Musikschutzgebiet-Festival 2012: Drei Tage voller Entdeckungen und Highlights bei einmaligem Flair auf dem Grünhof.

Musikschutzgebiet-Festival 2012: Drei Tage voller Entdeckungen und Highlights bei einmaligem Flair auf dem Grünhof.

Sie hätten noch mehr Tickets verkaufen können: Die Veranstalter des Musikschutzgebiet-Festivals durften sich dieses Jahr über regen Zuspruch freuen. 2200 Menschen fanden ihren Weg zum Grünhof bei Homberg (Efze). Für die Einmaligkeit des Events ist diese Location unverzichtbar, weshalb ein Umzug oder eine Erweiterung nicht in Frage kommt. Auch so hat man mit dem Schutz der Musik schon alle Hände voll zu tun, standen doch diesmal wieder exzellent ausgewählte Acts auf den Bühnen.

{image}Hier herrscht nordhessische Idylle mit einmaligem Flair: Der Grünhof, außerhalb der Festivaltage von der Großfamilie Nägel bewohnt, bietet das perfekte Ambiente für das Musikschutzgebiet-Festival. Aus den umliegenden Dörfern heraus fährt man ins gefühlte Nichts, bis am Horizont die ersten Spuren von Zeltplätzen, Hof und parkenden Autos erscheinen. Man kann auch den Sport- und Segelfliegern folgen, die unweit des Geländes auf ihrem kleinen Flugplatz landen und starten.

Vorbei an satt-grünen Feldern durch den Eingang fällt zuerst der Innenhof mit der großen Bühne ins Auge. Das Zentrum, um das sich hier alles dreht, liegt im Blickfeld des freundlichen Teams, das all dies geplant hat und nur zwanzig Meter weiter im Festivalbüro darauf wartet, sich um Musiker und Besucher zu kümmern.

{image}Einmal kurz die Tür der gegenüberliegenden Scheuer geöffnet, schon liegt die Scheunenbühne offen. Dem abwechselnden Programm steht nichts im Wege.

Merch-Stand und alles Erdenkliche fürs leibliche Wohl findet sich rundherum in den weiteren Gebäuden, Räumen und Grünflächen des Grünhofs. Was soll da eigentlich noch schiefgehen, mag man sich fragen. Na zum Beispiel das Wetter. Tatsächlich gab's einen heftigen Regenschauer bei Robot Koch am Festival-Freitag, doch das Publikum tanzte unbeirrt weiter. Überhaupt war bereits der erste Tag voll gelungen. So war die Scheune bei Today Forever zum Platzen gefüllt, das Publikum stand bis weit draußen. Und der Tages-Headliner Die Orsons kam zwar mit viel Verspätung auf die Bühne, wurde aber umso heftiger gefeiert.

{image}Es gehört ebenfalls zum Charme des MSG, dass hier nicht nur große Namen die Bühnen entern, sondern wirklich Platz für Entdeckungen herrscht – wie gleich ganz zu Beginn des Festivals: Waves of Joy ließen freitags um 16 Uhr die ersten Sounds aus den Boxen ertönen. Sie hatten es per regioactive.de-Voting auf das nunmehr achte Musikschutzgebiet geschafft und versetzten die Zuschauer mit Brit-Pop direkt in Festivalstimmung. Mit Emma Heartbeat und Abby hatte das Programm an diesem Tag weitere solche Highlights zu bieten…

{image}…die auch am Festival-Samstag nicht fehlen sollten. Da spielten zum Beispiel Stella Roin auf der Scheunenbühne, die sich vom gängigen Alternative/Rock/Elektropop-Einerlei erfreulich deutlich abheben. Die Kölner bieten eine tolle Stimme, poppiges Flair und ein volles Klangbild trotz ihrer kleinen Besetzung. Der Kontrabass kommt besonders intensiv aus den Boxen. Ein tolles Programm, alles sehr relaxed, alles sehr ungezwungen und authentisch. Wenige Stunden später wandelte sich die Scheunenbühne in eine EM-Public-Viewing-Area. Deutschland konnte sich mit 1:0 gegen Portugal durchsetzen und draußen lieferten Adolar und I Heart Sharks die Partytracks dazu ab.

{image}Wer Fußball als Kunst versteht musste sich dann aber alsbald auch mal belehren lassen: Fuck Art, Let's Dance! ist eine Ansage, der sich nur schwerlich jemand entziehen konnte. Schließlich sollten auch die vielen jungen Musikschützer noch auf ihre vollen Kosten kommen: Rappelvoll war der Innenhof, als der über alle Maßen gehypte Rapper Cro sein Set begann. Von allen Acts des Festivalprogramms hat er wirklich noch am meisten Schutz verdient. Welpenschutz: Sein Programm ist noch zu kurz und wird deshalb gestreckt wie mieses Koks, seine Ansagen sind nichts weiter als Variationen auf das Thema "werft den Arm hoch und gebt mir ein Hallo", die Endings seiner Tracks bestehen nur aus dem Betätigen der Stoptaste; das alles wirkt noch etwas unbeholfen, unsicher und wackelig – er ist ein Talent, das vom Business zu früh nach oben gespült wurde. Immerhin: Wenn er mit seiner Band zwischen den Clownereien doch mal einen Rap zum Besten gibt, dann groovt es. Mit einem lässig in die Runde geworfenen "Tschüssinger!" verabschiedet er das Publikum in die Nacht, zum Weiter- oder Durchtanzen bis in den frühen Sonntagmorgen.

Entsprechend die Blicke der meisten müden Gesichter am Sonntag. Zweimal Kater, das strengt an. Das wissen aber die Musikschützer aus eigener Erfahrung selbst und haben ein Programm zusammengestellt, das kein besserer Abschluss der drei Tage sein könnte.

{image}Besonders bei Deep Sea Diver ist deep chilling angesagt. Wunderbare Klänge umschmeicheln die beanspruchten Ohren der Gäste, von denen es sich die meisten auf den gemütlichen Stühlen, Sofas und Couches gemütlich machen, die am Sonntag den Innenhof des Grünhofs dominieren. We are Alska versuchen nochmal einen Weckruf, doch der gelingt erst einem Rapper aus dem Team der Veranstalter, Andre Becker von Caustic Yellz, der mit seinen Lyrics im nordhessischen Dialekt für aufbrandenden Beifall sorgt und tags zuvor wohl auch Cro k.o.-gebattelt hätte. Talking to Turtles knüpfen als letzter Act des Musikschutzgebiet-Festivals 2012 dann noch da an, wo Deep Sea Diver kurz zuvor aufgehört hatten: Bei wunderbaren Melodien, musikalischen Finessen und Einfällen und einer Stimmung, die diese drei Tage wunderbar zusammenfasste.

Es gibt noch soviel Schützenswertes. Soviel Unentdecktes. MSG 2013 – wir kommen gerne wieder.

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