Brian Wilson (hier bei einem Konzert in Bonn 2009) möchte 2012 gemeinsam mit den übrigen Beach Boys auf Tour gehen.

Brian Wilson (hier bei einem Konzert in Bonn 2009) möchte 2012 gemeinsam mit den übrigen Beach Boys auf Tour gehen. © Dobromila Walasek

Es ist eigentlich ein Wunder an diesem Abend die Gelegenheit zu erhalten, Brian Wilson live zu erleben. Der kreative Kopf der Beach Boys schien lange in Depression und Isolation versunken zu sein, bis er den Teufelskreis durchbrach. Trotz quälender Unsicherheit vollendete er sein 1967 begonnenes Album Smile - ein Triumph bei Kritikern und Publikum. Auf dem Zeltfestival waren Brian Wilson und seine Band in glänzender Spiellaune.

Trotz quälender Unsicherheit begann Brian Wilson vor einigen Jahre wieder damit, regelmäßig Konzerte zu geben und ging sogar das Wagnis ein, das Album zu vollenden, über dessen Fertigstellung er 1967 verzweifelt und zusammengebrochen war: Smile wurde ein Triumph bei Kritikern und hörendem Publikum. Unabhängig davon symbolisiert es den Sieg Brian Wilsons über die Dämonen aus seiner Vergangenheit. Eine Geschichte mit Happy-End also.

Vom Leben gezeichnet

Es ist jedoch nicht so, dass die Vergangenheit keine Spuren hinterlassen hätte. Brian Wilson trägt ein rotes Sweatshirt und sitzt auf einem Hocker am Keyboard. Er wirkt angespannt, nur einmal lächelt er sanft. Ein Konzert bedeutet für ihn, das ist deutlich zu spüren, immer noch eine große Überwindung. Manchmal springt er auf, zieht sich ungelenk seine Hose nach oben und huscht wieder hinter sein Keyboard zurück. Häufig versucht er mit rührenden Gesten die Musik plastisch erscheinen zu lassen, kommentiert Einsätze oder Steigerungen mit ausgestreckten oder erhobenen Händen.

Gelegentlich nur wendet er sich an das Publikum, nennt beispielsweise Heroes and Villians einen der besten Songs an diesem Abend oder bekundet seine unvergängliche Liebe zu Caroline, No. Er lebt seine Musik, daran besteht kein Zweifel, auch wenn die Lieder ein vorwiegend harmonisches Portrait einer unschuldigen Jugendzeit zeichnen, die seit langem vorbei ist – und in seinem Fall nie existiert hat. Für viele Zuschauer ist das Konzert ein nostalgischer Ausflug in ihre Jugend – obwohl das Konzert eigentlich viel mehr zu bieten hat.

Stimmlich überzeugend

Brian Wilsons Stimme ist – fast möchte man "natürlich" sagen – nicht mehr dieselbe wie in den 1960ern. Die hohen Gesangsparts überlässt er dem glänzenden Sänger und Gitarristen Jeffrey Foskett und beschränkt sich auf die tieferen Lagen. Bei Songs, die fast gänzlich in luftigen Höhen spielen, wie Barbara Anne, singt er daher lediglich im Hintergrund. Die Abmischung der zahlreichen Sänger und Instrumente sorgt zudem dafür, dass seine Stimme nie zu sehr im Vordergrund steht, so dass eventuelle Fehler nicht allzu offensichtlich hervortreten. Gelegentlich unterläuft ihm ein Aussetzer oder ein Misston entweicht seiner Kehle, beispielsweise bei Caroline, No.

Trotz dieser Defizite ist Brian Wilsons Leistung an diesem Abend beeindruckend. Add Some Music ist sicher nicht sein bester Song, man könnte ihn aufgrund seiner inspirierten Darbietung fast für einen verlorenen Klassiker halten. Sein Gesang bei God Only Knows ist nichts weniger als herausragend und reißt das Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hin.Sloop John B, California Girls und Wouldn’t It Be Nice überzeugen nicht minder, indem sie Brian Wilsons enthusiastische Musikalität glänzend zur Geltung kommen lassen. Diese Momente, in denen Musik und Gesang perfekt harmonieren und für ein fast überwältigendes melodisches Erlebnis sorgen, sind es, die seinen Auftritt so wertvoll machen.

Gewaltiger Aufwand

Unterstützt wird Brian Wilson von einer fast unüberschaubar großen Band, der es gelingt, den symphonischen Sound der Beach Boys der 1960er Jahre in modernem Gewand wieder auferstehen zu lassen. Damit dies möglich wird, verfügt das Ensemble über zwei Schlagzeugsets, fünf Keyboards, drei Gitarren, Bass, Flöte, Saxophone und Mundharmonika sowie Musiker, die zudem fast alle im Laufe des Konzerts Gesangsparts zu übernehmen scheinen. Taylor Mills spielt als einzige Frau die Rolle der Backgroundsängerin.

Musik und Gesang harmonieren durchweg hervorragend, die Band ist exzellent aufeinander abgestimmt und es gelingt ihr, den Liedern die essentielle Energie zu verleihen. Brian Wilsons Klassikern gerecht zu werden, sie mit Leben zu erfüllen, ist kein geringes Verdienst, denn hinter den oft spielerisch leicht erscheinenden Liedern verbergen sich durchkomponierte, teilweise hochkomplexe Songs mit ebenso komplexen Gesangspartien. Es ist Musik, die kaum Fehler verzeiht und gerade darum ist die Leistung von Brian Wilson und Band umso höher zu bewerten.

Glänzende Spiellaune

Das Publikum besteht an diesem Abend vornehmlich aus Fans der ersten Stunde. Dementsprechend werden Surfin’ USA, Barbara Anne und California Girls besonders begeistert aufgenommen. Es wäre angesichts der durchaus erschwinglichen Kartenpreise schön gewesen, wenn jüngere Zuschauer den Weg in den Volkspark in größerer Zahl gefunden hätten, wie das bei Konzerten anderer legendärer 60er-Jahre Künstler der Fall ist.

So ist das Zelt nur zu etwa 2/3 gefüllt, was der hervorragenden Stimmung freilich keinen Abbruch tut. Einzelne Zuschauer tanzen in den Rängen und spätestens bei der Zugabe steht das komplette Publikum und bejubelt seine Helden mit standing ovations. Brian Wilson bedankt sich artig mit zahlreichen "Dankeschöns". Nach etwa 100 Minuten verabschieden sich die Musiker und lassen die Zuschauer in der Gewissheit zurück, Brian Wilson und Band in glänzender Spiellaune erlebt zu haben.

Setlist Brian Wilson live in Mainz

Catch A Wave / Dance, Dance, Dance / Then I Kissed Her / In Blue Hawaii / In My Room / Surfer Girl / Wendy / When I Grow Up / Do You Wanna Dance / Drive In / I Get Around / Sloop John B / Wouldn’t It Be Nice / Caroline No / God Only Knows / Add Some Music / Sail On Sailors / Heroes And Villains / Marcella / California Girls / Help Me, Rhonda / Good Vibrations / Do It Again / Johnny B Goode / Barbara Anne / Surfin’ USA / Fun, Fun Fun // Love And Mercy

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