Fotos: Anne-Laure Fontaine-Kuhn Fotostrecke starten

Fotos: Anne-Laure Fontaine-Kuhn © regioactive.de

Arcade Fire spielten dieser Tage einen der Gigs ihrer "Neon Bible"-Tour im Kölner Palladium. Einen ganz normalen Gig: Sie kamen auf die Bühne, spielten ihre besten Songs und nach 100 Minuten und 2 Zugaben verschwanden sie wieder. Klingt langweilig oder gar enttäuschend? Keineswegs! Denn was ist schon normal bei diesen Ausnahme-Künstlern aus Kanada?

"Normaler Gig" heisst in diesem Fall nämlich erst mal nur, dass die Band vor dem eigentlichen Beginn ihres Sets auf der Bühne keinen Abstecher ins Publikum machte, um dort wie in Paris eine intensive unplugged-Version von Wake Up zu spielen. Ebensowenig tauchten sie nach dem Konzert erneut auf, um wie im Foyer der Londoner Porchester Hall solch eine Version dieses Songs zu performen, der davon abgesehen vor jedem Spiel der New York Rangers durch den Madison Square Garden schallt und den U2 als Intro für die Konzerte ihrer "Vertigo"-Tour gewählt hatten.

Dem netzaffinen Fan von Arcade Fire musste sich im Laufe dieser Tour der Eindruck aufdrängen, dass bei jedem Gig eine solche Besonderheit anstünde wie eben z.B. Songs inmitten des Publikums zu spielen. Vor oder nach Konzerten will man die Band auch schon in den Fußgängerzonen der jeweiligen Tourstädte gesehen haben. Dies war nun also nicht der Fall und dennoch boten Arcade Fire eines der Konzert-Highlights in den Jahreskalendern 2007 - und noch dazu eines, auf das man länger warten musste als gewünscht. 3 Termine wurden vor etwa 4 Monaten wegen Krankheit gestrichen, unter anderem jener in Köln. Die Band muss aber gewusst haben, welche Enttäuschung sie zu diesem Zeitpunkt bei den Fans hinterlassen hatte und entschuldigte sich deshalb auch dafür.

"Normal" muss man aber auch vor dem weiteren Hintergrund dieser Band verstehen, die sich 2003 in Montréal um den aus Texas stammenden Win Butler und seine Ehefrau sowie Multi-Instrumentalistin Régine Chassagne herum gruppierte. Den Bandnamen wählte Win Butler in Erinnerung an die Geschichte eines Mitschülers, der ihm von einem Brand in einer Videospielhalle erzählt hatte. Im Herbst 2004 veröffentlichten Arcade Fire ein Album, das es in den Jahrescharts vieler Magazine bis ganz nach oben geschafft hatte: Funeral markierte die Rückkehr einer innovativen und authentischen Art von Rockmusik, die auch dem großen Pathos Raum zu schaffen versteht und als Grunddefinition für den Ausdruck "Band" dienen könnte: zusammen musizieren und experimentieren, neue Ideen gemeinsam entwickeln, Kräfte zusammenführen und wo es stressfrei zu funktionieren scheint auch zusammenzuleben - irgendwo dort muss die Quelle dafür liegen, was Arcade Fire auch mit dem zweiten Album schafften und nun auf ihrer ausgesprochen langen und ausgedehnten Tour Abend für Abend zelebrieren: Der überspringende Funke nämlich, der sich aus der hör- und sichtbaren Motivation der Musiker heraus entzündet und den Hörer sogleich in Flammen versetzt.

Oft ist bei dieser Gruppe die Frage erlaubt und angebracht, wo sie diese Energie hernimmt. Neben einer an manchen Stellen wilden Show lässt sich diese jedenfalls auch an Details erkennen, etwa wenn die Violinistin jede Zeile eines Songs voller Inbrunst mitsingt, obwohl sie doch gar kein eigenes Gesangsmikrofon vor sich stehen hat.

Bei all dem Gerede über den Erfolg, auf dessen Welle Arcade Fire nun schon eine Weile reiten, wird oft mit dem Begriff der "Web2.0 Success Story durch Blogs" um sich geworfen. Und tatsächlich kannten Funeral bereits sehr viele Europäer, bevor es 2005 auch hier auf den Markt kam. Das birgt beinahe ein Missverständnis, denn kein Blogger schreibt just dann über Musik, wenn ihm gerade mal ein blankes Eingabeformular entgegen blickt und er einfach mal etwas schreiben will. Nein, Arcade Fire berühren mit ihrer Form von Pathos und Überladenheit. Ersteres bricht dabei in den seltensten Fällen ins Kitschige ab, letzteres ist stets fein ausjustiert.

Dies zieht sich bei Arcade Fire von der Wahl der Instrumente bis hin zur Auswahl der Aufnahmeorte - im Falle von Neon Bible beispielsweise eine alte Kirche. Viel passender als die Begriffe Pathos und Kitsch erscheinen sowieso die Adjektive erhaben, leidenschaftlich und monumental auf die Musik der Kanadier zu passen. Oder die Substantive Ekstase, Tiefsinn, Durchdringung und Alternative im besten Sinne. Und irgendwoher muss es ja rühren, dass nicht nur der Autor dieser Zeilen, sondern auch David Bowie, Bono, Beck und Chris Martin von Coldplay dieser Band soviel Achtung entgegen bringen. Der New Musical Express erklärte sie unlängst gar zur "großartigsten Band der Welt". Über solche Qualität spricht man eben auch im Internet mehr als gerne. Ganz besonders, wenn sich die großartige Musik auch noch mit großen Themen ziert, wie sie sich eben durch die Lyrics von Arcade Fire ziehen.

"Something filled up my heart with nothing, someone told me not to cry. But now that I'm older, my heart's colder and I can see that it's a lie.

Children wake up, hold your mistake up, before they turn the summer into dust.

If the children don't grow up, our bodies get bigger but our hearts get torn up. We're just a million little god's causin rain storms turnin' every good thing to rust."

lauten beispielsweise die Zeilen im gar nicht kühlen sondern anrührenden Wake Up.

Als Opener des Abends in Köln erklang die Single Keep the car running von der mit runden Monitoren und Neon-Stangen verzierten Bühne. Die Monitore dienten im Laufe des Konzertes dazu, Live-Bilder leicht verzerrt und mit dem Effekt älterer Technik zu projezieren. Bevor die Kanadier die Bühne betraten waren diese Screens auch der Kanal für das Intro in Form einer wild argumentierenden, scheinbar eher fundamentalistisch gestimmten Fernsehpredigerin. Win Butler hat Theologie studiert und setzt sich immer wieder mit dieser Thematik auseinander. Der Blick wendet sich während des Abends immer wieder zu ihm und der anderen Hauptprotagonistin, die von Instrument zu Instrument wechselt und auch am Schlagzeug trotz der bereits lange andauernden Tour noch nicht erschöpft erscheint.

Die neue Version von No Cars go setzt einem dann diese verteufelt gute Violinen- und Gesangsmelodie ins Ohr, um direkt danach von dem lauthals die Worte "beweg dich!" schreienden Groove des von Régine gesungenen Haiti ersetzt zu werden. In diesem Song setzt sie sich mit ihrer Heimat Haiti auseinander, aus der sie mit ihrer Familie als Kleinkind fliehen musste. Schlag auf Schlag folgen die Titel, die allesamt ihre eigene Markantheit in sich tragen. Intervention bietet dann endlich auch die Gelegenheit, die aus Akkordeon, Gitarren, Bass, Streichern, Bläsern, Xylophon, Mandoline, Drehleier und der berüchtigten einzelnen Tom bestehende Instrumentierung durch das größte Instrument auf der Bühne zu ergänzen: Arcade Fire touren mit einer Orgel und dieser Aufwand lohnt sich. Nicht ganz so bombastisch wie auf der an den Anschlag aufgedrehten heimischen Anlage erklingen die Pfeiffen, aber diese Klänge gibt es auf einem "normalen" Rockkonzert heutzutage dann eben doch nicht zu hören.

In das ebenso stille wie eindringliche Titelstück des aktuellen Album Neon Bible mischt Win Butler das New Order Cover Age of Consent, bevor die weiteren Titel zielstrebig zum Höhepunkt des Abends führen: Neighborhood #1 und #3 gefolgt von Rebellion sind eine Kombination, die nicht nur Funeral zum Über-Album machte, sondern vor allem auch live von Band und Publikum alles an Aufmerksamkeit abverlangt. {image}Der Bass bietet mit seinen einfach gehaltenen Läufen die letzte Gelegenheit sich an etwas Struktur festzuhalten, denn diese Titel hebeln förmlich das Raum- und Zeitgefüge aus, so sehr reissen sie mit und lassen keinen Spielraum für andere Gedankenspiele im Kopf, als jetzt einfach nur in den überbordenden Klängwänden zu versinken.

My Body is a Cage als erste Zugabe der auf Platte sieben und live um drei weitere Musiker verstärkten Band erscheint dagegen dann wie der eigentliche Ruhepol des Konzertes, obwohl gerade hier doch die Orgel für eine immense Eindringlichkeit sorgt. Fehlt das obligatorische - die größte Hymne von Arcade Fire: Wake Up beschliesst nach etwas über einer Stunde den Abend im Palladium. Gefühlt handelt es sich um maximal eine halbe Stunde, weshalb sich einige im Publikum zu dem kurzen Ansatz eines "buh" hinreissen lassen, als die Lichter im Saal angehen und klar wird, dass keine weitere Zugabe mehr folgt. Dann aber der Blick auf die Uhr: "Doch, über eineinhalb Stunden haben sie gespielt. Eine normale Konzertlänge". Aber ein normales Konzert? Keineswegs.

Setlist: Keep the Car running - No Cars go - Haiti - Black Mirror - Intervention - Neon Bible - Windowsill - The Well and the Lighthouse - Crown of Love - Ocean of Noise - Neighborhood #1 (Tunnels) - Neighborhood #3 (Power out) - Rebellion (Lies)

Zugaben: My Body is a Cage - Wake up

Alles zum Thema:

arcade fire

Das könnte Sie auch interessieren