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Glorytellers © Southern Records

Die Cunninlynguists sind endgültig ganz vorne angelangt, während Tocotronic sich verirrt zu haben scheinen. Slut finden sich in Mittellage wieder, die Glorytellers legen zum ersten Mal richtig vor, Autechre legt nach. Zwei Top-Alben haben uns direkt aus dem Artistpool erreicht: "neo:NoiR" von All:My:Faults, ein gelunges Werk mit dunklem Charme und "Kra!" von Suchtmaschine, mit dem sich die Band gekonnt gleich zwischen mehreren Genres platziert.

Cunninlynguists – Dirty Acres | Label: Soulfood

{image}Nach dem genialen Konzeptalbum A Piece of Strange und zahlreichen begeisterten Besuchern europäischer HipHop-Festivals, haben die Lynguists nun auch die Aufmerksamkeit der deutschen Medien erlangt. Dabei ist das neuste Werk Dirty Acres bereits die vierte LP-Veröffentlichung der Crew aus Kentucky um Deacon the Villain, Natti und Kno, die neben dem vorherrschenden Crunk und Dirty South Rap den etwas anderen Südstaaten-Style repräsentieren. Früh wird man beim durchhören auf die von Kno häufig verwendeten high-pitches aufmerksam (KKKY, Wonderful), über die Deacon aber derart locker flowt, wie der Mississippi durch Kentucky strömt und damit zum ultimativen Hochgenuss beiträgt. Dazu stellt er immer wieder sein außerordentliches Gesangstalent unter Beweis. Mit jedem Track steigert sich die atmosphärisch eingebettete Musik, gerät mehr und mehr ins Fahrwasser und mündet mit Summer’s Gone schließlich in hochklassigen HipHop-Blues. Kno gelingt es mit seinen melancholischen Produktionen, den Südstaatenflair einwandfrei einzufangen und die oftmals brisanten Themen in ein rauchzartes melodisches Gewand zu werfen. Unterstützung am Mikrophon bekommen die listigen Linguisten unter anderem von Witchdoctor, und auch Phonte von Little Brother hat sich unter die rappenden Gäste gemischt. Thematisch bedeutet "Dirty Acres" ungefähr, dass die Vereinigten Staaten auf gestohlenem Land stehen, das auf Sklavenarbeit aufgebaut wurde und, dass jeder, der heute dort lebt, davon profitiert. Die Inhalte sind entsprechend wieder sehr komplex und auch das Gesamtprodukt Dirty Acres weiß komplett zu überzeugen.
Wertung: + + + + + (Andreas Margara)

Suchtmaschine – Kra! | Label: Eigenvertrieb

{image}Musik kann zur Sucht werden – das ist ja nichts Neues. Leider noch recht unbekannt, allerdings mit einem extrem hohen Suchtfaktor, kommt das Paderborner Post-Rock-Quartett Suchtmaschine daher. Zutreffender könnte ein Bandname gar nicht sein, denn nahezu maschinenartig musizieren Suchtmaschine auf ihrer EP Kra! irgendwo zwischen Explosions in Sky, Pelican oder Mono. Platz für eigene Ideen bleibt jedoch allemal: So sind neben den im Post-Rock üblichen Instrumenten auch ergänzende Musiker mit Saxophon, Violine und Piano beschäftigt, die den Songs gelegentlich auch einen Hauch von Jazz verleihen. Besonders positiv fällt der Schlagzeuger Sebastian Sperl auf, der durch enorme Präzision überzeugen kann und gelegentlich auch an John Stanier (Anm. d.Red.: Ex-Schlagzeuger von Helmet und nun bei Tomahawk und Battles beschäftigt) erinnert. Einen wirklichen Favoriten kann man auf Kra! nur mit Mühe ausmachen, denn die EP funktioniert als Gesamtwerk noch am besten. Ein Schritt in Richtung Norwegen gehen die Jungs auf Ich sähe ein Schlachtfeld, denn dort gehört das Saxophon eben zur Grundausstattung im Post-Rock und Bands wie Supersilent oder Jaga Jazzist kommen einem als Vergleich in den Sinn. Durch gelegentliche Sprachpassagen schaffen Suchtmaschine auch eine ganz eigene Stimmung und in diesem Zusammenhang darf als ein weiteres Highlight wohl Kräuterboy Ahoi genannt werden. Piano und orchestral anmutende Gitarrenwände funktionieren so gut, dass man sich beinahe die Frage stellen muss, wie diese Instrumente überhaupt ohne einander auskommen können. Eine großartige EP von einer Band, die man unbedingt im Auge behalten sollte und getrost neben den Lieblingsalben einsortiert werden kann.

Wertung: + + + + (Christian Bethge)

 

Glorytellers – Glorytellers | Label: Southern Records

{image}Geoff Farina ist zurück. Als leiser, einfühlsamer Geschichtenerzähler kommt der Gitarrist und Sänger daher, der bisher vor allem als Frontman der Bands Karate und Secret Stars bekannt war. Das selbstbetitelte Debüt sehen die Bandmitglieder gerne als "ihre" neuen Karate, was den Stolz auf das Songmaterial angeht. Und hier haben die Musiker, zu denen auf Tour z.B. Josh LaRue (HIM, The Sorts, Mice Parade) und der Drummer Gavin McCarthy (Karate) zählen, selbst nicht ganz unrecht: Natürlich hat Farina eine unverwechselbare Art, seine Gitarre zu spielen und auch seine Stimme – auch hier wieder passend dünn gemischt – hat sich gegenüber der alten Band natürlich nicht verändert. Auf Glorytellers steht beides sogar mehr im Vordergrund, denn im Gegensatz zu Karates Indie-Blues-Rock-Mix ist dieses Album nahezu eine typische Singer/Songwriter-Scheibe. Akustische Klänge dominieren, neben Gesang und Gitarre wird alles andere nur sehr sparsam eingesetzt. Über diesem offenen, federleichten Sound erzählt Farina seine Stories: Da geht es dann z.B. um eine Mutter im Teenager-Alter, die ihr Kind entgegen den konträren familiären Wünschen selbst aufzieht, um Eltern, die für einen Präsidenten stimmen, der ihre eigenen Kinder dann in den Krieg schickt oder um ein Erlebnis, das Karate auf Tour ereilte: Sie beobachteten einen Mord im Drogenmilieu. Außerdem gelingt es der Band, das Album nicht nur textlich, sondern trotz der Sparsamkeit auch musikalisch abwechlungsreich zu gestalten: Den Opener Camouflage trägt Farina solo vor, bei Quarantine steht der Groove der gesamten Band im Vordergrund – gleichzeitig ist es jenes Stück, das noch am direktesten an Karate erinnert. Und so kann man bei den Glorytellers völlig bedenkenlos zugreifen: Das Album ist immer wieder hörbar, wird nicht langweilig und macht sich im CD-Regal hervorragend neben den Veröffentlichungen von Karate.

Wertung: ++++ (Markus Biedermann)

 

Autechre – Quaristice | Label: Warp Records

{image}Autechre haben mit ihrem letzten Album Untilted ein relativ direktes und zugängliches Album geschaffen, das hauptsächlich mit Hardware produziert wurde und geradliniger ausfiel als all die Vorgänger. Doch war es gerade die einzigartige Klangvariabilität, die Autechre in der Vergangenheit so besonders gemacht hat und viele Fans waren über die spätere Entwicklung etwas entäuscht. Immerhin konnten sich Sean Booth und Rob Brown den Ruf erarbeiten, die absolut genialsten und fähigsten Sound-Frickler der Gegenwart zu sein. Mit Quaristice meldet sich das Duo nun zurück und überrascht durch einen Schritt zurück, denn eingängige Melodien stehen wieder vermehrt im Mittelpunkt, genauso wie es zu Beginn ihrer Kariere der Fall war. Diese harmonieren perfekt mit abstrakten Rhythmen wie noch vor Jahren auf den Alben Confield oder Chiastic Slide, die ebenfalls auf Warp Records erschienen sind. Auch Industrial-Klänge sind vertreten: so wird aus den unmöglichsten Geräuschen langsam ein rhythmisches Grundgerüst geschaffen, das sich ständig zu verändern scheint. Mit unfassbaren Zeitsignaturen und wirren Drums spielt das Duo auf Quaristice besonders gerne. Im Bereich Sounddesign setzen Autechre wieder neue Maßstäbe, denn sie schaffen es, Synthesizer auch mal wie Gesang klingen zu lassen oder über die so genannte "Physikalische Modulierung" (Info auf Wikipedia) gitarrenartige Klänge mit Streichern zu verschmelzen. Autechre werden demnächst auf Tour sein und diese – willkommene – Veränderung live auf die Leute los lassen. Wer sich dieses Spektakel noch nicht anhören konnte (sehen ist übrigens schwierig, da Autechre oft in völliger Dunkelheit spielen), der sollte sich das nicht entgehen lassen (Review: Melt! 2007). Quaristice kann ab sofort im Bleep-Shop als MP3- und Flac-Datei erworben werden, der Release-Termin für die CD und Vinyl ist der 03.03.2008. Ae sind zurück.

Wertung: + + + +  (Christian Bethge)

 

All:My:Faults – neo.NøiR | Label: afmusic

{image}neo.NoiR, das neue Album der "Electro Gothic Industrial"-Rocker All:My:Faults aus Duisburg, hatte eine schwere Geburt. Der Releasetermin musste mehrfach verschoben werden. Umso spannender wurde erwartet, wie sich der Online-Release dann letztendlich entwickeln würde: Bis dato als eindeutiger Erfolg. Bereits kurz nach der Veröffentlichung waren über 10.000 Downloads gezählt worden. Falk von afmusic, dem Netlabel und Management der Band, freut sich auf alles, was da noch kommen mag: "Nächstes Ziel die 100.000 und wenn nur 1% davon dann auch zur Spende oder dem Bezahldownload greifen, hat sich 4 Jahre Arbeit dann auch in dieser monetären Form ausgezahlt. Allerdings ja nicht, um uns reich zu machen, sondern vielleicht sogar dieses Album dann endlich mal auf CD zu manifestieren." Doch wofür gilt es eigentlich zu spenden, was macht die Musik von All:My:Faults zu einem überaus lohnenswerten Download? Die Begleitinfo trifft hier den Kern der Sache: düstere Klang- und Gefühlswelten werden geschickt mit klassischen Rock-Arragements verbunden. Anleihen bei den elektronischen Klängen, Rhythmuseffekten und Gesangsstilen der Größen des Dark und New Wave – es stecken je kleine Teile von Depeche Mode, den Sisters of Mercy, Anne Clark und ein Hauch der Fields of the Nephilim in neo.NoiR – paaren sich mit streckenweise metal-lastigen Gitarren, richtig dicken und schnell gespielten Brettern. Der Gesang variiert: Mal glaubt man, sich auf einem 80er-Jahre-Sampler hin zu einem der alten Tracks von Camouflage verzappt zu haben, dann wieder holen geschriene, herausgepresste Passagen jeden Hörer zurück in die Realität des dargebotenen Industrial-Rock: hier geht es hart zu. Und hier geht es variantenreich zu. Deshalb ist neo.NoiR ganz sicher kein Album, das sich sofort beim ersten Hören erschließt. Im Gegenteil haben All:My:Faults einen echten "Grower" vorgelegt. Freunde des Genres werden hier nur mit Mühen eine Schwachstelle ausfindig machen können. Alle anderen seien gewarnt: Diese Band zielt mit ihrer Musik auf den eingeschworenen Underground, keinesfalls auf den Mainstream.

Wertung: ++++ (Markus Biedermann)

 

Tocotronic - Kapitulation Live | Label: Universal

{image}Dem Autor ist unklar, ob und wie viele Freunde Tocotronic mit ihrer Platte Kapitulation hinzugewonnen haben. Wenige werden es wohl nicht sein. Pure Vernunft darf niemals siegen, also den Vorgänger, wird man in der Tat nicht nur als einen Meilenstein im Werk der mittlerweile vier Hamburger sehen können, sondern zugleich als einen sowohl textlichen wie auch musikalischen Höhepunkt. Nicht nur die Presse ist verstärkt aufmerksam geworden, sondern mit ihr auch schätzungsweise viele Leute, denen nun Kapitulation in jeder Hinsicht zugänglicher erscheinen wird. Viele der Stücke haben Mitgröhlcharakter. Sentimentalität und Verträumtheit zugleich als politisches Statement im swingenden Poprockgewand. Damit läuft man Gefahr, so vielsagend zu werden, dass es schon wieder nichtssagend ist. Pure Vernunft darf niemals siegen blieb da gekonnt in der Schwebe und andeutungsvoll spannungsreich, wo Kapitulation kippt. Diesen Eindruck wird man leider auch nicht los beim Hören der zugehörigen Live-Platte. Was erst mit der Zeit bei Tocotronic immer reizvoller wurde, scheint nun seinen Zenit überschritten zu haben. Gerade der Marsch durch ihre Platten, die in der Studioversion so unterschiedliche Akzente setzten, wurde mit zunehmender Veröffentlichungszahl auch live zu einem Erlebnis. Denn spannend und energisch verstanden es Tocotronic immer, neue Lieder mit alten zu kontrastieren, ohne dass dadurch die Setlist auseinander gefallen wäre. Auch hier fällt sie nicht auseinander. Aber es fehlt ihr der Zahn. Und das gerade wegen der Mitgröhlqualitäten von Kapitulation. Verträumte Sentimentalität und Gröhlerei – das ist ein Experiment wert, aber in der Popmusik geht das schnell schief und ist dann gerade nicht mehr so subversiv, wie angedacht. Auf der Live-Platte gibt es einen (zwar aufgrund des Titels nicht überraschenden, aber trotzdem) bedauerlichen Überhang an Stücken von Kapitulation. Darauf ist es vielleicht zurückzuführen, dass den älteren Stücken (z.B. Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen, Drüben auf dem Hügel und Freiburg) der Saft abgezogen wird und dass auch Granaten wie Aber hier leben, nein danke nicht zünden wollen – trotz gesteigerter Geschwindigkeit. Hoffentlich werden Tocotronic nicht kapitulieren (der Bonustrack Wehrlos legt die Vermutung nah), sondern rappeln sich auf und finden wieder zu Neuem – wie so oft schon.

Wertung: + + (Alex Aßmann)

 

Slut – StillNo1 | Virgin (EMI)

{image}"the less we let loose and the shorter we stay / the more we will talk though we've got nothing to say / whatever it takes to get numb I'll be still number one".  Die ironisch gebrochenen Zeilen aus dem Titeltrack konnten bei den meisten, die das neue Album von Slut bereits rezensiert haben, doch nicht ganz die eine Frage wegwischen: Was wollen einem Slut mit dem Titel StillNo1 vermitteln? Gegen wen wird sich hier positioniert, wenn überhaupt? An welcher Grenzlinie, mit welchen Vergleichen wollen sie gemessen werden? Tatsache ist, dass sich die Band aus dem bayrischen Kleinod Ingolstadt ständig wandelt und damit mit jeder neuen Veröffentlichung das Risiko eingeht, alte oder erst kürzliche gewonnene Fans zu verprellen. Nach gitarrenlastigen Alben, einem Ausflug ans Theater und etlichen anderen Varianten des eigenen Schaffens, wird jetzt an das bisher poppigste Release – Lookbook – angeschlossen. Gleich mit den ersten Klängen macht die Produktion dies deutlich: Klarer, weicher Klang mit zurückgenommenen Gitarren. Nach vorne gestellt werden Keyboardsounds und Gesang; wo schon mal spartanisch instrumentiert wurde, schöpft man diesmal (mit Chören, Akkordeon, Streichern, singenden Sägen, Klavier, Bläsern und den in den Hintergrund verlagerten Gitarrenwänden) aus einem Fundus, der nicht vielen Bands zur Verfügung zu stehen scheint. Heraus kommt ein fantastisch arrangiertes Stück reinster Popmusik, das mit der Single Wednesday auch einen waschechten Hit aufzuweisen hat: auf Klavier und Gesang reduziert, zeigt sich hier der wahre Kern von StillNo1 – die große Melodie. Chris Neuburger versteht es, den Songs Linien einzuhauchen, die haften bleiben und "nett" anzuhören sind. Doch an dieser Stelle kommt man dann auch zum Kern der Kritik an StillNo1: Slut waren als Indie-Band großartig, als Popband mit großer Instrumentierung müssen sie sich an ganz anderen Maßstäben messen lassen, was diese, aber auch die Melodien, Arrangements und Produktion angeht. Und hier fehlt dann an den eigentlich gelungenen Stellen, wie dem melodischen Gesang, doch ein Element der Abwechslung und Innovation. Zum konkreten Vergleich: Rufus Wainwright kommt mit ähnlich pompöser Besetzung und Klangbild, aber den deutlich besseren, weil ausgefalleneren, Melodien und Arrangements daher. Kante haben mit Rhythmus Berlin das bessere "theatrale" Werk veröffentlicht. Slut riskieren auf StillNo1 sehr viel und liefern gemessen an der eigenen musikalischen Entwicklung wohl eines ihrer besten – wenn nicht das Beste – Alben ab. Aber vor manchen sich völlig neu aufdrängenden Vergleichen kann sich die Band nicht drücken: Und da bleibt dann der Eindruck übrig, dass StillNo1 zu harmlos, zu glatt, zu langweilig ist. Für ihre Wandlung haben Slut nicht nur viel riskiert, sondern auch manches aufgegeben. Man habe kein Konzept für das neue Album gehabt, außer den Wunsch, den Minimalismus über Bord zu werfen, lassen Slut selbst verlauten. Das ist gelungen – doch das ausgefeilte Konzept, das StillNo1 zu einem spannenderen Album hätte werden lassen können, fehlt.

Wertung: +++ (Markus Biedermann)

 

So werten wir:

+

schnell auf ebay damit, bevor es jemand merkt

++

hier mangelt es an so einigen Ecken und Enden

+++

das kann sich wirklich hören lassen

++++

ein TOP-Album

+++++

das hier kann dir die große Liebe ersetzen

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