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Broken Social Scene © City Slang

Die folgende Auswahl an wichtigen und interessanten Neuerscheinungen auf dem Tonträgermarkt haben wir für euch aufgelegt und durchgehört: Neues vom legendären Songwriter Vic Chesnutt, HipHop mit der Boot Camp Clik, Gänsehaut bei Earthbend, Slow-Rock mit A Whisper In The Noise, Cheesyness bei Boy Omega und Broken Social Scene presents Kevin Drew.

Vic Chesnutt – North Star Deserter |Label: Constellation

Der Folksänger Vic Chesnutt (Interview, 2007) gehört, da sind sich viele Kritiker einig, zu den talentiertesten Songwritern der Gegenwart. Nur wenige Musiker sind in der Lage, ihren Werken eine derart faszinierende und packende Wirkung zu verleihen. Seine Songs handeln von Depressionen, Offenbarungen oder auch Gegenständen, die unser alltägliches Leben bestimmen und denen sonst recht wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Das Gerüst für all diese Geschichten ist oft nur eine träge Akustikgitarre, die dezent im Hintergrund spielt. Für North Star Deserter hat Vic Chesnutt wieder eine neue Band zusammengestellt und sich für einige Wochen im Hotel2Tango-Studio in Montreal vergraben. Auf dem Album vertreten sind unter anderem: Thee Silver Mt. Zion Orchestra bzw. Godspeed you! Black Emperor, Frankie Sparo und Guy Picciotto von der amerikanischen Hardcore-Band Fugazi. Veröffentlicht wird auf Constellation-Records, dem Label von GY!BE. Die Alben auf diesem Label sind typischerweise oft ziemlich sperrig, düster und schreien nicht gerade nach Hoffnung. Also nahezu perfekt für Vic Chesnutt!? North Star Deserter wirkt bedrohlich, belustigend und befreiend zugleich. Sogar richtige Ausbrüche existieren auf diesem Album: Everything I Say beginnt leise, doch nach etwa 60 Sekunden kommt die Energie der gesamten Band zum Vorschein. Freunde von Godspeed werden sich definitiv die Hände reiben und nach mehr schreien, doch bis auf Debriefing sind solche Explosionen eher rar. Im Zentrum befindet sich Vic mit seiner Gitarre, und das ist auch gut so. Die Folk- und Country-Szene wird es schwer haben, dieses Jahr noch irgendetwas aufregenderes zu veröffentlichen.

Wertung: + + + + (Christian Bethge)

Earthbend – Young Man Afraid | Rookie Records

Ja gut, Earthbend revolutionieren jetzt nicht gerade die Popkultur, aber Ready To Revolt, der erste Song von Young Man Afraid, geht schon gut los. Jung ja, Angst nein. Um kein eingängiges Gitarrenriff verlegen geht es weiter mit Hula Road, direkt einer der definitiv besten Songs auf dem Album. Klingt so, als würden die Hives Go With The Flow von den Queens Of the Stone Age covern. Das könnte nicht breitbeiniger klingen - "Gitarren!" heisst das Motto. Das ist etwas anachronistisch, manchmal angelehnt an Referenzen, die besser nicht laut ausgesprochen werden, aber deswegen noch lange nicht schlecht. Rockt! Punkt. Scene & Heart ist gleich der nächste Höhepunkt und es wird und wird nicht lauer, leiser, langweiliger. Earthbend ziehen durch, bremsen nicht ab. The Edge ist kein Tribut an U2 und mit knapp 40 Minuten Spielzeit ist hier keine Sekunde verschwendet worden. Der Stempel von Produzent und Blackmail-Gitarrist Kurt Ebelhäuser sitzt, genauso wie die erbarmungslose Fussorgel. Zwischen Stoner-Rock und Indie gehen Earthbend mal über die volle Leinwand, mal punktgenau dahin wo es wehtut. Und am Ende darf dann zu Voices doch noch einmal Luft geholt werden. Woher die drei aus Finsterwalde das alles nehmen, ist ein Rätsel. Der sogenannte "Special Track" am Schluss ist an Erhabenheit kaum zu überbieten und wirklich special. Jede Zeile trieft nur so vor Loser-Pathos und man wünscht sich sehnlichst, man könnte sich dem irgendwie entziehen, so dass die Gänsehaut verdammt noch mal endlich weg geht. Tut sie aber nicht. Sich wehren bringt nichts. Nur auflegen und anhören hilft - sofern ihr noch Platz in eurer Guilty-Pleasures-Ecke habt.

Wertung: + + + + (Henning Köhler)

A Whisper In The Noise - Dry Land| Label: Southern Lord

Die amerikanische Band A Whisper In The Noise widmet sich auf ihrem neuen Album Dry Land der musikalischen Gestaltung der Langsamkeit. Der Begründer der Band, West Thordson, hat dazu elf Lieder zusammengestellt, die melodiösen Meditationen gleichen. Zehn Titel sind Eigenkompositionen, dazu gesellt sich ein Cover von Daniel Johnstons True Love Will Find You In The End. Neben Thordson, der auf dem Album vornehmlich Klavier spielt, bilden Hannah Murray (Violine) und Matt Irwin (Schlagzeug) die Band, die ihre Songs unter der Leitung von Steve Albini aufgenommen hat. Musikalisch erinnert A Whisper In The Noise an die Meister des Slowcore: die Band Low.

Wie Low stammt auch West Thordson aus Minnesota, und zwar aus einem winzigen Ort südwestlich der "twin cities" Minneapolis und St. Paul. Von Low unterscheidet sich die Band vor allem darin, dass sie Bilder von Landschaften heraufbeschwört. Es ist schwer bei ihrer Musik nicht an schneebedeckte Wälder, in Eis erstarrte Seen und winddurchströmte Straßen zu denken. Die Einfachheit, Klarheit, Schönheit und Kompromisslosigkeit des ländlichen Minnesota hat auf Dry Land einen ähnlichen Ausdruck gefunden, wie ihn Sigur Ros zuvor der unberechenbaren isländischen Landschaft gesetzt haben. Der Musik von A Whisper In The Noise liegen einfache Prinzipien zu Grunde: In einen Klangteppich, der vornehmlich aus sich wiederholenden Klaviermotiven und sanften Schlagzeugrhythmen gebildet wird, webt Thordson seinen monotonen Sprechgesang ein. Der gelegentliche Einsatz von Hannah Murrays Violine hellt die insgesamt düstere Stimmung etwas auf und versieht beispielsweise A New Dawn mit einer kühlen Schönheit. Nicht weniger überzeugend gelingen das wunderschöne You, The Orphan und der sich dramatisch steigernde Opener As We Were.

Die ruhige, hypnotische Atmosphäre des Albums wird jedoch zweimal unterbrochen, nämlich durch das lärmende Sons - fraglos der Tiefpunkt von Dry Land - und das weitaus gelungenere Armament, das sich eine erhabende, fast symphonische Atmosphäre auszeichnet. Dry Land ist überzeugend eingespielt und arrangiert, allerdings verfügen A Whisper In The Noise nicht über eine ausreichende Anzahl eingängiger Songs, die den Zuhörer über die gesamte Spieldauer von 55 Minuten in ihren Bann schlagen könnten. Vor allem gegen Ende wirkt das Album daher wie eine lange Meditation, die trotz aller Erhabenheit und Ruhe allzu ereignis- und spannungslos ist. Wenn es Thordson jedoch gelingt, Leidenschaft und Schönheit zu verbinden, dann sind die daraus resultierenden Lieder ausgesprochen ergreifend.

Wertung: + + + (Daniel Nagel)

Boot Camp Clik – Casualties of War | Label: Duckdown

Knapp ein Jahr nach der Duckdown-Veröffentlichung von The Last Stand meldet sich die Boot Camp Clik mit einem neuen Gruppenalbum namens Casualties of War zurück auf dem Industrieschlachtfeld. Die Supergroup aus Bucktown (Brooklyn) setzt sich aus den Hardcore-Rap Crews Heltah Skeltah, Originoo Gun Clappaz, Black Moon und Smif’n’Wessun zusammen und hat mit 9th Wonder, Marco Polo und Coptic mal wieder eine explosive Mixtur an Produzenten engagiert. Höhepunkt des Albums markiert gleich das erste Stück The Hustle, das mit einer gewaltigen Bass-Fanfare loswettert und - mit Buckshots unverkennbarem Flow bestückt - nach vorne schlägt. What You See, auf dessen Sample sich EPMD (Never Seen Before) schon vor Jahren profiliert haben, fehlt es hingegen etwas an vokalistischer Triebkraft. Direkt danach erlebt man mit dem zu behebig wirkenden und in Sirenengeheul untergehendem BK All Day auch gleich den (einzigen) Tiefpunkt des Longplayers.

Ansonsten halten vor allem Marco Polos Beats ein konstant hohes Qualitätslevel. I Need More trägt mit gepitchten Vokal-Samples aus Motown deutlich die Produktionshandschrift von 9th Wonder. Experimente bleiben aus; man bekommt das auf die Ohren, was man von BCC aus dem tiefen Brooklyn auch erwartet: Knochentrockner Rap von den Straßen, der keinesfalls aufgesetzt wirkt. Obwohl alle acht Rapper der Clik zu Wort kommen, scheint Buckshot das Sprachmonopol auf die pumpenden Rhythmen und die konsequent kreisenden Drumloops inne zu haben. Einzig Casualties of War schlägt nachdenklichere Töne an. Das stimmige und überzeugende Yesterday markiert schließlich ein zufriedenstellendes Ende des mit ca. 45 Minuten Spieldauer etwas kurz geratenen Musikwerkes. Die Kampftruppe liefert somit ein gutes, aber insgesamt etwas zu standard-solides Produkt ab. Alle Fans der Boot Camp Clik werden wohl dennoch auf ihre Kosten kommen.

Wertung: + + + (Andreas Margara)

Broken Social Scene presents Kevin Drew - Spirit If... | Label: City Slang

Der Opener von Spirit If... bringt mit Farewell To The Pressure Kids direkt eine ganze Menge Opulenz mit sich und klingt wie ein großes Versprechen - nur um gleich abzubrechen und plötzlich problemlos als ruhiger Song der Broken Social Scene durchzugehen. Das war zu erwarten. Denn auf diesem angeblichen Solo-Album sind praktisch ohnehin alle ProtagonistInnen von Broken Social Scene versammelt. Selbst Leslie Feist soll involviert gewesen sein. Der Song TBTF würde vermutlich jedes Album des kanadischen Kollektivs schmücken können, würde es ausgeschrieben nicht "Too Beautiful To Fuck" heißen. F*ked Up Kids haut so ziemlich in dieselbe Kerbe. Manieren? Fehlanzeige. Tolle Songs? An jeder Ecke. Sei es Lucky Ones oder Broke Me Up. Mit Spirit If... kam praktisch ein reguläres BSS-Album raus und das allein ist ein Grund zur Freude.

Richtig interessant wird es aber erst in der zweiten Hälfte des Albums, wo offensichtlich mehr Kevin Drew und etwas weniger Broken Social Scene in die Wagschale geworfen wurde. Frightening Lives klingt verhältnismäßig fremd und düster, verglichen mit den eher zurückgelehnten vorangegangenen Songs. Erste elektronische Spielereien durchziehen den urban-kühlen Song und der von Broken Social Scene gewohnte Klangkosmos entzieht sich mehr und mehr dem Gehör. Auch Big Love klopft etwas ungewohnt an und steht dem Vorgänger an Atmosphäre in nichts nach. Die exzessive Elektronik neben den Restfragmenten, die man von Kevin Drew gewohnt ist, leiten über zu Backed Out In The Car. Das klingt ja fast wie Supergrass. Zu diesem Zeitpunkt scheint Kevin Drew den Spieß rumgedreht zu haben. Wer präsentiert hier eigentlich wen? Backed Out In The Car klingt, als hätte sich Kevin Drew einen Spaß daraus gemacht, seine Broken Social Scene vor eine Verstärkerwand zu stellen und ein paar üble Gitarrensoli zusammen zu schustern.

Wohin das alles führen soll macht die Textzeile "Everyone can write this song" auch nicht klarer. Selbstironie? Die letzten drei Songs gehen dann wieder in die gewohnte Richtung, sind vielleicht richtig gut, das Kopfschütteln bleibt dennoch. Was bitte war das? Drei Songs von einem anderen Stern, die so niemals zu erwarten waren. Dass ein Titel wie Big Love - und nicht Gangbang Suicide - Fassungslosigkeit zurücklässt, ist programmatisch für Spirit If. Grotesk oder großartig? Beides.

Wertung: + + + + (Henning Köhler)

Boy Omega - Hope On The Horizon | Label: Glitterhouse

Wenn über Boy Omega geschrieben wird, dann fängt der Text entweder mit seiner gescheiterten Fußballer-Karriere oder dem offensichtlich reichlich vorhandenen Talent des Schweden an. Bereits vor seinem Debut hatte Martin Gustafsson geschätzte 200 Songs fertig und er hat immer noch einen immensen kreativen Output. Ein Song pro Woche entspränge dem rastlos-talentierten Singer/Songwriter-Hirn, heisst es. Und dann erst das neue Album. Bis zu elf Musiker und Musikerinnen machten sich, Gustaffson eingeschlossen, an den Songs des neuen Albums Hope On The Horizon zu schaffen. Elf! Wahnsinn. Indie-Folk-Chic par excellence. Kevin Drew und die Kollegen von Broken Social Scene könnten darüber wohl nur müde lächeln und  fröhlich das gesamte Instrumentarium kreisen lassen.

Ein Pferd als Artwork, alles durch den Sepia-Kakao gezogen und obendrauf ein vertontes Drama, das ist schlicht und pompös zugleich. Wenn Martin Gustafsson darauf beharrt, dass Robert Smith sein größter Einfluss ist, dann klingt er trotzdem unweigerlich nach Conor Oberst und nicht so richtig originell. Zwölf Songs voll egozentrischen Selbstmitleids können ja ganz schön sein. Wenn sich kleine Worte und große Musik verbänden, um auf subtile aber eindringliche Weise Abgründe aufzuzeigen, dann wäre Boy Omega am Ziel seiner unbestreitbaren Kreativität. Leider bleibt da, wo hochtrabende Arrangements auf eher unbedarft platte Texte treffen, ein Vakuum und Hope On The Horizon offenbart eine unangenehme Trivialität.

Meeres-Metaphorik und eine gewisse allgemeine "cheezyness" in der sicher nett gemeinten Poesie Gustafssons reißen die Hörerin und den Hörer erbarmungslos aus jedem Ansatz von Verträumtheit, auf die Hope On The Horizon abzielt. Wäre die Scheibe Gustafssons Debut-Album, dann wäre die Hoffnung auf mehr am Horizont angebracht. Als sein mittlerweile fünftes Album und vor dem Hintergrund, dass da schon mal Besseres zu Stande gebracht wurde, bleibt Hope On The Horizon einiges schuldig.

Wertung: + + + (Henning Köhler)

So werten wir:

+
schnell auf ebay damit, bevor es jemand merkt
++
hier mangelt es an so einigen Ecken und Enden
+++
das kann sich wirklich hören lassen
++++
ein TOP-Album
+++++
das hier kann dir die große Liebe ersetzen

 

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