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Vic Chesnut, Ende 2007 live im Karlstorbahnhof Heidelberg © Thierry Goeckel

Das tragische Ereignis fand während seines 18. Lebensjahres statt: ein schwerer Auto-Unfall lähmte Vic Chesnutt in der Folge von der Hüfte an abwärts. Trotzdem verlor er nie seinen Lebensmut, sondern widmet sich leidenschaftlich der Musik.

Sehr oft thematisiert er in seinen Texten gerade diesen Vorfall, wohlgemerkt auf eine sehr ironische Art und Weise. Überwiegend beschäftigen sich die Songs mit den düstereren Facetten unserer Existenz, was die Lieder oft sehr bitter oder schwer verdaulich wirken lässt. Nach The Salesman & Bernadette, einer großartigen Zusammenarbeit mit Lambchop, hat Vic erneut eine All-Star Band um sich versammelt und mit ihr das Album North Star Deserter (Rezension in "aufgelegt") eingespielt. Vertreten sind unter anderem Guy Picciotto von Fugazi und Musiker von Godspeed you! Black Emperor bzw. Thee Silver Mt. Zion. Schon allein die Namen der Musiker sind also Grund genug dafür, sich rechtzeitig im Heidelberger Karlstorbahnhof einzufinden, doch dort stößt man auf ein eher trauriges Bild: das Konzert ist mit etwa 100 Gästen nicht besonders gut besucht und der Raum wirkt ziemlich leer. Schon nach wenigen Minuten ist dies aber vergessen und es macht sich die Einsicht breit, dass Bands wie Fugazi oder GY!BE wohl nicht mehr das heimische Musikrepertoire vieler Leute zieren.

Wesentlich positiver fällt der Aufbau der Instrumente und Verstärker ins Auge, denn es wurde anscheinend viel Zeit investiert, um einen guten Klang zu präsentieren. Nur so lassen sich die vielschichtigen Arrangements auch würdig abbilden. Neben Kontrabass, Violine und Gitarren, die teilweise als Eigenkonstruktion entstanden sind, befinden sich allerlei Effektgeräte sowie Sitzmöglichkeiten auf der Bühne. Mit einer Verspätung von etwa 20 Minuten lässt sich dann auch ein sichtlich gut gelaunter Vic Chesnutt blicken, um mit der Ansage "Tonight, we will rock your ass" das Eis zwischen den Gästen und der Band zu brechen.

Begonnen wird mit Everything I Say und schon nach wenigen Sekunden wird klar, dass die Intensität und Tiefe von Godspeed You! Black Emperor nahezu perfekt mit den ergreifenden Texten von Vic Chesnutt harmoniert. Trotz der enormen Anzahl und Präsenz von Verzerrern wirkt nichts unkontrolliert oder gerät aus den Fugen, selbst die sehr höhenreiche Rickenbacker-Gitarre von Guy Picciotto klingt weich und liefert mitreißende Klangwände. All das wird jedoch überboten von Vic Chesnutt, der sich während diesen epischen Passagen an seinen Rollstuhl klammert und inbrünstig singt. Als nächstes folgen etwas ruhigere Songs, die zum Großteil nur von Vics Akustikgitarre getragen werden und dabei sanfte Unterstützung von Jessica Moss’ Violine oder Thierry Armar am Bass erhalten.

Selbst kurze Fehler im Spiel von Vic Chesnutt haben einen erheiternden Beigeschmack, was vor allem auch an seinen eigenen Kommentaren liegt. So folgt nach einer kurzen Zwangspause z.B. die Ansage "Damn, i have to give everyone a blowjob after the show", bevor kurz darauf schon der nächste Song angestimmt wird. Die intime Atmosphäre ummantelt die Gäste pausenlos und es fließen Tränen, Köpfe werden geschüttelt oder man kann beobachten, wie der ein oder andere ganz verträumt die riesigen Klangwände genießt.

Nach etwa 60 Minuten dann ein kurzer Bruch: Vic Chesnutt äußert Zweifel an seinem Wohlbefinden und erleidet kurz darauf einen Zuckerschock, der sich jedoch durch Cola und Twix-Riegel in den Griff bekommen lässt. Die kleine Pause wird durch ein verbales Wechselspiel zwischen Band, Vic und den besorgten Gästen überbrückt. Doch selbst solch ein Vorfall kann Vic Chesnutt nicht von der Bühne befördern. Als ob es ihm schon fast peinlich wäre, entschuldigt er sich für "den kleinen Zwischenfall" und beginnt den Song Distortion anzustimmen, der in Sachen Intensität die bisherigen Nummern sogar zu übertreffen scheint. Das stetige Wechselspiel zwischen laut und leise ist stellvertretend für den Verlauf den ganzen Abends. Nach etwa 2 Stunden mit Zugabe wird Vic Chesnutt von der Bühne getragen und wedelt dabei wild mit seinen Armen. Es bleibt die Erkenntnis, dass irgendetwas an dieser Konstellation wohl eine einmalige Sache bleiben wird und man selbst ein Teil von etwas ganz Besonderem geworden war.

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