IAMX

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Anfang und Mitte der Neunziger erhob sich gemeinsam mit Bands wie Massive Attack oder Portishead ein eher kurzweiliges Phänomen namens Trip Hop aus der in jeder Hinsicht multikulturellen Szene in Bristol. Dort - wenn auch in Reading und nicht in Bristol – liegen die Anfänge Chris Corners musikalischen Schaffens.

Als seine Band – die Sneaker Pimps – 1997 das Album Becoming X gemeinsam mit Sängerin Kelli Dayton veröffentlichte, konnte noch kaum jemand ahnen, was aus dem strippenziehenden Astrophysik-Studenten im Hintergrund nur zwei Jahre später werden sollte. 1999 lag eine Welttournee hinter der Band, die jedem Maßstab einer durchzechten Rock’n’Roll-Tour gerecht wurde. Mit einem neuen Album namens Splinter und von nun an wie selbstverständlich am Mikro, hauchte Chris Corner dem Begriff "Diva" eine neue Daseinsberechtigung ein und lebte seine flamboyante Pirouette, seinen musikalischen Ego-Trip auch mit dem vorerst letzten Album der Sneaker Pimps namens Bloodsport aus. Der Bogen vom Debüt Becoming X bis hin zu Chris Corners Quasi-Soloprojekt IAMX ist offensichtlich. Düsterer und selbstverliebter hat sich Chris Corner noch nie auf die Bühne gewagt und es ist – auch wenn der Bandname dergleichen suggeriert – fraglich, ob er endlich genug hat. Ende offen. Am 12. Oktober ließ sich das leibhaftige Napoleon-Syndrom auf High Heels erst einmal herab und präsentierte sich dem Pöbel.

Die Manege bereiten sollten zunächst einmal Khoiba aus Prag. Khoiba liefern mit einem etwas an Björks elektronischere Auswüchse erinnerndes Set zumindest einen netten Zeitvertreib. Es besteht weder Anlass zur Langeweile noch zu Jubel, der über ein Höflichkeitsklatschen hinaus geht. Greifbare Ungeduld schwebt im Raum, ob der nahenden Ankunft von IAMX. Leider macht der defekte Beamer für die standesgemäßen Videoprojektionen den Harrenden einen Strich durch die zu schnell kalkulierte Rechnung. Als es gegen Mitternacht geht und die Protagonisten des Abends endlich die Bühne betreten ist die Stimmung im Publikum offensichtlich nicht die Beste. Corners zur Schau gestellte Arroganz – die einen "Howlin" Pelle Almqvist mit Leichtigkeit in den Schatten der Nichtigkeit stellen würde – könnte die noch etwas zaghafte Begeisterung über die Ankunft des kultiviert-narzisstischen Wahlberliners und seiner Band schnell ins Negative kippen lassen. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Songs zielen – live noch zwingender als in den eigenen vier Wänden – auf die Tanzschuhe, ruhigere Songs wie This Will Make You Love Again oder die Single Missile fehlen ganz. Statt dessen gewährt Chris Corner den Massen mit beatbetriebenen Manifesten der dunklen Tageszeit wie Your Joy Is My Low oder After Every Party I Die Einblick in die Düsternis seines eigenen Mikrokosmos. Was auch sonst? Und darauf haben im o25 alle so lange gewartet. Wie ein geseufztes "Endlich!" begibt sich das Publikum in die um keine Anzüglichkeit verlegenen Hände der Band. Tom Marsh am Schlagzeug, Dean Rosenzweig an der Gitarre und besonders Janine Gebauer an Keyboard und Bass sind dabei weit mehr als nur die Statisten in Corners Puppentheater. Eine Ein-Mann-Show? Allenfalls hinter der Bühne. Vom angekündigten "Drug-Funk" bis zum "nicht geringen Glam-Faktor" (Pressemitteilung) stimmte alles. Was auf den beiden Alben Kiss + Swallow und The Alternative nach zwielichtigen Dark Rooms klang, bringen IAMX live insbesondere bei Bring Me Back A Dog und The Negative Sex um ein ganzes Stück wirklicher und bedrohlicher auf die Bühne. Und nach drei Zugaben fällt der Vorhang, das Licht geht an, die Knochen tun weh und verwunderte Augen blicken sich im erwachenden Bewusstsein der plötzlichen Helligkeit und der ersten Rückenbeschwerden an. War das jetzt gut oder nicht? Getanzt haben alle.

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