion gegenüber ist natürlich dennoch niemand abgeneigt – nur etwas skeptisch, vielleicht.

{image}Mit großer Freude aber auch ein wenig Skepsis reihe ich mich in die lange Warteschlange vor dem Metro ein, einem Live-Club ganz am Ende einer langen Party-Meile im Norden Chicagos. Nicht nur der kalte Schneematsch, der mittlerweile durch meine Turnschuhe bis zu den Socken vorgedrungen ist, drückt ein wenig auf die Stimmung, sondern auch die Tatsache, dass hier heute Abend eine Band eines ihrer wenigen Reunion-Konzerte spielen wird, die eigentlich gar nicht lange weg war. Und wie das eben so ist mit Reunion-Shows, einerseits besteht die Hoffnung, dass Hot Water Music hier und heute wieder an genau die alten Zeiten anknüpfen, in denen sie sich damals den Ruf einer formidablen Live-Band erspielt haben, oder sie folgen den anderen zahlreichen Beispielen, von denen man heute sagt: "hätten die alten Männer das mal lieber bleiben lassen". Schauen wir noch mal kurz zurück: 2006 wurde aus einer angekündigten längeren Auszeit schließlich das Ende der Band, die Fans wurden jedoch seitdem mit ausreichend Alternativen versorgt. Chuck Ragan schlug einen neuen Weg ein und veröffentlichte mehrere von Country beeinflusste, aber durchaus liebenswerte Soloalben und Singles. Der Rest der Bande meldete sich als Trio unter dem Namen The Draft zurück. Viel änderte sich nicht, denn The Draft versuchten weiterhin irgendwie nach Hot Water Music zu klingen und Ragans Egotrip versteht sich musikalisch auch nur als eine Fortführung eines anderen HWM-Seitenprojekts – Rumbleseat.

Wie gut Chuck Ragan auch ohne seine nun wiedervereinigte Band auskommt, stellte er bereits am Vorabend eindeutig unter Beweis. {image}Denn, ebenfalls in Chicago, setzt er vor die zwei ausverkauften Konzerte noch eine Solo-Show und begeistert mit akustischer Gitarre und vor allem eben seiner durch ehrlichen Whiskey und harter Arbeit gebeizten Stimme. Der Joe-Cocker-Vergleich wäre nicht nett, muss aber irgendwie sein, halt "in cool". Musikalisch also top, nur ob es finanziell auch reicht? Der ohnehin nicht besonders große Konzertraum der Schuvas Tavern ist gerade einmal nur gut gefüllt. Ganz anders sieht es dann einen Abend später aus! Um Punkt 22 Uhr erfreut sich ein dicht gedrängeltes "Mitte Zwanziger"-Publikum am Anblick des doch lange vermissten Backdrops mit dem schicken Wasser und Flamme-Logo. Die Spannung ist deutlich spürbar. Es dauert nicht lange und die zum Teil von sehr weit hergereisten Fans der Hot Water Music beweisen schon beim ersten Song A flight and a crash ihre Textsicherheit.

Weiter geht’s mit Material, das überwiegend aus den aktuelleren, auf Epitaph erschienenen Alben stammt. Nach 5 Songs fehlt allerdings die No-Idea-Phase, in der die Band, gegen Ende der 90er, auch hierzulande durch ihre zum Teil improvisierten und tiefergehenden Songs, aber vor allem durch ihrer wahnsinnige Live-Energie überzeugen konnte. Und als ob man meinen fragenden Blick von der Bühne aus erkannt hätte, werden dann die alten Sachen ausgepackt. {image}Roofttops, Just don’t say you lost it, Turnstile – alles klar, jetzt bin auch ich vollkommen überzeugt: diese Reunion muss sein. Die Band scheint zu alten Kräften zurückgefunden zu haben. Die kurze Pause kam offenbar gerade Recht, um sich anderweitig auszutoben und dann gemeinsam zum Guten zurückzufinden. Manchmal habe ich noch den Eindruck, untereinander läuft noch nicht alles wieder in den vertrauten Bahnen, doch mit jedem weiteren Song wächst hier in diesem Augenblick wieder alles zusammen.

Schließlich gibt es dann noch ein paar warme Worte vom verlorenen Sohn himself: "This comes from the bottom of our hearts, we had never thought that this will ever happen again", spricht der sichtlich zufriedene Chuck zu uns – und die Menge jubelt. Auch meine anfänglichen Zweifel sind verflogen. Ja, ich nehme den Männern da oben alles ab. Die machen das nicht wegen des Geldes oder dem Ruhm. Die Vier müssen da oben stehen, das ist Kunst. Oder? Ich denke, ich werde ein Wiedersehen mit meiner Skepsis zelebrieren dürfen, spätestens dann, wenn HWM ein neues Album ankündigen werden. Dann stellt sich wieder die Frage, ob das denn nun gut wird oder sie das besser nicht hätten tun sollen.

Setlist: A flight and a crash – Wayfarer – Paper thin – Trusty chords – Jack of all trades – Rooftops – Kill the night – Instrumental – Free Radio Gainesville – All heads down – The end of the line – Moonpies for Misfits – God deciding – I was on a mountain – No division – Just don’t say you lost it  – Old – It’s hard to know – Remedy – Manual – Turnstile – Giver – Alachua – 220

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