Tomte (Alte Feuerwache)
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Tomte (Alte Feuerwache) Photos: Jonathan Kloß © regioactive.de

Thees Uhlmann ist ein netter und unkomplizierter Typ, wie jeder weiß, der sich das auf dem letzten Longplayer Buchstaben über der Stadt enthaltene Bonusvideo über sein Heimatdorf Hemmoor angesehen hat. Diese Herkunft hielt ihn aber noch nie von Großstadtpoesie wie in New York ab – jetzt spielte die Band sogar einen Gig, um einer anderen Stadt zum 400jährigen zu gratulieren.

Gleich zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate bitten Tomte am Donnerstagabend zum Konzert in der Geburtstagsstadt Mannheim, diesmal anstatt in der gefüllten Feuerwache im leider kaum mehr als halbgefüllten Capitol. Unterstützt werden sie von der Band The Kilians aus Dinslaken. Erfreulicherweise entpuppen sich die jungen Musiker als glänzende Wahl. Der englisch singende Simon den Hartog überzeugt mit seiner ausdrucksstarken Stimme und seinem Showtalent. Der Leadgitarrist erinnert ein wenig an Tom Verlaine oder Richard Lloyd, die beiden Gitarristen der legendären New Yorker Band Television – und das obwohl er mit gebrochenem Handgelenk spielt! Die Rhythmussektion ist druckvoll und präzise. Überhaupt ist der Sound von The Kilians sehr gut ausbalanciert, was unmöglich wäre, wenn die Band nicht über die dazu notwendigen technischen Fähigkeiten verfügen würde. Ohne Frage, manche Songs klingen sehr nach den Strokes, andere Lieder hingegen klingen viel erdiger, bluesiger und eher ähnlich englischen Bands wie The Coral oder The Zutons, jedoch ohne deren Anklänge an die sechziger Jahre. Jedenfalls können nur wenige Gruppen eine solche musikalische Vielfalt vorweisen. Die Performance der jungen Band vom Niederrhein überzeugt das Mannheimer Publikum, was dieses mit kräftigem Applaus zum Ausdruck bringt.

 

 

{image}Nach einer kurzen Umbaupause folgen Tomte. Der Beginn des Konzertes misslingt: Die ersten drei Lieder werden allzu routiniert dargeboten; statt energetisch wirken sie monoton, Thees Uhlmann scheint kaum präsent zu sein und so fällt der Blick auf Gitarrist Dennis Becker und Bassist Oliver Koch, die sich beide wie auf Laufschienen in den immergleichen Posen und Bewegungen vor- und zurückbewegen. Man könnte zu diesem Zeitpunkt fast meinen eine Aufziehband sei auf der Bühne abgestellt worden! Ein Desaster scheint sich abzuzeichnen, da tritt Uhlmann zum ersten Mal ans Mikrophon und lässt mit seiner nonchalanten Ironie im ersten von vielen Monologen alle Befürchtungen in Rauch aufgehen. Das Einheitstempo ist gebrochen und es kann endlich richtig losgehen.

Nun folgen kraftvolle, dynamische Versionen von So soll es sein sowie Von Gott verbrüht und schon ist die Wende geschafft; ab jetzt ist Uhlmann der Mittelpunkt des Geschehens. Obwohl musikalisch nichts herausragendes geschieht und das instrumentale Niveau seltsam dürftig bleibt, vermögen Tomte an diesem Abend zu überzeugen, wenn nicht sogar zu begeistern. Das Konzert gewinnt seinen besonderen Reiz durch den faszinierenden Gegensatz zwischen zwei verschiedenen Uhlmanns. Da gibt es zum einen den Sturm- und Drang-Musiker, der voller Pathos und Emphase die Liebe in allen ihren Formen beschwört. Er singt bildlich gesprochen "mit zum Himmel gereckter Hand". Seine Lieder sind Anrufungen, Gebete und Schwüre. Er ist ein Prophet, der seine Botschaft vom Gipfel des Berges in alle Welt verbreitet.

Aber da gibt es noch eine andere Seite, nämlich den scharfzüngigen, charismatischen und schlagfertigen Kommentator, der mit seinen Monologen die Ironisierung der eigenen Rolle gleich mitliefert, so dass diese Aufgabe kein missgünstiger Betrachter zu erledigen braucht. Aber wer würde das schon wollen? Wer könnte so verdorben sein, nicht die Schönheit und Aufrichtigkeit von Songs wie Ich sang die ganze Zeit von Dir zu erkennen? Uhlmann berichtet von Unsicherheiten und Neurosen, spielt mit dem Publikum, kokettiert mit seinem neugewonnenen Ruhm und unterwandert so subversiv seine soeben aufgebaute Rolle – er ist Hohepriester und Hofnarr in einer Person.

Das vornehmlich jugendliche Publikum nimmt diesen Gegensatz vielleicht gar nicht wahr oder misst ihm keine besondere Bedeutung zu. Es ist zu beschäftigt, Hymnen wie Norden der Welt oder Schreit den Namen meiner Mutter mit euphorischer Begeisterung mitzusingen. Diejenigen, die an diesem kalten Abend den Weg auf sich genommen haben, bereuen ihr Kommen sicherlich nicht. Manche lächeln verzückt, andere schließen die Augen und sonnen sich im Licht der Scheinwerfer, viele tanzen und singen mit. Als sich das Konzert dem Ende zuneigt fordert das Publikum lautstark Die Schönheit der Chance und die Band erfüllt diesen Wunsch. Als das Lied langsam ausklingt, verabschieden sich die Musiker.

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