Man sollte die häufigen Auftritte von Bob Dylan nicht als Selbstverständlichkeit betrachten.

Man sollte die häufigen Auftritte von Bob Dylan nicht als Selbstverständlichkeit betrachten. © Sony Music

Wie immer und doch immer anders - so sind die Konzerte von Bob Dylan. Sein Auftritt in Bonn verdeutlicht sein rastloses Streben nach Wandel und Variation - und das im Alter von 71 Jahren. Die Zuschauer, darunter viele von weit angereiste Fans und zahllose Mitarbeiter oder Angestellte der internationalen Konzerne und Organisationen der Region, danken ihm den zweistündigen Auftritt an einem wunderschönen lauen Sommerabend mit lautstarkem Applaus.

Die alljährliche Bob Dylan-Tour ist fast schon zur Gewohnheit geworden. Man verliert nicht mehr viele Worte darüber, es ist keine Sensation, die es zu besprechen gilt. Aber man sollte sich nicht täuschen: Dylan ist 71 Jahre alt, und obwohl er ein zweistündiges Konzert anscheinend mühelos bewältigt, kann sehr schnell der Zeitpunkt gekommen sein, an dem die Neverending-Tour ihr unvermeidliches Ende findet – aus welchen Gründen auch immer. So geschah es mit den Rolling Stones, deren 2007er-Tour inzwischen immer mehr als Schlusspunkt ihrer Geschichte als Liveband erscheint. Man sollte also nicht den Fehler machen, Dylan-Konzerte als Selbstverständlichkeit zu betrachten.

Dafür gibt es allerdings weitere Gründe, deren wichtigster die schiere Brillanz Dylans ist. Es ist durchaus verständlich, wenn man sich zu diesem Zeitpunkt genervt abwendet, denn das Genie Dylans ist ja längst ein Topos der Popmusikgeschichte. Wenn man aber gemeinsam mit tausenden Fans auf dem Kunst!Rasen in der Bonner Rheinaue steht und seinem Auftritt lauscht, dann realisiert man unmittelbar, dass das kein leeres Gerede ist. In diesem Augenblick haben sich alle Fragen, ob sich ein Besuch lohnt, nachdem man schon so viele Konzerte gesehen hat, von selbst erledigt.

Dylans zentrale Ausdrucksform ist seine Stimme – und nicht etwa seine Worte, so wichtig sie auch sein mögen. Man kennt die Klagen: "Dylan kann nicht singen, früher eigentlich auch schon nicht, heute schon gar nicht mehr. Seine Stimme ist nur ein Krächzen, blablabla." Alles Blödsinn, weil gegenstandslos. Wer hat jemals Dylans Musik gehört, weil er schön singt? Dylans Stimme lebt nicht von Klarheit, Schönheit oder Eleganz, sie lebt von Phrasierung, von Betonungen. Die Fähigkeit, mit diesen Mitteln ganz überraschende Akzente zu setzen, besitzt Dylan noch heute und selbstverständlich setzt er sie auch ein.

A Hard Rain's Gonna Fall beispielsweise beginnt als fast sanfte Folkballade, was diesem apokalyptischen Lied eigentlich gar nicht gerecht wird, bevor Dylan vornehmlich durch Einsatz seiner Stimme die Intensität erhöht. Simple Twist Of Fate gelingt sehnsuchtsvoll, ergreifend und auch hier findet sich eine kleine Variation im Gesang, die man unmöglich mit Worten beschreiben kann, die man vor Ort erleben muss, um ihre Wirkung zu würdigen. Auf diese Weise treten nämlich die starken Bilder der Dylanschen Texte noch brennender, deutlicher hervor, ja in gewisser Weise werden sie erst dadurch lebendig.

{image}Es zeichnet Dylan aus, dass er im Alter von über siebzig Jahren immer noch mit seiner Musik experimentiert, dass er nicht an einem Punkt angekommen ist, wo alles festgezurrt und in Stein gemeißelt ist. Dylan vermag die Setlist von einem auf den anderen Abend komplett umzubauen oder auf einer Tour ein gänzlich neues Element einzubauen, und zwar das Gesangsecho von Ballad Of A Thin Man. Ob das nötig ist, kann man sicherlich bezweifeln, aber es zeigt, dass Dylan immer noch gewillt ist, ein Risiko einzugehen – und das in einem Alter, in dem sich die meisten Menschen über die Unpünktlichkeit von Zügen oder spielende Kinder ereifern.

Ausdrucksstarke Momente gibt es viele an diesem warmen, sommerlichen Abend in Bonn. Selbst Lieder, die man schon ein Dutzend Mal im Konzert gehört hat, erfreuen aufs Neue, weil sie sich schlichtweg weigern zu altern. Der musikalische Rahmen hat sich gar nicht so sehr geändert. Die Orgel hat weitgehend ausgedient, dafür steht Dylan häufig als Frontmann ohne Gitarre vor dem Mikrophon oder sitzt am Klavier, wobei es auffällig ist, dass er nicht gleichzeitig singen und spielen kann. Sein Klavierspiel ist wunderbar dilletantisch, aber es wäre ja auch geradezu erschreckend, wenn er das auch noch könnte.

Bob Dylan ist schließlich ein Mensch. Obwohl nach einem Abend wie gestern durchaus Zweifel erlaubt sind.

Setlist

Just Like Tom Thumb's Blues | Man In The Long Black Coat | Things Have Changed | Tangled Up In Blue | Rollin' and Tumblin' | Trying To Get To Heaven | Summer Days | Spirit On The Water | High Water (For Charley Patton) | A Hard Rain's A-Gonna Fall | Highway 61 Revisited | Simple Twist Of Fate | Thunder On The Mountain | Ballad Of A Thin Man | Like A Rolling Stone | All Along The Watchtower | Blowin' In The Wind

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