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Fanta4 - Southside 07 © regioactive.de

Die Zwillingsveranstaltungen Southside und Hurricane zählten mit über 100.000 Besuchern auch dieses Jahr zu den bisher beliebtesten Großveranstaltungen. Southside schön und gut - aber wie war es denn eigentlich beim Parallelevent, dem Hurricane? Nach den fotografischen Eindrücken aus dem Süden hier nun ein Bericht über die 3 Tage in Scheeßel.

Sturm, Wind und Regen am Festival-Freitag. Sintflutartiger Regen. Sumpfgleiche Bodenbeschaffenheit. Nicht nur widrige, nein, nahezu lebensfeindliche Umstände in Scheeßel. Dieser Eindruck drängt sich auf beim morgendlichen Blick auf die ersten Wasserstandsmeldungen im Internet. Ein paar Stunden später stolpern viele der nahezu 55000 Festivalbesucher gefühlsduselig, von Snow Patrol samtweich gespült und hochsensibel getaktet durch den Schlamm. Eine Erkenntnis macht sich breit: Das ist alles echt - die Dixie-Klos, der Schmerz in den Gelenken, die klammen Klamotten, die vielen, ja abertausenden Menschen. Das Wetter ist in Ordnung. So weit - so gut.

Die Fantastischen Vier betreten die Bühne. Von rechts zwängt sich ein Punkrocker zum ersten Wellenbrecher, links beleidigt ein „Children Of Bodom“-Shirt die Nasen. Sicher hätten sich hier so einige nicht träumen lassen, dass sie mal Smudo und Konsorten bejubeln dürften. Das tut der Stimmung nur gut und in dem allgemeinen Geschubse und Gejohle ("Was geht, was geht? Ich sag's dir ganz konkret!") schaltet der eigene Überlebensinstinkt ganz schnell wieder auf die Alarmstufe „Festivaldarwinismus“. Jetzt kann ja nichts mehr schief gehen, denkt man an diesem Punkt, bevor die einzig mögliche Steigerung kommt: Die Beastie Boys. Nun gut, sie sehen heute aus wie eine Kollaboration von Al Capone, Richard Gere und Lou Reed, aber die Optik kann Songs wie Sabotage nichts anhaben. Solange hier nur Hits abgefeiert werden, könnte die Stimmung kaum besser sein.

Die Queens Of The Stone Age haben den Auftrag, den Abend abzurunden und sie scheinen derart prädestiniert für die Schublade „Festival-Headliner“, dass sie in der Konsequenz fast schon enttäuschen müssen. Zu den Zeiten von Songs wie For The Deaf wäre dieser Gig eine ganz große Party geworden. Era Vulgaris ist da schon schwieriger - ebenso wie der komplette Auftritt von Josh Homme und Anhang. Aber ernsthaft beschweren kann sich dennoch niemand.

Der Festival-Samstag

Der Auftakt fällt The Bravery zu. Das ermöglicht die Flucht vor Virginia Jetzt! und schafft die Chance sich live davon zu überzeugen, dass Sänger Sam Endicott live genau so klingt wie Julian Casablancas von den Strokes. Aber Überraschung: Er klingt wie Robert Smith.

Den Ausflug ins „Coca-Cola Soundwave“-Zelt wird erschwert durch einen Schwarm Fliegen. Drinnen erschrecken die renitenten Ansagen von Ex-MTV-Moderatorin Anastasia Zampounidis. The Sounds aus Schweden sind in dieser Situation wie ein vor die Füße geworfener Rettungsring. Wer waren eigentlich nochmal Blondie, wer Deborah Harry? Marja Ivarsson kommt an dieses Vorbild zumindest nahe heran.

Um 18 Uhr beschreiten Arcade Fire die Bühne. Ungelenke Worte schießen einem durch den Kopf und die Musik der Band um Win Butler und Régine Chassagne stößt direkt hinein in das sensible Festival-Gemüt. Die Worte fehlen, das Herzblut aber nicht und nie: Die kanadischen Indie-Lieblinge boten definitiv einen der besten Auftritte in diesem Jahr.

Auf der Blue Stage folgt der Auftritt von Modest Mouse. Kaum jemand will sich die mit Johnny Marr verstärkte Band entgehen lassen. Zumindest scheint dies das vorrangige Motiv dafür zu sein, dass die zu gleicher Zeit aufspielenden Bloc Party deutlich weniger Publikum für sich gewinnen können. Nach den extrem sympathischen Manic Street Preachers soll folgt Conor Oberst mit seinen Bright Eyes, nur eine weitere halbe Stunde später steht der Auftritt von Marilyn Manson auf dem Programm und die Massen strömen zur Hauptbühne. Auf Nachfragen am "Point Of Return", einem christlichen Stand vor dem Festivalgelände, bekommt man eine kritische Sichtweise zu diesem Musiker erläutert. Bei kostenlosem Kirschsaft und Broschüren über die Verwerflichkeit von Bier kann sich hier jeder und jede anhören, dass Marilyn Manson auf der Bühne Fledermäuse isst und Rockmusik im Allgemeinen sowieso vom Teufel initiiert wurde. Diese Beschreibung lässt Marilyn Manson fast schon wieder im Lichte eines Schock-Rockers erscheinen. Beinahe sympathisch.

Der folgende Auftritt gestaltet sich dann aber eher traurig: die Reaktionen der Zuhörer sind verhalten, die Bühnenshow ist bis auf das fulminante Finale eher bescheiden, die neuen Songs sind ohne Biss. Die bleibende Erkenntnis ist, dass eine großartige Bühnenshow nicht mehr allein das i-Tüpfelchen einer tollen Marilyn Manson Show ist, sondern schlicht eine Notwendigkeit. Bemüht haben sich Manson und seine Band ja, aber das Gefühl, dass es hier für Fledermäuse auch nur im geringsten gefährlich werden könnte, kam über das ganze Set hindurch nicht auf.

Schlussakt eines mit Höhepunkten gefüllten Tages sind die wunderbaren Interpol. Deren melancholischer Einschlag treibt jedoch einige wieder in Richtung Zeltplatz, weil sie sich nach dem irgendwie traurigen Manson-Auftritt wohl wieder mehr partytauglichen Festival-Rock erhofft hatten.

Der Festival-Sonntag

Ein improvisiertes Frühstück wappnet für den Rest des Festivals. Der Anfang vom Ende des Hurricane 2007 beginnt mit Juliette & The Licks. Juliette Lewis wetzt die Scharte, die der Pam Anderson-Verschnitt von Satellite Party am Freitag hinterlassen hatte, vielfach wieder aus und entlässt so manchen Besucher in ein Dilemma: Sonic Youth oder Editors? Eine unmöglich zu treffende Entscheidung, doch die Lösung scheint zu sein, den Rest des Abends an der Green Stage zu verbringen und Sonic Youth den Zuschlag zu geben. Nach den Kings Of Leon ist es soweit, die legendäre Band beeindruckt und spart nicht an der Show: Thurston Moores Gitarre schrammt knapp an einer Anklage wegen Vergewaltigung eines Kameramanns vorbei und Kim Gordon tanzt und bewegt sich mehr denn je.

Um die Editors tut es einem noch ein bisschen leid, aber dieses Bedauern pusten Placebo bald in die aufgewärmte Abendluft. An der ein oder anderen Stelle wirkt deren Auftritt zwar zu routiniert, zu einfach, zu glatt - aber "die Damen und Herren aus Placebo" (O-Ton Brian Molko) können in den Augen ihrer zahlreichen Fans nicht wirklich etwas falsch machen. 

Deichkind wurden kurzerhand von der Zeltbühne auf die Blue Stage verfrachtet, weitestgehend parallel dazu spielen Pearl Jam. Letztere legen eine Geste allzu großer Erhabenheit an den Tag, die sich letztlich in Behäbigkeit verwandelt. Drüben bei Deichkind scheint hingegen die grosse Abschlussparty stattzufinden. Zu erkennen ist das an dem regen Austausch von Gegenständen zwischen Bühne und Publikum und insbesondere am Deichkind'schen Trampolin. Remmidemmi muss gleich zweimal herhalten. Das erscheint völlig okay, denn die Anhänger der Band hinterlassen den Eindruck, genau auf diesen Song seit zwei Tagen gewartet zu haben.

Abfahrt. Die Taschen sind leichter, zerfallene Zelte werden auf dem Campingplatz hinterlassen. Es bleiben ein Haufen Eindrücke zu verarbeiten, seien es die zweifelhaften GoGos in den Käfigen der Motorbooty-Party auf dem Zeltplatz, die nächtlichen "Du hast die Haare schön"-Chöre ("Helga"-Rufe sind übrigens gerade out) oder so unwiederbringliche Momente wie die Auftritte von Arcade Fire oder der Beastie Boys. Sei es das Schwelgen im breiten kulinarischen Angebot oder Gottes Segen, den jeder erhielt, der sich das x-te Freigetränk am „Point Of Return“ holte.

 

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