Joe Lovano (Pressebild)

Joe Lovano (Pressebild) © Jimmy Katz

Die Vorfreude auf das Konzert des Joe Lovano Nonets war groß. Selten hat man Gelegenheit einen so herausragenden Musiker und Komponisten wie Joe Lovano und acht weitere Musiker live zu erleben, denn im heutigen Jazz dominieren Gruppen in kleinerer Besetzung – größere Ensemble sind dagegen etwas aus der Mode gekommen.

So strömte das Publikum erwartungsvoll zum Auftritt des großen Saxophonisten und seines Ensembles und seine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Ein Nonet, wenn auch in einer etwas anderen Instrumentierung, war es auch, das in den Jahren 1949 und 1950 in New York City das legendäre Album Birth of the Cool einspielte. Miles Davis stand damals nominell der Gruppe vor, aber im Hintergrund zogen künftige Legenden des Jazz wie Garry Mulligan und Gil Evans die Fäden.

Beteiligt war auch ein junger Musiker namens Gunther Schuller, der auf einigen Stücken French Horn spielte. Schuller wurde einige Jahre später zum Hauptvertreter einer musikalischen Richtung, die er selbst als Third Stream bezeichnete und die Jazz und europäische Klassik verbinden wollte.

Als Joe Lovano von den Organisatoren des Montreux Jazz Festivals im Jahre 2001 den Auftrag erhielt, ein Stück zu komponieren, um den 75. Geburtstag von Miles Davis zu feiern, zögerte er nicht, den ihm freundschaftlich verbundenen Schuller einzubeziehen. Dieser komponierte eine Suite aus den drei Birth of the Cool-Stücken Moon Dreams, Move und Boplicity und ummantelte sie mit selbst komponierten Vor- und Zwischenspielen sowie einem Finale.

Zusammen mit der fünfteiligen Streams of Expressions-Suite, einer Eigenkomposition von Lovano, bilden diese Stücke den Grundstock des gleichnamigen Albums, das in diesem Jahr unter dem Namen Lovanos erschien und das als Verneigung Lovanos vor den bedeutendsten Musikern des Jazz der letzten sechzig Jahre bezeichnet werden kann. Diese Stücke sollten auch im Mittelpunkt des Mannheimer Konzertes stehen.

Joe Lovano (Tenorsaxophon) beginnt das Konzert mit dem ersten Teil der Streams of Expression-Suite, genauer gesagt mit Streams und Cool. Er und seine Mitstreiter Ralph LaLama (Tenorsaxophon und Klarinette), Steve Slagle (Altsaxophon und Flöte), Gary Smulyen (Baritonsaxophon), Barry Ries (Trompete), Larry Farrell (Posaune), James Weidman (Klavier), Dennis Irwin (Bass) und Otis Brown III (Schlagzeug) präsentierten sich in bester, manchmal euphorischer Spiellaune.

Lovano eröffnet seinen Auftritt mit einem langen, exstatischen Solo, das reich an Erfindungsreichtum und Kreativität ist. Daraufhin folgt Tad’s Delight, eine Komposition von Tad Dameron, die nicht nur Miles Davis im Jahre 1956 für sein Album Round About Midnight, sondern auch Lovano selbst mit seinem Nonet für das Album 52nd Street Themes eingespielt hat. Die Ausführung ist wenig spektakulär, bietet aber fast allen Musikern die Gelegenheit, sich als Solisten auszuzeichnen.

Das letzte Stück vor der längeren Pause bildet die oben bereits ausführlich vorgestellte Birth of the Cool-Suite. Das Bemühen von Schuller den Ensemblecharakter der originalen Kompositionen zu erhalten wird dabei in allen Momenten deutlich. Lovano steht trotz gelegentlicher Soli nicht im Mittelpunkt – es ist das gesamte Ensemble, das durch sein präzises, harmonisches und technisch herausragendes Spiel beeindruckt. Es ist eine herausragende Leistung, einigen der bekanntesten und besten Kompositionen des Jazz ein würdiges neues Gewand zu verleihen. Schuller, Lovano und dem Ensemble gelingt es auf beeindruckende Art und Weise.

Nach der Pause gelingt es Lovano und seinen Musikern das hohe Niveau des bisherigen Konzertes noch weiter zu steigern. Auf den nun folgenden drei Stücken (den Teilen 3-5 der Streams of Expression-Suite?) besticht die Band mit herausragendem, leidenschaftlichen Spiel und glänzenden Solos. Es wäre ungerecht einzelne Musiker allzu sehr hervorzuheben, aber Gary Smulyen am Baritonsaxophon, Steve Slagle am Altsaxophon sowie Larry Farrell an der Posaune verdienen eine besondere Erwähnung. Auch Pianist James Weidman, der in der ersten Hälfte des Konzertes eher im Hintergrund wirkte, erhält nun auch Gelegenheit, sein Können als Solist zu zeigen.

Der Band ist die Spielfreude anzumerken, sie bildet eine Einheit, kommuniziert mit ihren Instrumenten. Obwohl Joe Lovano als Kopf des Ensembles und Zeremonienmeister fungiert, ist es doch ein kollektives Werk, das die Künstler auf der Bühne gemeinsam kreieren. Es ist sein Verdienst, dass er seinen Musikern genügend Raum gibt, sich zu entfalten. Und sie nutzen den Freiraum: Sie necken und locken sich gegenseitig, spielen sich Noten wie Bälle zu und genießen es einfach nur ihre Musik darzubieten. Dabei wird deutlich, wie bedauerlich es ist, dass es nicht mehr Musiker gibt, die etwas „ausgefallenere“ Instrumente wie Posaune oder Baritonsaxophon in einem Jazzkontext spielen, denn es ist nicht zuletzt die Vielfalt der Klangfarben, die dem Konzert einen besonderen Charakter verleiht.

Zudem verfügen wenige lebende Saxophonisten über eine solche Palette an Ausdrucksmöglichkeiten wie Joe Lovano: Seine Spielweise erinnert an zahlreiche legendäre Musiker und dennoch ist es immer unverkennbar sein eigener Stil, denn er kopiert nicht andere Künstler, er lässt sich von den Großen seines Metiers inspirieren. Dabei ist nichts nur Routine, im Gegenteil Lovano spielt mit vollem Engagement und körperlichem Einsatz. Der Enthusiasmus auf der Bühne findet seine Entsprechung in der Begeisterung des Publikums, das ihn und sein Ensemble ausdauernd bejubelt. Nach fast zwei Stunden reiner Spielzeit beschließt die Band mit einer kurzen Darbietung einer weiteren Komposition von Tad Dameron, namens Whatever Possesse’d Me, das Konzert.

Joe Lovano nahm sich während seines Auftrittes die Zeit, die Organisatoren des Enjoy Jazz Festivals zu loben und die fantastischen Künstler sowie die hervorragenden Veranstaltungsorte hervorzuheben. Er hat sicherlich seinen Teil dazu beigetragen, das diesjährige Festival zu einem großartigen Erlebnis zu machen. Es ist zu hoffen, dass ihn das Publikum in einem der nächsten Jahre erneut begrüßen darf, dann mit einem anderen Projekt und frischen Ideen. Seine rastlose Suche nach neuen Wegen wird er sicherlich mit unverminderter Hingabe fortsetzen. Mein aufrichtiger Wunsch ist es, dass sie noch viele Jahre andauert.

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