McCoy Tyner

McCoy Tyner

Selten hat man Gelegenheit, zwei legendäre Jazzmusiker an einem Abend bewundern zu dürfen. Das Publikum in der allerdings nicht ganz ausverkauften Heidelberger Stadthalle kam am Donnerstag Abend in den Genuss eben diesen Vergnügens, denn auf dem Programm standen die gleichrangigen Auftritte des bald 82-jährigen Schlagzeugers Roy Haynes sowie der des 69-jährigen Pianisten McCoy Tyner.

Beide Männer verbindet ihre Mitwirkung im klassischen Quartett John Coltranes zwischen 1961 und 1965, wobei Haynes allerdings nur als Ersatzmann fungierte, wenn der reguläre Drummer Elvin Jones nicht zur Verfügung stand. Haynes arbeitete in seiner langen Karriere mit zahlreichen weiteren legendären Musikern zusammen, darunter Lester Young, Charlie Parker, Miles Davis, Sarah Vaughan, Thelonious Monk und Eric Dolphy und veröffentlichte zahlreiche Soloalben, die Zeugnis seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten ablegen. Nicht nur wegen seiner Zusammenarbeit mit Coltrane gilt McCoy Tyner als einer der einflussreichsten Pianisten seiner Generation. Seit den frühen 1960er Jahren stand er fast immer einer eigenen Band vor, deren Musik durch eine lange Reihe herausragender Veröffentlichungen dokumentiert ist.

Roy Haynes eröffnet mit seinem Quartett, bestehend aus Martin Bejerano am Klavier, David Wong am Bass und Jaleel Shaw am Alt- bzw. Sopransaxophon, den Abend. Der Schlagzeuger macht trotz seines hohen Alters einen ausgesprochen vitalen Eindruck. Er dominiert nicht etwa die Band durch überbordenden Einsatz, sondern er kontrolliert und steuert sie auf eine unaufdringliche, dezente Art und Weise. Mit seinem eleganten und leichten Schlagzeugspiel legt er die rhythmische Grundlage für die Musik dieses Abends, die ganz im Zeichen des Zusammenspiel des Ensembles steht. Den hervorragend aufeinander abgestimmten Musikern gelingt es, ein dichtes, melodisch starkes Klanggemälde zu entwerfen, das jedoch nie schwerfällig, sondern stets swingend und dynamisch wirkt. Haynes spielt während des gesamten Abends kein Solo, Shaw und Bejerano nur gelegentlich. Beide überzeugen, ohne jedoch einen tieferen Eindruck zu hinterlassen.

Der harmonische Eindruck den das Set hinterlässt, wird jedoch durch das rüpelhafte Verhalten eines älteren Mannes gestört, der zwischen zwei Stücken aufspringt und in schauderhaftem Englisch sowie dem Tonfall eines Feldwebels Haynes zu befehlen versucht, die Band vorzustellen und die Stücke anzusagen. Haynes mahnt mit deutlichem Missfallen zur Geduld und versucht den Störenfried zu ignorieren; dieser lässt aber nicht locker und will nach dem nächsten Stück seine Litanei mit „I repeat“ erneut beginnen, als ihn unmissverständliche Unmutsbekundungen aus dem Publikum und die zupackende Hand des Mannes am Mischpult dazu bewegen, sich doch lieber hinzusetzen. Haynes steht nun auf und schreitet zum Mikrophonständer, wo er einige spöttische Bemerkungen über den Vorfall macht und die Musiker auffordert, ihre Gedanken darüber in einer Improvisation darzulegen. Glücklicherweise hat das respektlose Verhalten des Mannes damit ein Ende. Nach einer Stunde beenden die Musiker ohne weitere Zugabe ihr Set.

Anders als Roy Haynes wirkt McCoy Tyner gesundheitlich angeschlagen, als er in schleppendem Gang zum Klavier schreitet. Dort angekommen entfaltet sein Klavierspiel dennoch die gewohnte Kraft und Intensität. Von Müdigkeit oder Erschöpfung ist wenig zu spüren, der Pianist verfügt immer noch über den gewohnt kraftvollen Anschlag, den er benutzt, um im Zusammenspiel mit dem Bassisten Gerald Cannon und dem Schlagzeuger Eric Kamau Gravatt einen vollen, intensiven Klang zu erzeugen. Die Musik des Trios ist abstrakter, weniger eingängig als die des Roy Haynes Quartett. Sie lebt von den gewaltigen Akkordfolgen, der dynamischen Intensität des Pianisten sowie der Virtuosität von Gerald Cannon, der ausreichend Gelegenheit erhält, sein Können als Bassist aufzuzeigen. Sein Gespür für Melodie und Rhythmus ist McCoy Tyner ebenfalls nicht abhanden gekommen, auch wenn ihm die Spritzigkeit früherer Tage – zumindest im Augenblick – verloren gegangen zu sein scheint. Sein Repertoire besteht aus eigenen Kompositionen wie Sahara, aber auch Stücken seiner Vorbilder, wie etwa Duke Ellingtons In A Mellow Tone. Das Quartett spielt etwas länger als eine Stunde, bevor es die Bühne verlässt – eine Zugabe spielen sie trotz des stürmischen Applauses des Publikums nicht.

Das Heidelberger Publikum konnte an diesem Abend zwei Stunden Jazz auf beeindruckend hohem Niveau genießen. Man kann nur hoffen, dass McCoy Tyner seine gesundheitlichen Probleme überwinden und allen Freunden des Jazz noch viele Jahre erhalten bleiben wird, ebenso wie es Roy Haynes gelungen ist.

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