Slut
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Slut Foto: Gerald von Foris © EMI Music Germany

Dass die Wege von Slut unorthodox sind, ist bekannt. Nun ist klar, dass ihr Ausflug ins Theaterfach nicht nur ein Ende, sondern auch ein Anfang war. Nach einer Version von Brechts Dreigroschenoper und vier Jahre nach "All We Need Is Silence", meldet sich die Band jetzt mit "StillNo1" zurück. Im Rahmen der Promotour hatten wir die Möglichkeit mit dem Bassisten der Band, Gerd Rosenacker, ein ausführliches und persönliches Gespräch zu führen.

StillNo1 ist ein Album, dessen Titel jeder verstehen darf, wie er gerne möchte. Ein Album, das jedoch unmissverständlich artikuliert, warum Slut seit jeher eine Sonderrolle einnehmen. Die Zeit von Purismus und Reduktion ist jedenfalls vorbei. Slut haben einen neuen Spielplatz gefunden – eine Arena, deren Ausmaße offenbar gigantisch sind. Wo zuletzt spartanisch instrumentiert wurde, schöpft man diesmal (mit Chören, Akkordeon, Streichern, singenden Sägen, Klavier, Bläsern und den obligat apokalyptischen Gitarrenwänden) aus einem Fundus, der nicht vielen Bands zur Verfügung zu stehen scheint. Auch die große Mühe, die sich Slut beim Artwork gegeben haben – das Cover mit einem Bild des Berliner Künstlers Sigurd Wendland –, dabei dann auch viele Bilder im Booklet, das sind wahrlich gute Gründe die neue CD zu kaufen und nicht einfach runterzuladen.

"Vor allem ist die Qualiät ist nicht die Beste beim Runterladen und das würde mir sehr weh tun. Wenn man im Studio steht und sich den Arsch aufreisst, damit es gut klingt, und man kommt dann an einer Bushalte vorbei und hört das Lied als Handymusik... Nein, das geht so nicht" sagt Gerd Rosenacker, der sich eine knappe Stunde Zeit nimmt, um sich, das neue Album und die Band vorzustellen. Wenn er selbst mal aus beruflichen Gründen Musik runterladen muss, dann löscht er sie anschließend direkt wieder, kauft sich aber auch gerne selbst CDs, wie zum Beispiel das letzte Album der Queens of the Stone Age. Ist das typische Musik für die Freizeit des Bassers? "Wenn man selber in dem Genre arbeitet, dann neigt man dazu, vieles zu analyisieren. Zur Entspannung höre ich fast nur Folklore-Kram und Balkanmusik. Da ich da selbst her bin ist das ein bißchen Heimat."

Generell ist der Besuch von zahlreichen Konzerten eine der großen Leidenschaften der Bandmitglieder. Neben Gerd Rosenacker sind dies Chris Neuburger (Gesang, Gitarre), Rainer Schaller (Gitarre), Matthias Neuburger (Schlagzeug) und Rene Arbeithuber (Keyboards). Zuletzt 3 Shows in einer Woche schafften die Jungs trotz dem aktuellen Release- und Promostress. Ab Januar stehen auch wieder eigene Konzerte an. Die Promotour zu dem neuen Album, gefolgt von 3 Wochen Schweiz, Österreich und Deutschland im März. Sie freuen sich besonders auf die Gigs in Berlin und München, da die beiden Städte Sluts Pole sind. Ein besonderes Highlight ist aber auch wieder Traunstein, wo sie selbst auch gerne mal privat hin fahren.

Lieder ändern sich manchmal im persönlichen Empfinden, wenn sie dann live gespielt werden und "ganz ruhige Sachen neigen dazu, sich als Problem herauszustellen. Durch das Adrenalin in den Adern der Rockkonzertbesucher entsteht eine andere Aufmerksamkeit als die, die man für ein ganz ruhiges Lied braucht."Wieso dann Wednesday (in diesem eher ruhigen Song wirken mit: ein Klavier und ein Text von einem Sänger, dem man jedes Wort gleich dreimal und für den doppelten Preis abzukaufen bereit ist) als Vorabwerbung?  "Das ganze Spiel um Album/Single/Promo wird so entmystifiziert und außerdem macht das Lied klar, dass wir jetzt einen neuen Weg gehen." Gerd lässt sich schwer auf ein persönliches Lieblingslied von StillNo1 festlegen, da er alle sehr gerne mag und die Lieder auf dem Album ausgewählt werden konnten und sich die Band nicht noch etwas "aus den Rippen schneiden musste" um die Tracklist zu vervollständigen. Wenn er eine Besonderheit hervorheben muss, die er in der Zeit bei Slut gelernt hat, dann ist es "dass man gelernt hat, mehr auf das zu achten, was man selber will. Die Möglichkeit zu haben so zu leben, die Möglichkeit ist einfach nur toll. Wie ein fünfköpfiges altes Ehepaar ergänzen wir uns. Das ist eine Art von Erfahrung, die man mit sonst niemandem teilt. Ich hab den besten Beruf der Welt. Fussballprofi wär auch okay... aber da muss man soviel laufen."

An zwei Tagen im Jahr wird dann aber doch schonmal gezweifelt: "Wieso habe ich keinen Hund und eine Frau, drei Kinder, ein Reihenhaus, regelmäßiges Einkommen und eine Rentenversicherung? Aber ich habe mich bewusst dagegen entschieden und dafür jetzt den Luxus das zu tun, was ich für richtig halte, und das ist etwas ganz Besonders." Gerd sieht Stabilität und Stagnation sehr dicht beeinander: "Je mehr man sich absichert, desto mehr Gründe gibt es, um in Panik zu geraten. Das Streben nach Sicherheit ist die größte Pest unserer Zeit." Differenziert betrachtet spricht er hier von einer Art "langfristigem Sicherheitsstreben". Da er aber keine Prinzipien hat, an denen er um jeden Preis festhalten muss, gilt: "Wenn da eine Frau kommt, die mich umhaut, dann kann aus dem Albtraum 'Hund, Kinder, Reihenhaus' auch ein Traum werden."

Es ist offensichtlich, dass der sympatische Ingolstädter viel Wert auf Feinheiten legt und Humor eine besondere Rolle für ihn spielt. Wie schaut's denn mit den sonstigen Prioritäten aus? "Ich habe da ein eher ritterliches Verständnis: ethische, moralische und menschliche Eleganz." Elegant dreht er auch die Frage nach Vorbildern um und meiner Aussage "Courtney Love, denn ich wäre gerne entspannter in meinem Selbstverständnis" schließt er sich sofort an: "Ich mach dann gleich mit. Ich wäre gerne weniger cholerisch." Es gibt für ihn viele Gründe zornig zu sein, besonders Respektlosigkeit und Unaufmerksamkeiten machen ihn rasend: "Wenn jemand nicht Danke sagt fürs Tür aufhalten, zum Beispiel. Es gibt einfach extrem viele Bereiche, wo Leute sich nicht so benehmen, wie man es erwartet." Doch halb so wild: Immerhin kann er hinterher wahnsinnig gut über sich selbst lachen und macht sich außerdem noch gerne zum Kaspar.

Die Auswirkungen auf den Alltag? Schwer zu sagen, denn so einen richtigen Alltag hat er nicht. Es sei denn die Studioarbeiten stehen an, ansonsten hat der Beruf so viele verschiedene Bereiche, dass da kein Alltag entstehen kann. Aber wenn er mal Zeit hat, dann gibt es ein immens langes Frühstück und ein bißchen am Fenster sitzen und Rausschau-Action. Um aber wirklich runterzukommen muß Sport herhalten. Langstreckenkram: Schwimmen und Laufen, aber ohne MP3-Player. Stattdessen mit Vogelgezwitscher: "Ingolstadt ist etwas zwischen Land und Stadt. Wir wohnen zwar im Stadtkern, aber drumherum beginnt gleich die Pampa." Wenn wir schon beim Thema Ingolstadt und Bayern gelandet sind: Ist es leicht in Ingolstadt ein Künstlerleben zu führen? "In Ingolstadt ist es schon ein Problem nicht stereotyp zu sein. Wir haben Erfolg und deswegen ist das okay, aber auch nur weil es in der Zeitung steht. Da gibt es Parameter, die sich gleichen und es deswegen nicht ganz leicht ist, ein Künstlerleben zu führen, wenn man nichts vorzuweisen hat." Sie sind aber alle zurück gekommen nach Ingolstadt und haben sich da mit Freunden aus jüngster Kindheit einen Stammtisch aufgebaut. "Da sind dann ein Lehrer, Zahnarzt, Nachtschichtarbeiter und alle Kindheitsfreunde beisammen. Das ist immer sehr sehr lustig und von dauerhafter Fortbildung. Da man dort lernt, die Leute zu verstehen. Und das ist toll."

Was bleibt uns jetzt noch zu fragen? "Was bist Du eigentlich?" "Ich bin manchmal so und manchmal so." Wie wärst Du gerne? "Manchmal mehr so, manchmal mehr so."

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