Die "City of Steel" bebt

Die "City of Steel" bebt © 2012, Stephan Flad

Das Melt! Festival steht seit vielen Jahren auf der Beliebtheitsskala von Open Air-Besuchern als auch von Bands ganz weit oben. Großen Anteil daran hat vor allem die sagenhafte Atmosphäre zwischen stillgelegten Kränen und Baggern in der Stadt aus Eisen – Ferropolis. Auch dieses Jahr lockte es wieder 20.000 Besucher auf das Festivalgelände, um täglich 24 Stunden nonstop zu Beats von DJs und knapp 130 Bands zu tanzen - und das bei meist trockenem Wetter, nachdem das Schlimmste angekündigt wurde.

{image}Die Meteorologen hatten für vergangenes Wochenende furchterregendes Wetter vorausgesagt. Ob Windböen, Dauerregen, Hagel, Sturm und Unwetter – die sogenannten Experten ließen keine Widrigkeit aus, um den gutgemeinten Optimisten ihre Lust auf drei Tage Camping, Musik und Ekstase unter freiem Himmel zu nehmen. Doch die Meinung der "Propheten des Himmels" ist eine Sache, die Realität eine andere Wirklichkeit. Mit Regencapes, Gummistiefel und Ponchos eingedeckt – dieses Jahr fuhren die Festivalbesucher mit viel Gepäck nach Ferropolis, bekannt auch als die Stadt aus Eisen. Was dann während des diesjährigen Melt! Festivals zwischen den illuminierten stillgelegten Baggern und Kränen des ehemaligen Tagebaus und Braunkohlebergwerks Gulpa-Nord aufblitzte, waren dann jedoch nur freitags Regentropfen, von Samstag an bis Sonntag sickerten und blitzten immer mehr Sonnenstrahlen durch die grauen Wolken am Himmel und erleuchteten das Festivalgelände in gleich wunderbaren hellen Farben, die nachts durch rot-grün-blau-gelbe Lichter das Festivalgelände zu einer Spielwiese aus 1001 Nacht machten.

{image}Mittendrin statt nur dabei – das waren hier drei Tage lang nicht nur 20.000 Fans, sondern auch rund 130 Bands. Das Motto wurde zum Programm: You Melt! My Heart! Wer einmal auf dem Melt! Festival war, der wird so schnell keines mehr verpassen. Wie Bloc Party, die das Melt! zur neuen Heimstätte des sommerlichen Festivaltreibens auserkoren haben. Einen Headliner brauchte es nicht, um die Massen anzuziehen. Denn das Melt! markiert eine Oase für Geheimtipps, für Neuentdeckungen und alte Stammgäste. Nach dem Motto: Nicht die Bands sind der Star, es ist das Festival selbst.

Von der Bench Mainstage zur Gemini Stage, von der Big Wheel Stage zum Intro Zelt, von der Intro Kneipe zum Desperado Beach und dem sagenumwobenen Sleepless Floor.  "I survived the Sleepless Floor" stand auf einem T-Shirt an einem Merchandise – besser konnte man diesen Wahnsinn aus nonstop 24 Stunden Musik mit Live-Konzerten und DJ-Sets auf sieben Bühnen und Zelten nicht beschreiben. Acht Stunden Schlaf in drei Tagen – für den Autor klingt das verrückt, für viele andere war das Normalität.

{image}Wer es dennoch am nächsten Tag schaffte, pünktlich zu der Hauptspielzeit auf dem Festival zu weilen, der konnte nicht nur Musiker wie die frech und frei aus ihren Emotionen heraus spontan handelnde Gossip-Sängerin bewundern, sondern auch wunderbare Bands wie den anfangs als Songwriter unter den ganzen Electro-Größen fehl am Platz wirkenden Rufus Wainwright erleben, der dann im rappelvollen Intro Zelt samt Band doch alle in Begeisterung versetzte. Genau wie M&3, die mit wunderbarem Synthie-Pop auf dem Weg zu einer Superband sind.

Caribou, die mit mitreißendem mathematischem Elektro sogar Hardcore-Elektrofans weich werden ließen und Justice, die die Masse mit treibenden Beats und einer einzigartig-innovativen Lightshow begeistern konnten. Modeselektor wiederum machten den Abenteuerspielplatz Ferropolis zu einer großen Kissenschlacht, während Two Door Cinema Club mit ihren Hymnen wohl bald nicht mehr nur das rappelvolle Gelände des Melt! beschwören, sondern Stadien füllen werden. Seifenblasen-Königin des Festivals war die ihrer Stimme magisch-verzaubernde Sängerin von Niki And The Dove, während alle Hamburger-Schule-Freunde nicht nur zu den Texten des allgegenwärtigen Thees Uhlmann mitgrölen konnten, sondern auch um Superpunk trauern konnten, die vor ihrer angekündigten Auflösung das vorletzte Konzert im Intro Zelt spielten.

Einen schönen Abschluss des Festivals markierten Destroyer, Twin Shadow und Yeasayer. Destroyer verzauberte mit seiner Stimme, die die Festivalgäste bei untergehender Sonne an der Mainstage zum Träumen brachte, während Twin Shadow im Intro Zelt Homosexuelle wie Heterosexuelle gleichermaßen zum Schwärmen brachte. Yeasayer hatten schließlich nicht nur die Ehre, als letzte Band des Festivals aufzutreten, sondern vereinten mit ihrem komplexen Synthiesound auch alle Überlebenden der drei Tage Festival im gemeinschaftlichen Tanz.

{image}Wem die Musik zu langweilig war, der konnte auf dem Gelände aber auch noch viel mehr entdecken. Zum Beispiel gab es Filmscreenings und Lesungen in der Intro Kneipe zu erleben. Oder eine Fahrradstation besuchen, auf der die Besucher selbst in die Pedale treten mussten, um den Akku ihres Mobilgeräts neu aufladen zu können. Das Melt! Festival steht auf Umweltschutz und zeigte den Besuchern hier, wie man spielerisch die Natur schützt. Zum Beispiel auch mit einer ganz einfachen Becherspende für Viva Con Aqua. Eine Trinkwasserinitiative, die dafür an entlegenen Orten dieser Welt schmutziges in sauberes Wasser umwandelt.

Die faszinierendsten Momente gab es morgens in der Grauzone von Tag und Nacht beim Tanz in der Dämmerung am Strand des Gemminer Sees. Am Ufer tanzten sich hier die Besucher mit viel Glitzer im Gesicht gedankenvoll die Bühne oder den Himmel fokussierend bis zur völligen Erschöpfung in Ekstase. Egal was gestern war, egal was morgen kommt – das Jetzt zählte und damit der Augenblick. Noch ein Sprung ins Wasser und dann euphorisch in den Träumen noch einmal den Tag Revue passieren. Bis an die Grenzen seiner Grenzen zu gehen – das gehörte zum guten Ton in den drei Tagen. Ein Festival, das keine Superstars brauchte, um Besucher anzulocken. Ein Festival, das Bands wie Bloc Party & Co. schon als die neuen Heimstätten für die sommerliche Festivalsaison sehen. Ein Festival, das unter den illuminierten stillgelegten Kränen und Baggern wie aus einer anderen Zeit hervorgeht und mit dieser nostalgischen Atmosphäre einsam aus der Festivallandschaft heraussticht. Ein Festival, das pure Wahrheit spricht, wenn es die Parole ausgibt: You Melt! My Heart! Nächstes Jahr auf ein Neues!

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