Steely Dan (Pressebild)

Steely Dan (Pressebild) © Danny Clinch

Als sich am Mittwoch letzter Woche tausende Zuschauer auf dem Gelände der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn versammelten, um Steely Dan live zu erleben, waren die Erwartungen groß. Die Gruppe aus Los Angeles stellt eine der verbliebenen Bands der 1970er Jahre dar, die bis in die Gegenwart hinein anspruchsvolle, komplexe und innovative Popmusik machen.

Steely Dan sind Donald Fagen und Walter Becker: zwei meisterhafte Songwriter, die sich den Konventionen der Rockmusik verweigerten und stattdessen auf vielfältige Einflüsse aus Pop, Soul, Jazz und Funk zurückgriffen. In starkem Kontrast zu ihrem leichten und jazzigen Sound stehen dabei ihre beißend-ironischen Texte, die auf die dunklen Strömungen unter der sonnigen Oberfläche des west coast sounds verweisen.

Für viele Jahre war die Hoffnung auf ein Steely Dan-Konzert ein Widerspruch in sich, denn Fagen und Becker weigerten sich zur Zeit ihrer größten Erfolge in den 70ern beharrlich auf Tour zu gehen. Als sie Anfang der 80er Jahre ihre Zusammenarbeit beendeten, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass die konzertscheuen Musiker ausgerechnet damit eine neue Phase ihrer Zusammenarbeit einläuten würden, indem sie als Steely Dan gemeinsam auf Tour gehen. Fast 15 Jahre sind seitdem vergangen und da sich das Experiment von damals als erfreulich dauerhaft entpuppte, haben auch die nachgeborenen Fans die Gelegenheit, Fagen, Becker & Co. live zu erleben.

Bevor Steely Dan die Bühne betreten, sieht sich der Organist Sam Yahel und sein Quintett mit der wenig beneidenswerten Situation konfrontiert, das Publikum eines Popkonzertes unter freiem Himmel mit den Mitteln einer Jazzband unterhalten zu müssen. Es ist schwer zu sagen, ob der Mangel an Dynamik und Individualität in den schwierigen Umständen des Auftritts oder der schwachen Tagesform der Musiker seine Ursache hat. An fehlendem Talent oder mangelnden technischen Fähigkeiten des „Hammond B-3“-Organisten und seiner Kollegen am Schlagzeug, am Saxophon sowie an der Gitarre und Trompete kann es kaum liegen. Die Lethargie des Auftritts endet erst mit dem abschließenden Stück And Then Some, das zum einzigen Mal etwas von der Energie und Dynamik besitzt, welche die Grundlage jeder Jazzperformance bilden sollte.

Der Kontrast zu Steely Dan könnte kaum größer sein. Ungeheuer dynamisch beginnt die von Donald Fagen als „Steely-Dan-Orchestra“ vorgestellte Band mit zwei Stücken, Time Out Of Mind und Godwhacker, die sogleich offenbaren, dass die aus herausragenden Musikern zusammengesetzte Band mühelos in der Lage dazu ist, die harmonisch und rhythmisch anspruchsvollen Kompositionen von Fagen und Becker umzusetzen. Die Bezeichnung „Orchester“ ist berechtigt: Neben Schlagzeuger, Bassist, zwei Gitarristen, zwei Keyboardern und zwei Backgroundsängerinnen stehen auch zwei Saxophonisten, ein Posaunist und ein Trompeter auf der Bühne. Alle Musiker erhalten im Verlaufe des Konzertes die Gelegenheit, ihre herausragenden Fähigkeiten als Solisten unter Beweis zu stellen. Angesichts der Klasse der Band wäre es fast ungerecht, einzelne Musiker gesondert herauszuheben, steht doch die harmonische Zusammenwirkung Aller im Mittelpunkt des Konzertes. Dazu gehört auch die glänzende Abmischung der Musik, die die einzelnen Instrumente klar hervortreten lässt. Einen besseren Sound hat man bei einem Open-Air-Konzert selten gehört.

Als herausragend erweist sich vor allem Gitarrist Jon Herington, der sich nicht nur für die Arrangements verantwortlich zeichnet, sondern auch als virtuoser Gitarrist einen tiefen Eindruck hinterlässt. Während Walter Becker das gesamte Konzert hindurch Gitarre spielt, sitzt Donald Fagen vornehmlich hinter dem Fender-Rhodes-Keyboard, wobei er in seinen Bewegungen und seiner Mimik ein wenig an Ray Charles erinnert. Seine Stimme ist in exzellenter Form: Zwar überlässt er die hohen Gesangpartien von Dirty Work den Backgroundsängerinnen, singt aber sonst alle Lieder in seiner unverwechselbaren Stimmlage.

So übertrifft das Konzert alle Erwartungen. Den typischen Steely Dan-Sound im Konzert umzusetzen ist wahrlich keine leichte Aufgabe und stellt hohe Anforderungen an alle beteiligten Musiker. Umso beeindruckender ist es mitzuerleben, wie lebendig und frisch die Band klingt. Die Klassiker der Band erstrahlen in neuem Gewand und werden vom Publikum ausgiebig bejubelt. Eine kurze Schwächephase leistet sich jedoch auch diese herausragende Band. Chain Lightning und I Got The News, zwei eher mittelmäßige Lieder, geraten auch im Konzert etwas schleppend und ausdruckslos. Dafür entschädigen die folgenden Klassiker wie Aja und Kid Charlemagne, die das Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißen.

Als Steely Dan zur Zugabe auf die Bühne zurückkehren, brandet der Beifall noch stärker auf als zuvor. Bodhisattva erscheint in seiner neuen Inkarnation grooviger und jazziger als auf Countdown To Ecstasy und lässt dennoch nichts an Dynamik und Tempo vermissen. My Old School sorgt für den würdigen Abschluss eines bemerkenswerten Konzertes, denn trotz des tosenden Applauses des Publikums kehren die Musiker nicht mehr auf die Bühne zurück. Nach etwas weniger als zwei Stunden zerstreut sich das Publikum – von Steely Dans Auftritt wird man hingegen noch lange schwärmen.

Setlist: Jeri (Instrumental ohne Fagen/Becker) – Time Out Of Mind – Godwhacker – Bad Sneakers – Two Against Nature – Hey Nineteen – Peg – Green Earrings – Dirty Work – Josie – Chain Lightning – I Got The News – Aja – Kid Charlemagne
Zugabe: Bodhisattva – My Old School – Carolyn (Instrumental ohne Fagen/Becker)

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