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Charlotte Hatherley. Das ist für die meisten eben "die von Ash". Dabei ist sie mittlerweile nichts weniger als das. Bereits am 21. Januar 2006 war es aus mit Ash als Vierer. Nun kam Hatherley mit ihren zweiten Soloalbum auf Akkustik-Tour.

Angefangen hatte alles eigentlich im Westen Londons, wo Charlotte Hatherley bei den Proto-Punks von Nightnurse Gitarre spielte. 1997 wohnte Ash-Frontmann Tim Wheeler einem Konzert der Band bei und holte Hatherley vom Fleck weg in seine Band. Wenig später stand sie vor Zehntausenden auf den ganz großen Festival-Bühnen. Ganz reibungslos verlief der Anfang nicht. Eine Frau in der Band, die gerade mit Songs wie Girl From Mars, Kung Fu und ihrem Debüt 1977 an die Schlafzimmerwände britischer Teenies gestürmt war, das konnte nicht ohne Eifersuchtsanfälle von Statten gehen. Doch Charlotte Hatherley zeigte schnell, was Ash über Jahre an ihr haben sollten. Bereits ein Jahr später landeten zwei von ihr geschriebene Songs als B-Seiten auf Ash-Singles. In den folgenden Jahren sollten ihre Songs das B-Seiten Level nur selten überschreiten. Nichtsdestotrotz erschien 2004 Hatherleys Soloalbum Grey Will Fade, das mit moralischer Unterstützung der Band entstanden war. Die Singles Bastardo und Kim Wilde waren die Startschüsse für Hatherleys aufstrebendes Selbstbewusstsein als Songwriterin, aber auch der erste Schritt in Richtung eines Splits von Ash. Denn der Hatherley’sche Output war zugleich ein notwendiges Ventil, als die Produktion von Ashs Meltdown nicht mehr den Vorstellungen der Gitarristin entsprach. Fortan rückten die eigene Solokarriere und unabhängige musikalische Initiative abseits der Band merklich in den Mittelpunkt. Nach dem Meltdown-Release steuerte sie für das von Rick Rubin produzierte Album Armed Love der (International) Noise Conspiracy die Backing Vocals bei, spielte 2005 als zweiter Headliner beim Reading und Leeds Festival sowie auf dem Fuji Rock Festival in Japan. Gemäß dieser Entwicklung erschien der Ausstieg Hatherley’s Anfang 2006 nur folgerichtig. Ash wollten wieder als Dreier arbeiten, Hatherley selbst tendierte mehr und mehr in eine andere musikalische Richtung als die Band.

Im Sommer 2006 erfolgten die Aufnahmen für das zweite Album The Deep Blue in Italien und eine Kollaboration mit Andy Partridge. Das Duett mit Kim Wilde (Kids In America) landete weit oben in den Charts und Anfang 2007 kam das neue Album auf den Markt, veröffentlicht auf Hatherleys eigens gegründetem Label Little Sister Records. Umgehend sah Charlotte Hatherley sich geadelt von einem ihrer größten musikalischen Helden.

Kein geringerer als David Bowie überschlug sich angesichts der ersten Single-Auskopplung Behave förmlich: "Behave is proof that Charlotte made the right decision to go solo. The guitar part is an instant hook, that has a kind of Eno-esque quirkiness about it...Impossibly catchy, you'll find this popping into your head when you least expect it." Zweifelsohne ein besonderer Moment für die mittlerweile 28jährige, nach Eigenaussage kamen ihr angesichts dieses Lobes die Tränen. Überhaupt sollte 2007 für Hatherley ein ereignisreiches Jahr werden. Die UK-Tour im Frühjahr, der Support von Blondie und die Unterstützung an der Gitarre für Altstyler Bryan Ferry. Die letzte Nachricht aus dem Hause Hatherley verkündete den (temporären) Einstieg am Bass bei Client unter dem für die Elektro-Stewardessen von Client obligatorischen Pseudonym Client C als Ersatz für Client E, das Supermodel Emily Mann.

Für den Winter stand eine Europa-Tour mit ihrem letzten Album unter dem Motto The Deep Blue – Laid Bare an, mit anderen Worten: Eine Akustik-Tour. Kein risikoarmes Unterfangen, bedenkt man, dass Hatherleys Erfolg die britische Küste noch nicht nennenswert überschritten hat. Am 2. Dezember brachte sie ihre zweifelsohne hörenswerten Songs auf die Bühne des Café Central in Weinheim. Einen Tag vor dem Auftritt im Café Central ließ Hatherley auf ihrer MySpace-Seite folgendes verlauten: "I love touring Deutschland in the winter. It reminds me of endless European touring with Ash […]. This will be the last tour of the year, and I'm prepared for it to be nothing but a good time. Hell yeah."

Good time? Hell yeah? Wer an diesem Abend das Café Central betrat, durfte sich mit Fug und Recht reichlich geschockt zeigen, angesichts einer 1A-Geisterkulisse von 13, später 17 Zuschauern. Eine etwas spärliche Ausbeute für eine Musikerin, die in der Heimat Hallen füllt und Charts zu stürmen weiß. Charley Stone, ehemaliges Bandmitglied von Gay Dad, Sportsbra und Planet In The Ocean, außerdem solo tätig, tut ihr Bestes, um den Blick in den gähnend leeren Raum hinter ein paar Haarsträhnen zu vermeiden und mit introvertiertem Genuschel und schwer zugänglich dargebotenen Songs im Boden zu versinken. Selbst das Ende ihres Auftritts geht in der allgemeinen Fassungslosigkeit etwas unter. Wie die Eloquenz in persona erscheint dann eine einfach nur relaxte Charlotte Hatherley, die das offenbar geringe Interesse an ihrer Musik mit den Worten "We’ll have a quiet evening tonight" abkanzelt. Musikalische Unterstützung erhält sie von der zunehmend auftauenden Charley Stone und Jen Macro. So ganz lässt sich die Enttäuschung über die gesamte Konzertlänge jedoch nicht verbergen. Einige wenige beiläufig eingestreute Hinweise auf ausverkaufte Hallen in England und das oben zitierte Zitat Bowies kann sich Hatherley nicht verkneifen. Leider nur zu verständlich, denn ihre Songs haben wahrlich mehr als 34 Ohren verdient. Als dann Jen Macro im Zwiegespräch noch Hatherley ihre Rolle bei Ash verkennt (auf ein "…Charlotte, the former Ash bass-player" folgt ein trocken-resigniertes "Six strings, darling" von Hatherley), hilft nur noch ein schleunigst herbeigeholter Jägermeister.

Aber nicht allem hängt heute Abend das Prädikat "irgendwie traurig" an. Behave ist auch ohne Strom eine Offenbarung, Kids In America entlockt den Beistehenden ein Mindestmaß an Interaktion und für die atemberaubende Interpretation von Kites (Simon Dupree & The Big Sound) gebührt Hatherley im Geringsten der Jeff-Buckley-Cover-Award. Keine Frage, Charlotte Hatherley beherrscht ihr Handwerk und weiß was sie kann. Sie muss es eigentlich keinem mehr beweisen. Sollte man meinen. Tatsächlich schafft es das großzügige Dutzend im Zuschauerraum doch noch, die drei Musikerinnen zu einer Zugabe zu bewegen. Charlotte Hatherley ist professionell, selbstbewusst, schlicht und ergreifend gut genug, um die Bühne mit erhobenem Haupt verlassen zu können. Nichtsdestotrotz bleibt der schleichende Verdacht, dass dieser Abend unter der Würde einer renommierten Musikerin lag.

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