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HipHop als Teil der 400-jährigen Geschichte Mannheims? So ungefähr sehen es zumindest die Verantwortlichen der Veranstaltungsreihe „Bewegte Zeiten“. Dies ist Anlass genug für unseren Autor, einen kurzen Rückblick auf die alten Zeiten zu werfen. Und auf die jüngsten Auftritte von Blumentopf, Shuno, RCF und der Kompaktversion der Groove Guerilla - repräsentiert durch Nikki und DJ Slick.

Nun ist es offiziell: HipHop als das wesentliche Ausdrucksmittel der Jugend von heute ist Teil der 400-jährigen Geschichte Mannheims. So sehen es zumindest die Verantwortlichen der Veranstaltungsreihe „Bewegte Zeiten. Die Mannheimer Arbeiterbewegung im Spiegel der Zeit“. Um dem ganzen auch noch eine würdige Plattform für eine angemessene Huldigung zu bieten, wurde "Urban Vibes" zum Spiegel der Mannheimer Subkultur. Die Veranstalter stellten in Zusammenarbeit mit dem "addictz"-Netzwerk junge Szene-Künstler aus Mannheim auf die Bühne und liessen sie sprechen, breaken, scratchen und sprayen. Als Special-Guest waren Blumentopf eingeladen.

Dies gibt Anlass genug für einen kurzen Rückblick. Früher war nämlich alles besser. Viel besser. Im Lande des HipHop flossen Milch und Honig in Massen. Es gab einen aktiven Freundeskreis, einen aktiven Torch, Massive Töne mit Wasi oder auch STF und die Stiebers. Noch besser als das war allerdings die Tatsache, dass alles so super und wunderbar war, dass das gemeine HipHop-volk sich überlegte: „Hey, dieses ganze Community-Ding ist voll für die Tonne. Lasst uns doch alle so richtig schlecht Savas kopieren, Intelligenz in den Texten beiseite schieben und auf Community verzichten.“

Zumindest so ungefähr ist alles abgelaufen. Jeder diskutierte sich beim Thema „Realness“ in Rage und beschwor den Underground bzw. die harte Schule. Auch der Urheber dieser Zeilen war damals ganz vorne mit dabei, wenn es um darum ging, die Etablierten zu kritisieren. Doch leider bekam die Welt nicht mehr Azad, Tone, STF & Co., sondern stattdessen nur Massiv, Snagga & Pillath und andere, die sprachlich im wahrsten Sinne des Wortes tot sind, die aber andererseits dann auch so ehrlich sind, dies offen einzugestehen.

Was am letzten Sonntag in der Mannheimer Alten Feuerwache stattfand, sollte sich also dem HipHop als Teil des 400-jährigen Jubiläums der Stadt widmen. Früher hätte solch eine Veranstaltung den meisten nur ein müdes Lächeln abgetrotzt, gab es sie doch fast jedes Wochenende. Heute muss man vor Freude strahlen, dass es wieder so etwas ähnliches wie eine Jam gibt. Früher wären Blumentopf wohl weniger gern auf Jams gesehen worden - heute gehören sie zu den wenigen, die sich noch für die Jam-Kultur stark machen und das ganze supporten. Früher hätte es um Torch einen Massenauflauf gegeben - heute kennen ihn zumindest noch ein paar Leute.

Der besagte Abend lässt sich am besten im direkten Vergleich mit früheren Jahren skizzieren. Im Grunde war nämlich alles wie früher. Die Jungs von Blumentopf sahen, abgesehen von abgeschnittenen Zöpfen (was leider keinen künstlerischen Bezug hat), noch so aus wie vor 10 Jahren und hörten sich sogar noch so an. Selbst die Fans waren irgendwie noch dieselben. Das bedeutet, ein wesentlicher Anteil der Hörer und Besucher mag HipHop an sich eigentlich gar nicht, aber Blumentopf eben doch. „Weil die ja so witzig sind. Und man kann auch noch drauf feiern“. Es fehlten auch nicht jene Typen, die ständig wichtig durch die Gegend laufen, um dabei entweder gestresst oder wahnsinnig entspannt und über allem schwebend zu wirken. Und damit man sie nicht übersehen kann, drehen sie in ihren Aufsehen erregenden Outfits systematisch ihre Runden durchs Volk.

Doch vor dem Konzert stand das „Restprogramm“ an: Sprayer, Emcees und B-Boys stellten die Show vor das Battle. Jedoch konnten sie auch ohne den Kitzel des strengen Wettbewerbs auf sich aufmerksam machen. Insgesamt lief alles recht ruhig und entspannt ab. Der HipHop-Gedanke sollte diesen Tag bestimmen, nicht nur der des Rap. Doch so richtig in Fahrt kam das Ganze dann doch erst über den Rap.

Die 305er Shuno, RCF und Dj Slick waren mehr als nur Einheizer und Vorband. Shuno ließ sich die Chance nicht nehmen, seine neue EP live on Stage zu präsentieren und die direkten Reaktionen des Publikums unter die Lupe zu nehmen. Beeindruckend war es, was dieser dort ablieferte. Die ersten Songs stand er als Backup Emcee für RCF auf der Bühne und wirkte noch etwas schüchtern. Im fliegenden Wechsel übergab RCF die Protagonistenrolle an Shuno. Dieser kam nun von Line zu Line mehr und mehr aus sich heraus und schaffte es, sich neben RCF zu behaupten und die nötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was man nun geboten bekam, war ein Emcee, der regelrecht aufblühte und eine Präsenz auf der Bühne entwickelte, die seinem Auftritt eine immense Eigenständigkeit verlieh, die man bei vielen anderen Emcees lange suchen muss. In Union mit RCF bildete sich so ein Duo, in dem jeder seine Stärken auf eine Art auszuspielen weiß, dass insgesamt keine Schwächen auszumachen sind.

Den beiden folgte die Kompaktversion der Groove Guerilla repräsentiert durch Nikki und DJ Slick. Ihren Einstand nahmen sie mit einem Featuring von Shuno, das zu den absoluten Höhepunkten des Abends zählte. Auch was danach an neuen Stücken der Groove Guerilla aus der PA schallte, ließ das Niveau nicht sinken, sondern erhöhte umso mehr die Neugier auf ein neues Album. Eine weitere Protagonistin war Rebecca, die nicht nur Nikki supportete, sondern sich auch mit ihrem selbst komponierten Material vorstellte. Diese Show der verschiedenen Mannheimer Musiker, zusammen in dieser Art und Weise, war das ideale letzte Puzzlestück zum Gelingen des gesamten Tagesprogrammes.

Doch Schluss war an dieser Stelle noch nicht, denn immerhin standen noch Blumentopf an, die ihre riesige Fangemeinde in die Feuerwache gezogen hatten und eine ziemlich überzeugende Show ablieferten - was selbst die Nicht-Blumentopf-Hörer anerkennen mussten. Die Töpfe haben es mittlerweile auf ausreichend Output gebracht, so dass es mittlerweile ziemlich schwer fällt, sich auf eine Auswahl zu einigen. Die Fans waren jedenfalls hellauf begeistert und demonstrierten, dass sie die Texte der Münchner genausogut auswendig können, wie die 13-jährigen Jungs Sidos Arschficksong. Im Grunde machen die Jungs das gleiche wie Sido, nur irgendwie „schwiegermuttertauglich“. Und sie haben dabei geholfen, eine Brücke zwischen Alt und Jung zu schlagen; damals, letzten Sommer mit ihren WM-Songs zur Hauptsendezeit. Seitdem versteht die Mama auch endlich, was das überhaupt ist, dieser ominöse HipHop.

Doch man täte ihnen Unrecht, würde man behaupten, sie seien nur die soften Studenten-Rapper. Ihre lange und erfolgreiche Bandgeschichte spricht für sich. Und die Tatsache, dass Platte und Bühne nicht so richtig zu vergleichen sind, beweisen sie durch ihre Shows samt Live-Band immer wieder aufs Neue. Mit dieser Band im Rücken gibt es auch die Möglichkeit zu mehr Improvisation, wobei jedoch eine Freestyle-Session nicht fehlen darf.

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