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Impressionen vom Lüften-Festival 2012 (Sonntag) © Daniel Nagel

Premiere in und um die Frankfurter Jahrhunderthalle: Zum ersten Mal fand vom 22.-24. Juni das Mouson Lüften Arts & Music Festival. Trotz eines sehr vielfältigen Programms mit Musik aller Stilrichtungen und zahlreichen Kunst-Aktionen und Performances hielt sich das Publikumsinteresse in Grenzen. Die anwesenden Besucher aber ließen sich den Spaß auch vom einsetzenden Regen nicht verderben. Vom Sonntag des Lüften-Festivals berichtet unser Redakteur Daniel Nagel.

Schon beim Betreten des Festivalgeländes sieht man auf den ersten Blick, dass die Organisatoren ihre Veranstaltung mit enorm viel Liebe zum Detail geplant haben. Das Gelände rund um die Frankfurter Jahrhunderthalle wurde schön herausgeputzt und die einzelnen Veranstaltungsorte exzellent hergerichtet. An Planung, Organisation und Optik gibt es aus Sicht des Besuchers nichts zu bemägeln. Man spürt, dass die Premiere des Mouson Lüften Arts & Music Festival etwas ganz Besonderes werden sollte. In vielerlei Hinsicht gelang das auch. Was den Organisatoren zu ihrem Glück aber fehlte, war das zahlende Publikum in ausreichender Stärke.

Dafür kann es viele Gründe geben. Am Wetter kann es nicht gelegen haben, erlebten die Besucher am Freitag und Samstag ganztägigen Sonnenschein. Am Sonntagabend setzte jedoch hartnäckiger Regen ein, der aber nach drei Stunden nachließ. Praktischerweise konnte man sich aber stets in die Räume der Jahrhunderthalle zurückziehen. Vielleicht war die Konkurrenz mit dem zeitgleich stattfindenden Hurricane/Southside-Festival schlichtweg zu groß oder der Zeitraum zu kurz, um das Festival wirklich bei potentiell Interessierten bekannt zu machen, zumal die Fußball-EM sicher auch viele abgehalten hat. Da die Etablierung eines neuen Festivals immer eine sehr schwierige Aufgabe ist, kann man nur hoffen, dass die Veranstalter sich nicht entmutigen lassen, denn das Programm ließ an Vielfältigkeit und Originalität nichts zu wünschen übrig.

{image}Noch bei trockenem Wetter spielt die amerikanische Band The Low Anthem auf der Open-Air-Bühne. Ihr Indie-Folk schwankt zwischen rockigen Songs und gekonnt altertümlichen Stücken mit Harmony-Vocals, die in ein uraltes Mikrophon gesungen werden. Positiv sticht vor allem der Gesang von Eric Knox und das ungewöhnliche Instrumentarium der Band mit Pump Organ, singender Säge, Dulcimer, Trompete und Klarinette heraus, während das Songwriting hinter vergleichbaren Bands, wie den Fleet Foxes, zurückbleibt. Wie bei allen Konzerten bleibt auch hier reichlich Platz auf dem Gelände, auf dem sicherlich die vielfache Anzahl an Besuchern Raum gehabt hätte.

Den einsetzenden Regen bekämpfen die norwegischen Spaßmacher Kakkmaddafakka mit einer ausgelassenen Bühnenshow, die zeigt, wie man fehlendes musikalisches Talent durch Einsatz und Leidenschaft wettmachen kann. Oder ist das nicht auch ein Talent? Jedenfalls kombinieren Kakkmaddafakka zweitklassige oder gar nebensächliche Lieder mit erstklassigem Unterhaltungswert. Mit Gewalt wuchten sie sich in ihre Instrumente, im Hintergrund bespaßen drei männliche "Tänzer" in Shorts die Zuschauer. Das Publikum liebt das und tanzt euphorisiert im Regen. Ach, die Jugend. Aber ganz ehrlich: will man das wirklich mehr als einmal sehen?

Derweil spielen Wreckless Eric und Amy Rigby auf der Cargo-Stage, die letztlich nicht mehr ist als ein offener Truck mit Equipment. Das Prinzip entspricht demjenigen von Kakkmaddafakka für dreißig Jahre älteres Publikum. Wreckless Eric singt von Männern, die nur dann Männer sind, wenn sie ein Bier in der Hand haben und spielt relativ unaufregenden Rock'n'Roll, der nach kurzer Zeit ein wenig Eintönigkeit verbreitet. Originell ist hingegen die Idee, Zuschauern die Möglichkeit zu bieten, sich aus einer vorbereiteten Liste gegen Gebühr ein Lied zu wünschen, das beide dann auf Kassette einspielen. Ob angesichts des stärker werdenden Regens etwas daraus geworden ist, weiß ich allerdings nicht.

Trocken ist es derweil in der Conference Area, wo der amerikanische Folksänger Digger Barnes mit Pencil Quincy seine Diamond Road Show aufführt. Der apokalyptische, stark südstaatlich angehauchte Folk-Blues des Sängers mit der klaren, ungekünzelten Stimme passt gut zu den düster gezeichneten Kurzfilmen. Im abgedunkelten Raum entsteht so eine durchdringende, intensive Atmosphäre, die zahlreiche Besucher anlockt und in ihren Bann schlägt.

Der Dauerregen klingt pünktlich zum Konzertbeginn von Sharon Jones And The Dap Kings etwas ab, ohne freilich ganz aufzuhören. Egal, die amerikanische Soulsängerin macht aus der Not eine Tugend und begeistert die wetterfesten Zuschauer mit einer leidenschaftlichen Performance, die jeden Anflug von Regenstimmung vertreibt (wenn dieses Klischee jemals passte, dann hier). Die Dap-Kings spielen wie eine hard-working Soulband aus den 1960ern mit exzellenter Dramaturgie und einer ebenso überzeugenden Bläser- und Rhytmussektion. Dazu fegt Jones über die Bühne und überwältigt das Publikum mit ihrer Präsenz und Ausdrucksstärke. Das ist kein nostalgischer Ausflug in die Vergangenheit des Soul, sondern eine überraschend intensive Erfahrung im Hier und Jetzt. Erneut tanzen die Zuschauer im Regen, aber der Kontrast könnte nicht größer sein.

Kristof Schreuf war in den 1990ern Sänger und Songwriter der Hamburger Schule-Band Kollosale Jugend, von der ich noch nie einen Ton gehört habe. Inzwischen spielt er verfremdete und befremdliche Cover-Versionen von Rockklassikern, deren volle Absurdität sich erst nach und nach erschließt. Begleitet nur von sich selbst auf der elektrischen Gitarre, inszeniert er My Generation, Highway To Hell und Search & Destroy im Gewand als Indie-Popsongs mit Ambient-Gefühl. Schreufs Potential als Songwriter realisiert sich jedoch viel besser im Titelstück seines letzten Albums Bourgeois With Guitar, das über einen der besten Texte verfügt, der in den letzten zehn Jahren in deutscher Sprache geschrieben wurde.

Als der Regen dann fast aufgehört hat, betreten Maximo Park die Open-Air-Bühne. Die Engländer sind Teil der Brit-Pop-Welle der Jahre 2004/05, konnten aber wie ihre Kollegen nach sehr guten Debüts keine entsprechend guten Nachfolgewerke vorlegen. Ihre Show ist überraschend punk-rockig und für ein Konzert unter freiem Himmel bemerkenswert laut. Die enorme Bühnenpräsenz von Sänger Paul Smith sorgt dafür, dass der Funke schnell auf das Publikum überspringt, vermag aber nicht darüber hinwegzutäuschen, dass sich unter den Songs neben einigen Perlen aber auch viel Konfektionsware befindet. Mit zunehmender Dauer gewinnt man den Eindruck, dass die Band sich musikalisch häufig wiederholt, obwohl sie wie eigentlich alle Acts des Sonntags ein ordentliches Niveau nie unterschreitet.

Palais Schaumburg zählen zu den legendären deutschen Bands der 1980er. Nachdem sie sich 1983 aufgelöst haben, vergingen bis 2011 fast 30 Jahre, bevor sie wieder gemeinsam auftraten. In Frankfurt traten sie in der Besetzung Holger Hiller, Thomas Fehlmann, Timo Blunck und Ralf Hertwig auf und zeigten gleich zu Beginn mit Kinder der Tod, dass ihre Musik nichts an Eindrindlichkeit verloren hat. Viele der Lieder von Palais Schaumburg sind allerdings näher am Dadaismus denn an konventionellen Gesangstexten. "Ich kann mir die Texte nicht merken", erklärt Holger Hiller, "ich weiß auch nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin." Ihre Musik ist auch nach all den Jahrzehnten überraschend sperrig und experimentell, vereinigt elektronische Klänge mit Schlagzeug und Drums, zerfasert manchmal ins Ungreifbare und Unverständliche und fasziniert dennoch.

Es ist unmöglich, über alle Installationen und Performances zu berichten, die auf dem Lüften-Festival stattfanden, so vielfältig war das dargebotene Programm. Es reichte von individuellen Tattoos, Radiosendungen, einem Parcours für ferngesteuerte Autos bestehend aus Fritz-Cola-Kisten und Schallplatten bis zu einem olivgrünen Mercedes mit Gaddafi-Pappbild. Im weitläufigen Gelände vor, auf und in der Jahrhunderthalle gab es zahllose Räume mit verschiedensten Events. Eine Woche hätte gerade ausgereicht, um alles zu entdecken und zu erforschen. Wirklich viel zu kritisieren gab es nicht an der Premiere.

Man kann nur hoffen, dass es im nächsten Jahr eine Fortsetzung mit mehr Zuschauern geben wird.

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