Boris Live in Dortmund

Boris Live in Dortmund © Rotwang

Boris sind heute eine der vielfältigsten und härtesten japanischen Rock-Bands. Dabei vollzog sich kein abrupter oder schleichender Stilwechsel; vielmehr veröffentlicht die Band in munterem Wechsel alles zwischen übersteuertem Stoner Rock, zähem Doom Metal und endlosen Drone Riffs.

{image}Größere Bekanntheit im Westen erreichten sie erst mit dem 2005 veröffentlichten Album Pink, auf dem sich die unterschiedlichen Stile mit viel Melodie und einer ungewöhnlichen, aber naheliegenden farblichen Covergestaltung verbinden. Nach längerer Wartezeit hatten wir nun auch in Deutschland wieder die Gelegenheit, diese großartige Band live zu sehen. Als Support hatten Boris ihre amerikanischen Labelmates von Pelican mitgebracht, deren metallischer Post-Rock eine solide Ergänzung bot.

Ihren Auftritt beginnen Pelican erst mit Verspätung. Sie zeigen dafür aber von Anfang an vollen Einsatz. Das Publikum, das die Band zu einem guten Teil noch nicht zu kennen scheint, weiss dies zu schätzen und beginnt damit, sich schon einmal die Nackenmuskeln warm zu nicken. Pelican spielen hauptsächlich Songs ihres aktuellen Albums City of Echoes, das um einiges geradliniger geraten ist als die beiden Vorgänger. Einerseits ist dies gewiss nicht jedermanns Geschmack, doch Songs wie Lost in the Headlights und der Titeltrack kommen live sehr gut rüber. Nach diesem souveränen Gig warten alle auf den Headliner des Abends.{image}

Nach einer kurzen Pause betreten Boris die Bühne. Vor einem beeindruckenden Turm aus „Orange“-Verstärkern steht die zierliche Lead-Gitarristin Wata, der man die brettharten Riffs und Soli gar nicht zutrauen mag. Auch Takeshi mit seiner zweihälsigen „Gibson“-Bassgitarre wird angemessen verstärkt - seine überdimensionale Bassbox ist fast größer als er selbst. Dass diese Gerätschaften nicht umsonst mit auf Tour genommen werden, begreift bald auch der letzte Zuschauer: Bei einem Livekonzert von Boris werden keine gesetzlichen Lautstärkegrenzen eingehalten. Sie drehen die Regler auf und degradieren die hauseigene P.A. zur Gesangsanlage, denn die Masse des Sounds kommt bereits direkt von der Bühne. Schon beim ersten Song, einem noch relativ entspannten Doom-Metal Stück, halten sich viele die Ohren zu: Eine typische Handbewegung an diesem Abend, die man bis zum Ende des Konzerts immer wieder sehen wird.

{image}Nach den Soundwänden des Openers zeigen Boris u.a. mit Korosu auch die schnellere Seite ihrer Musik. Die Zuschauer scheinen mit der Darbietung im allgemeinen zufrieden zu sein, dennoch will keine richtig gute Stimmung aufkommen. Es werden zwar einige Köpfe geschüttelt, aber selbst die härteren, dem Stoner Rock zuzurechnenden Nummern, bringen niemanden zum moshen. Auch Rainbow bringen die Japaner auf die Bühne - leider ohne im Solo genau jene derb sägende Distortion reproduzieren zu können, die einen Höhepunkt des gleichnamigen Albums bildet.

Der vorletzte Song ist dann just abandoned myself, das noch einmal besonders vom druckvollen und energetischen Schlagzeugspiel des Drummers Atsuo profitiert. Zum Ende des Songs holt dieser dann seine Gong-Knüppel hervor und posiert für Publikum und Fotografen, bevor er wie entfesselt auf dieses in der Rockmusik selten genutzte Instrument eindrischt. Der Gong-Orgie folgt als Ausklang eine über 40 Minuten lange Version von Flood, in deren Verlauf Atsuo eine Box erklettert, ins Publikum springt und sich aus dem Raum tragen lässt. Die beiden anderen Musiker verlieren sich dessen ungeachtet in weiteren Drone-Schleifen, bis irgendwann auch Takeshi die Bühne verlässt; noch etwas später folgt Wata.{image}

Ein eindrucksvolles Konzert, mit dem Boris bewiesen, dass sie – bis auf wenige Ausnahmen - ihren Studiosound nicht nur problemlos auf die Bühne bringen können, sondern auch, dass man für den Folgetag eines ihrer Konzerte die partielle Taubheit fest einplanen muss.

 

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