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Im Süden von Arizona liegt die Stadt Tuscon. Dort, wo die Wüste sich scheinbar endlos in alle Himmelsrichtungen erstreckt, haben Calexico ihre musikalischen Wurzeln. In der Musik verschmelzen alle Elemente dieser Schnittstelle des amerikanischen Kontinents. Pünktlich vor dem Hereinbrechen des Wüstenklimas in diesem Teil der Welt, haben wir die Konzerte in der Darmstädter Centralstation und auf dem Zeltival in Karlsruhe besucht.

Im Süden von Arizona liegt die Stadt Tuscon. Dort, wo die Wüste sich scheinbar endlos in alle Himmelsrichtungen erstreckt und nur durch die sich unablässig ausbreitenden Städte begrenzt wird, haben Calexico ihre musikalischen Wurzeln. Der Südwesten der USA wird aber nicht nur durch die trockene, erdrückende Hitze der Wüstenlandschaft, sondern auch durch das Zusammentreffen der angelsächsischen Kultur der Vereinigten Staaten mit der hispanischen Kultur Mexikos geprägt. Unablässig strömen Einwanderer über die kaum zu bewachende Grenze, um im reichen Land jenseits des Rio Grande ihr Glück zu versuchen. Millionen sind bereits angekommen, Millionen werden folgen.

In der Musik von Calexico verschmelzen sowohl Landschaft als auch Menschen dieser Schnittstelle des amerikanischen Kontinents. Ihren Ursprung haben Calexico in der Band Giant Sand, in der Joey Burns und John Convertino zusammen mit dem Sänger und Songwriter Howe Gelb spielten. Burns und Convertino riefen Calexico zunächst als Nebenprojekt ins Leben. In wenigen Jahren gewannen sie eine Popularität, welche die ihrer alten Band bei weitem übertrifft – insbesondere in Europa. Die – selbst ohne neues Album, sieht man von der Tour-CD Toolbox ab – beinahe ausverkauften Konzerte in der Centralstation in Darmstadt und auf dem Zeltival in Karlsruhe sind ein Beleg für ihre andauernde Beliebtheit. Sowohl jüngere wie ältere Zuschauer sind beiderorts zahlreich vertreten – Calexico sind definitiv eine Band, die Musikfans aller Altersgruppen anspricht.

Stilistische und musikalische Vielfalt kennzeichnete von Anfang an die Musik der Band. Die Konzerte sind aufgrund der Tempo-, Stimmungs- und Rhythmuswechsel dementsprechend abwechslungsreich. Es wechseln ruhige, fast meditative Lieder mit feurigen Rhythmen, krachenden Gitarren und Mariachi-Trompeten. Pedal Steel, Vibraphon, Akkordeon, allerlei Percussions-Instrumente und Keyboards ergänzen und bereichern den Klang. Besonders die präzisen und durchdringenden Sounds der Trompeten bleiben noch Stunden nach Konzertende in den Gehörgängen haften. Calexico beziehen ihre Stärke mithin aus der meisterhaften Verbindung von mitreißenden Rhythmen und innovativer Instrumentierung.

Das wäre ohne herausragende Instrumentalisten unmöglich. Neben dem meist unauffälligen, aber wunderbar präzisen John Convertino am Schlagzeug und dem exzellenten Gitarristen Joey Burns sorgen Volker Zander am Bass, (Pedal-Steel-)Gitarrist Paul Niehaus, Multi-Instrumentalist Martin Wenk (Akkordeon, Keyboards, Trompete, Vibraphon) und Trompeter Jacob Valenzuela dafür, die musikalische Vision der Band zum Leben zu erwecken. Burns ist nicht der ausdrucksstärkste Sänger, sein Gesang und seine angenehm tiefe Stimme sind aber der Musik, vor allem den ruhigeren Liedern, vollkommen angemessen. Die jahrelange Zusammenarbeit der Musiker sorgt dafür, dass die Band hervorragend aufeinander abgestimmt ist. So entsteht aus der Verschmelzung ganz verschiedener Elemente ein harmonisches Ganzes, welches das Publikum in Darmstadt und Karlsruhe zu begeistern vermag. Beim Zeltival bekommen Calexico zudem Verstärkung von dem in Tuscon geborenen, aber in der Nähe von Karlsruhe lebenden Gitarristen und Sänger Chris Cacavas – was bei diesem Event, in dessen Rahmen Calexico nicht zum ersten Mal auftraten, damit schon beinahe Tradition hat. Mit All that Air präsentiert er in den Zugsaben auch einen seiner eigenen neuen Songs.

Calexico bieten live einen Querschnitt ihres bisherigen Schaffens – von allen Alben seit dem 1998er Werk The Black Light stammen die Lieder, die sie auf ihrer Tour aufführen. Die Titel des letzten Albums Garden Ruin können nicht gänzlich überzeugen – sie wirken im Vergleich spannungsarm oder eindimensional. Die älteren Stücke gelingen hingegen hervorragend. Across the Wire ist ein kompakter, melodischer Song, der mit elastischen Gitarren und enthusiastischen Trompeten die Geschichte zweier mexikanischer Brüder erzählt, die das gefährliche Abenteuer auf sich nehmen unbemerkt über die Grenze zu gelangen, um ein kleines Stück Wohlstand „from those with so much and no show of heart“ zu erhalten. Roka ist ein Lied mit ähnlicher Aussage, wenn auch als solches viel weniger überzeugend. Obwohl ursprünglich keine politische Band, haben Calexico auf ihren letzten beiden Alben ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein demonstriert, was sich auch darin zeigt, dass Burns nicht müde wird, seine Abneigung gegen den derzeitigen Präsidenten der USA kundzutun. Das Politische wird jedoch nicht plakativ zur Schau gestellt, der Zuschauer nicht mit Parolen überschwemmt.

Sunken Waltz und Black Heart sind Beispiele für typische Calexico-Songs, die in ihrer Offenheit und Entspannheit die Zuhörer geradezu einladen, in ihren sanften Rhythmen aufzugehen. Doch Calexico können auch laut rocken und so überrascht es nicht, dass einige Lieder als Ausgangspunkt für längere, aber nie langweilige, musikalische Exkursionen dienen. So verbinden Gypsy’s Curse und Not Even Stevie Nicks die sphärische Stimmung der Songs mit ausgedehnten Gitarrenimprovisationen. Quattro hingegen besticht durch den Kontrast des ruhigen Vortrags des Gesangs mit den intensiv erklingenden Trompeten.

Alone Again Or, der anspruchsvolle Klassiker der 60er-Jahre Band Love bildet einen weiteren Höhepunkt des Konzertes. Gesanglich kann Burns zwar nicht mit Arthur Lee mithalten, aber die Band bewältigt die komplexen Tempo- und Rhythmuswechsel mühelos. Crystal Frontier, vermutlich Calexicos bekanntestes Lied, wird einer bemerkenswerten Transformation unterzogen. Es versinkt gegen Ende in einen dunklen Groove, den Burns benutzt, um einige Zeilen aus dem Clash-Klassiker Guns Of Brixton zu zitieren. Schon vorher hatte er gegen Ende des Minutemen-Songs Jesus & Tequilla das berühmte Riff von Led Zeppelins Heartbreaker einfließen lassen, so als wollte er zeigen, dass die Band auch mit den Mythen des Rock’n’Rolls vertraut ist – und sogar darüber hinaus: In Karlsruhe entgeht den aufmerksamen Zuhörern nicht, dass auch der Klassiker Love will tear us apart von Joy Division seinen Weg in die Gitarrensoli findet.

Mit stürmischem Applaus fordert das Publikum Calexico zur Zugabe zurück auf die Bühne. Besonders beeindruckend ist dies im Karlsruher Zelt – der Boden bebt, als die Zuschauer nicht nur applaudieren, sondern auch das Aufstampfen als nachhaltige Unterstreichung ihrer Zugabe-Aufforderung für sich entdecken. Bei Inspiracion, der zweiten Zugabe in Darmstadt, übernimmt Valenzuela zur Freude der Zuschauer des Gesangspart und schlägt sich hervorragend. Beim Zeltival gelingt dies dem Gast Chris Cacavas. Guero Canelo lädt zum Abschluss dank seines verführerischen Rhythmus zum Tanzen ein. Burns, Convertino und Band sind sicherlich auch in Zukunft jederzeit wieder willkommen; zumindest im Südwesten Deutschlands zwischen Darmstadt und Karlsruhe.

Setlist in Darmstadt (11. Juli 2007): Chach – Across The Wire – Jesus & Tequila – Sunken Waltz – Quattro – Deep Down – Minas De Cobre – Roka – The Road/Black Heart – Gypsy’s Curse – Stray – Not Even Stevie Nicks – El Picador – Alone Again Or – Letter To Bowie Knife – Crystal Frontier

Zugabe: Scout – Inspiracion – Guero Canelo

Setlist in Karlsruhe (12. Juli 2007): Chach – Frontera/Trigger - Across The Wire – Jesus & Tequila - Quattro – Sunken Waltz – Minas De Cobre – Roka – Deep Down – Black Light – Hazy Kane – The News about William – El Picador – Ojitos Traidores – Not Even Stevie Nicks – Alone Again Or – Crystal Frontier

Zugaben: Scout – All that Air (Chris Cacavas)– Letter To Bowie Knife – Guero Canelo

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