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Element of Crime (live in Mannheim, 2007) © Jonathan Kloß

Element of Crime sind mittlerweile so was wie die elder statesmen des deutschsprachigen Pop. Den sie dementsprechend zwischen 80er-Indie und Chanson lavieren. Sven Regener hat jedenfalls trotz seiner Erfolge als Autor seine Freude an der Bühne.

Das Maimarktgelände bietet an diesem Abend ein ziemlich trostloses Bild. In der feuchten Milde des mitteleuropäischen Pseudo-Winters glänzen die Gebäude im fahlen Licht. In einer Seitenstraße wärmen sich Obdachlose an einer brennenden Tonne. Ach nein, das ist nur ein Jugendlicher mit Zigarette, der mir seine Karte verkaufen will. In der Halle fühlt sich der Zuschauer zunächst ein wenig verloren. Überdimensioniert und ziemlich leer wirkt der Maimarktclub, füllt sich jedoch langsam.

Der von Sven Regener persönlich vorgestellten Vorgruppe Ed Csupkay gelingt es, ein wenig Stimmung zu verbreiten. Die humorvollen Texte erinnern an Finks Nils Koppruch oder Sven Regener selbst, die Musik ist größtenteils akustisch, und könnte etwas mehr Abwechslung vertragen. Der Höhepunkt ist ohne Zweifel das letzte Lied, eine herrliche, eingedeutschte Variation des Ramones-Klassikers I wanna be your boyfriend.

Element of Crime beginnen mit einer druckvollen, intensiven Version von Straßenbahn des Todes. Manche Konzerte benötigen etwas Zeit, um an Fahrt zu gewinnen – nicht so dieses: Ein Lächeln huscht vielen Besuchern schon nach dem ersten Lied über das Gesicht. Der Klang ist von Anfang an perfekt ausbalanciert, Svens Regeners Texte fast durchgängig verständlich, die Instrumente präzise und klar abgestimmt. Dieser Abend wird alle Hoffnungen erfüllen, die man in ihn gesetzt hat.

Regener wechselt gekonnt zwischen sehnsuchtsvoll verlorenen Lieder, die er leise und mit genauem Maß vorträgt und trotzigen, manchmal fiesen Rocksongs, oft unterstützt von seinem Trompetenspiel. Dieses ist nicht virtuos, sondern dient der Koloratur, vermittelt Stimmung, öffnet die Lieder, gibt ihnen Raum und lässt sie weniger wortreich erscheinen. Das Gitarrenspiel von Jakob Ilja zeichnet sich durch seinen glasklaren Ton aus und überbrückt mühelos Stilgrenzen. Zusammen mit David Young am Bass und Schlagzeuger Richard Pappik schafft die Band einen organischen Sound, der Regeners Texte perfekt illustriert.

Mittelpunkt der Welt, das bislang letzte Album von Element of Crime, ist 2005 erschienen. Die Band spielt es fast zur Gänze und es ist eindeutig, dass die Lieder dieser Platte den Status vielbejubelter Publikumslieblingslieder errungen haben. Als Sven Regener den Refrain von Wenn der Winter kommt anstimmt, singen viele Zuschauer selig die letzten trostspendenden Verse mit: „Am Himmel verblassen die Sterne/Deine Augen funkeln mich an/Seit ich Dich kenne mag ich es gern/Wenn der Winter kommt/Dann wird’s früher dunkel“. Regener ist eben kein romantisierender Bänkelsänger, sondern ein augenzwinkernder Portraitist menschlicher Beziehungen, die in er in eindringlichen Bildern, absurden Szenarien und brillanten Wortspielen darstellt.

Scharfzüngig und sehnsuchtsvoll, verletzlich und eindringlich – er zeigt viele Seiten in seinen Liedern und schafft es, sie tief im Gedächtnis des Zuhörers zu verankern. Wieso sollte er dann noch viel zwischen den Liedern reden, meint Regener scherzhaft: „Wenn man nichts sagt, gilt man als arrogant – und das stimmt ja auch, aber man sollte es ja nicht so raushängen lassen.“ Selbst wenn er mit dem Rücken zum Publikum gespielt hätte, wie weiland Miles Davis, hätte man es ihm an diesem Abend auch verziehen, denn es zeichnet seine Musik ja gerade aus, dass sie niemanden ausschließt, sondern für jeden ein Lied bereitstellt, mit dem er sich identifizieren kann, das ihn anspricht, als sei es für ihn geschrieben.

Das grandios überzogene, aber tief empfundene Weißes Papier ist wie immer das meistbejubelte Lied des Abends. Ein guter Teil seines Erfolges gründet sich auf dieses fantastische Lied und das nicht minder beeindruckende gleichnamige Album. Verträumt stimmt Regener es an, vermag es aber dann fast unheimlich an Intensität zu steigern und das Publikum fast zur Ekstase zu treiben. Hinter mir singen zwei betrunkene Damen ausgelassen mit, glücklicherweise nicht allzu lange. Der kleinwüchsige Mann zu meiner Rechten, der jeden Text auswendig kennt, ist hingegen viel zu versunken in die Musik, um sich daran zu stören.

Mit Murder in your Eyes blickt die Band auf ihre „englische Periode“ zurück. Sie dachten damals, so Regener, es sei 1978, in Wirklichkeit war es aber 1988. Trotz der durchaus ordentlichen Qualität des Songs ist festzuhalten, dass der Wechsel zu deutschen Texten und weg von der Musik im Stil der New Wave heute so zwingend erscheint, dass man sich kaum vorstellen kann, dass Regener auf den ersten vier Alben der Band (fast akzentfrei) Englisch gesungen hat. Heute klingen Element of Crime nicht mehr wie irgendeine andere Band, sie haben ihre eigenen unverkennbaren Stil gefunden – und das ist kein geringe Leistung.

Als Zugabe folgen weitere Höhepunkte, darunter eine glänzende Interpretation von Die letzte U-Bahn geht später. Die schnelleren, rockigeren Stücke wie Draußen hinterm Fenster, Bring den Vorschlaghammer mit und Vakuum veranlassen das Publikum zum Mithüpfen wie auf einem Rockkonzert. Mit frenetischem Beifall wird die Band über und über gefeiert. „Wir haben für diesen Fall etwas vorbereitet“ sagt Sven Regener verschmitzt und freut sich sichtlich über die ausgelassene Freude im Publikum. Zum Abschied nach weit mehr als zwei Stunden winken die Musiker und das Publikum winkt zurück. Es ist, als ob man gute Freunde verabschiedete. Jeder, der dabei war, wird sich noch in vielen Jahren an ein wahrlich herausragendes Konzert erinnern – vielleicht war es – wir wissen es nicht – eines der besten, das Element of Crime jemals gegeben haben.

Setlist Element of Crime live im Maimarktclub Mannheim

Straßenbahn des Todes – Und du wartest – Geh doch hin – Wenn der Winter kommt – Finger weg von meiner Paranoia – Vier Stunden vor Elbe 1 – Mehr als sie erlaubt – Murder in your eyes – Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei – Ich kann warten – Gelohnt hat es sich nicht – Immer unter Strom – So wie du – Weißes Papier – Weit ist der Weg – Still wird das Echo sein – Mittelpunkt der Welt – Delmenhorst – 1. Zugabe: Die letzte U-Bahn geht später – Draußen hinterm Fenster – 2. Zugabe: Damals hinterm Mond – Bring den Vorschlaghammer mit – 3. Zugabe: Jung und schön – 4. Zugabe: Vakuum

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