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Fotos: Anne-Laure Fontaine-Kuhn © regioactive.de

Über das letzte Album von Portugal.The Man muss nicht mehr viel gesagt werden. In nahezu jedem Musikmagazin oder Musikblog wurde "Church Mouth" hoch gelobt und zu den Highlights des laufenden Jahres gezählt. Bei soviel positivem Echo dauerte es natürlich nicht lange, bis die Band ihre Instrumentenkoffer packte und dem Heimatland Alaska für eine ausgedehnte Tour den Rücken kehrte, um auf den Bühnen der Welt zu überzeugen. Zu einhundert Prozent gelungen ist ihnen das jedoch nicht.

Für ein paar Konzerte haben John Baldwin Gourely und Kollegen auch in Deutschland Halt gemacht und wir haben die Chance genutzt, uns die Band live anzusehen. Portugal.The Man sind dafür bekannt, die musikalischen Leitfäden nicht besonders ernst zu nehmen. Stattdessen wird das Beste von Bands wie These Arms Are Snakes, Brian Jonestown Massacre, TV on the Radio und einigen Klassikern der Rockgeschichte, wie z.B. Led Zeppelin, in einen Mixer geworfen und mit eigenen Geheimzutaten richtig fein abgeschmeckt. Fertig ist, was derzeit wohl jeden Kritiker vor Freude in die Hände klatschen lässt. Zumindest auf CD.

Das letzte Konzert der Deutschlandtour fand im Club Schocken in Stuttgart statt, der mit idealer Größe und durch eine tolle Atmosphäre sowie einen hervorragenden Sound überzeugt (vom netten Empfang mit Bierstand am Eingang ganz zu schweigen). Der Club ist mit etwa 200 Gästen gut gefüllt und bereits vor dem Konzertbeginn herrscht ausgelassene Stimmung. Sollte es für den persönlichen Geschmack hier einmal zu ausgelassen sein, dann besteht die Möglichkeit, eine Etage nach oben zu flüchten, um das komplette Spektakel etwas relaxter und aus der Vogelperspektive zu betrachten. Gegen 21:30 Uhr betreten Saboteur aus Hamburg die Bühne und eröffnen den Abend. Ab der ersten Sekunde ist klar: Feinste Hamburger Schule trifft auf Sonic Youth und Indie-Konsorten. Das wirklich spannende daran ist, dass diesen Jungs ein solcher Mix mühelos gelingt und durchgehend ein wirklich solides Konzert geboten wird, das alleine schon den Abend rechtfertigt. Schade nur, dass es keine CDs zu kaufen gab. Nach etwa 45 Minuten lassen Saboteur ihre Gitarren endgültig ausklingen und machen Platz für Portugal. The Man.

Dank der großartigen Vorarbeit von Saboteur ist die Stimmung im Schocken noch mehr gestiegen. Die ersten Fans drängeln schon eng vor der Bühne, als sich Portugal.The Man an die Instrumente begeben und zum ersten Song ansetzen. Die Erwartungshaltung ist groß. Church Mouth - der aktuelle Kritikerliebling - klingt im Ohr. Doch setzt sich live auch um, was der Band in der Studiosituation gelungen ist? Aufgefallen ist uns in Karlsruhe, wenige Tage vor dem Konzert in Stuttgart, schon mal eines: Die Band hat in ihrer Bühnenperformance etwas eingenartiges. Während der Sänger sich nahezu das komplette Set hindurch unter seiner Mütze und auch dadurch versteckt, dass er sich nur seitlich zum Publikum stellt, bemüht sich der Rest der Truppe um ein wenig mehr Show und Kommunikation mit dem Publikum. Sobald jedoch keiner der Musiker mehr dazu gezwungen ist, eines der Gesangsmikrofone zu bedienen und die Gruppe zu kraftvollen und groovigen Instrumentalparts ansetzt, dreht sich ein jeder zum Drummer hin und den Zuhörern somit gänzlich den Rücken zu.

Ganz anders waren da die Vorbilder, an die sich Portugal. The Man mit ihrem Retro-Touch anlehnen. Bei Rockern der Marke Led Zeppelin oder Jimi Hendrix konnte man damals anderes auf der Bühne beobachten. Doch so kann man sich eben auch von den üblichen und sich aufdrängenden Vergleichen abheben. Wirklich anders ist der Auftritt im Schocken nicht, jedoch scheinen Portugal.The Man von den mitsingenden und tanzenden Fans ein wenig mehr angetan und motiviert zu sein, als noch vor einigen Tagen im Substage.

Dort konnte das Publikum mit der Darbietung dieser Art nämlich nicht viel anfangen und dementsprechend war die Feierlaune etwas zurückhaltend. Umgekehrt gab es so natürlich auch wenig Feedback zurück an die Band. In Stuttgart ist dies in der Tat anders. Das Publikum gibt hier alles, singt mit und weiß jedem noch so trickreichen Groove des Drummers zu entsprechen. Überhaupt: Musikalisch ist nichts auszusetzen an der Gruppe aus Alaska. Es fällt deshalb durchaus schwer zu sagen, was diese Band - zumindest live - so eigenartig macht. "An awkward band" sagt Gourley während des Gigs einmal kurz selbst. Vielleicht ist es seine im Vergleich zum Album-Mix etwas zu präsente Rhythmus-Gitarre, deren krachiger Sound live zu weit vorne steht und viele der doch eigentlich wirklich interessanten Feinheiten an vielen Stellen zu überdecken droht. Weicher, durchlässiger und dennoch fülliger kommt das auf CD.

Nichtsdestotrotz geben Portugal.The Man im Stuttgarter Schocken zum Ende hin noch einmal alles und entwickeln dabei eine bisher ungeahnte Dynamik. Auf eine Pause vor den Zugaben wird verzichtet, stattdessen werden alle Songs durchgezogen, die die Musiker laut eigener Aussage spielbereit parat haben. Gleich mehrfach bedanken sie sich beim Publikum für die extrem gute Stimmung. Und in der Tat wollen die Rufe nach Zugaben auch gar nicht aufhören. Es muss irgendwie auch etwas mit dieser besonderen Club-Atmosphäre im Schocken zu tun haben, die  einfach alle von Beginn an in die richtige Stimmung versetzt hatte. Vielleicht hätte der etwas späte Energieschub der Band früher kommen sollen. In Erinnerung bleiben aber ohne Zweifel die Highlights des Konzerts: Mit Church Mouth, My Mind und Sugar Cinnamon haben Portugal. The Man fantastische Songs im Repertoire, die wohl unter allen Umständen dazu im Stande sind, den Hörer mitzureißen - ganz egal ob auf dem heimischen Sofa oder inmitten des Publikums auf dieser Tour.

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