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My Bloody Valentine übten ab Ende der 1980er einen prägenden Einfluss auf den Indie-Rock aus. © Columbia/Sony

In gewisser Weise stand My Bloody Valentine nach der Veröffentlichung von "Isn't Anything" die Welt offen. Die Arbeit am Nachfolgewerk erwies sich aber als unerwartet zeitraubend und aufwändig. Der wachsende Perfektionismus von Kevin Shields brachte nicht nur seine Fans, sondern vor allem auch seinen Labelchef Alan McGee zur Verzweiflung. Als "Loveless" endlich 1991 erschien, verkörperte es Triumph und Tragödie in einem.

Eines der einflussreichsten Werke der Popgeschichte bescherte seinem Urheber nicht nur einen unheimlichen künstlerischen Erfolg, sondern brachte ihn gleichzeitig zum Verstummen: Für heutige Beobachter ist der gewaltige Einfluss von "Isn't Anything" auf die englische Musikszene kaum noch nachvollziehbar, zu sehr steht es im Schatten von "Loveless", dem dritten und letzten Album der Band, das die Ästhetik von My Bloody Valentine perfektionieren sollte. Der Entstehungsprozess von Loveless war langwierig und kompliziert. Am Ende stand ein Werk, das den inzwischen legendären Ruf von My Bloody Valentine in alle Welt trug und heute als eines der besten Alben aller Zeiten gilt.

Zurück in das Jahr 1989, dem Jahr, als die friedlichen Revolutionen in Osteuropa die Welt von Grund auf veränderten. Nach der Veröffentlichung von "Isn't Anything" hofft Alan McGee auf die schnelle Produktion eines Nachfolgers, um die neugewonnene Popularität in bare Münze umzuwandeln. Seine Hoffnung trügt. Obwohl die Band bereits im Frühjahr 1989 wieder im Studio weilt, ziehen sich die Aufnahmen hin. Als ein Jahr später die Veröffentlichung des neuen Albums immer noch in weiter Ferne liegt, einigt sich McGee mit Kevin Shields, einige neue Tracks als EP zu veröffentlichen.

Die EPs der Jahre 1990/1991: Glider & Tremolo

Das Ergebnis ist die "Glider"-EP, wie alle anderen EPs vertreten auf der Doppel-CD "EP's 1988-1991". Sie enthält als ersten Track das Lied "Soon", das später den krönenden Abschluss von "Loveless" bilden sollte. Hier stellt es freilich einen so gewaltigen Auftakt dar, dass der Rest der EP dahinter zurückbleibt. Das Titelstück, ein Instrumental, wirkt wie ein etwas schematischer Exkurs im typischen Gitarrenwandsound der Band. "Don't Ask Why" und "Off Your Face" erscheinen beide als unfertige, aber dennoch faszinierende Outtakes, denen freilich die Monumentalität von "Soon" abgeht. Man kann nachvollziehen, warum Shields zu diesem Zeitpunkt noch zögerte, ein Album fertigzustellen. Er hatte Größeres im Sinn.

Ein Jahr später steht die Fertigstellung des Albums immer noch in den Sternen. Eine weitere EP wird veröffentlicht. Sie trägt den Titel "Tremolo" und folgt dem Muster von "Glider": An erster Stelle steht "To Here Knows When", ein weiteres zentrales Stück von Loveless, das auch in diesem Kontext ganz und gar vollendet wirkt. Die übrigen drei Songs bestechen ebenfalls durch ihre Klasse und illustrieren stärker als die Musik auf Loveless die Qualität der Band im Schreiben eingängiger Popmelodien. Das hypnotische "Swallow" kehrt in Gestalt eines klassischen Dream-Pop-Songs das Innerste nach außen. Der bezaubernde Gesang von Belinda Butcher findet sich inmitten der Gitarrenapokalypse von "Honey Power", während die nächtliche Stimmung des "Moon Song" unter Gitarren und Percussion verborgen liegt. Insgesamt repräsentiert die Tremolo-EP die poppigste Seite von My Bloody Valentine.

Am Rande des Ruins

"Tremolo" verdeutlicht, wie nahe Kevin Shields dem Ziel gekommen ist, aber es bleibt nicht mehr viel Zeit. Die Situation von Creation Records ist inzwischen dramatisch. McGee befindet sich nicht nur am Ende seiner körperlichen und geistigen Kräfte, er steht vor den Scherben seines Lebenswerks: Drei Großprojekte (neben "Loveless", Teenage Fanclub mit "Bandwagonesque" und Primal Scream mit "Screamadelica") verschlingen seine finanziellen Ressourcen. Unter Tränen flehlt er Shields an, endlich "Loveless" fertigzustellen, was diesen überhaupt nicht zu interessieren scheint.

Nach vielen qualvollen Auseinandersetzungen erscheint "Loveless" endlich im November 1991. Das fertige Werk krönt die Entwicklung von My Bloody Valentine seit der "You Made Me Realise"-EP. "Loveless" ist ein Album voll intensiver Wärme, sinnlich und erregt, sehr handfest und doch kaum greifbar, abstrakt, verschwommen. Es zeichnet sich durch eine große innere Konsistenz aus: Dem Zusammenspiel aus Gitarren-Noise und Popgesang bzw. Popmelodien liegt eine harmonische Struktur zu Grunde, die den Zuhörer während seiner Dauer immer stärker in den Bann zieht.

Obwohl die Musik aus schichtenweise aufgetürmten Instrumenten besteht, ist "Loveless" kein unzugängliches, sperriges Album, sobald man sich an das Prinzip des "beautiful noise" gewöhnt hat. Es geht sparsam mit Gesten um, aber es ist kein abwesendes Werk. Es erfordert lediglich etwas guten Willen, die Personen inmitten des Sturms aufzuspüren. Ein Lied wie "When You Sleep" bereitet dem Zuhörer aber keine Schwierigkeiten, so unmittelbar euphorisch erschallt das Gitarrenriff. Das ist keine Ausnahme: Kein anderes Werk von My Bloody Valentine weist eine so große ästhetische Geschlossenheit auf. Selbst wenn man das Album gut kennt, weiß man häufig nicht, wo der eine Track aufhört und wo der neue Track beginnt.

Warum zur Hölle sind das zwei CDs?

Wer das neue Remaster erwirbt, fragt sich vielleicht, warum es aus 2 CDs besteht. In einem Interview mit Pitchfork hat Kevin Shields kürzlich die Gründe erläutert. Die originale CD wurde von einem Digital Audio Tape (DAT) gemastert und nicht von einem analogen Masterband, da Kevin Shields den Klang des digitalen Bandes bevorzugte. Für CD 1 des neuen Remaster hat Shields zum ersten Mal auf das analoge ½-inch-Band zurückgegriffen, CD 2 hingegen entspricht einer etwas lauteren, aber nicht komprimierten Version der originalen CD.

Soweit alles klar? Um die Verwirrung komplett zu machen, ist die Beschriftung im Digipack vermutlich falsch. CD 1 ist mit ziemlicher Sicherheit das Remaster von den analogen Bändern, CD 2 basiert auf dem digitalen Tape. Man kann das an einem gut hörbaren Bandfehler bei 2:46 min im Lied What You Want erkennen. Für einen Perfektionisten wie Shields muss das eine sehr ärgerliche Situation sein, noch ärgerlicher ist sie aber für die Käufer, die unnötig verwirrt werden.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, sind die Unterschiede zwischen digitaler und analoger Version marginal. Nur ganz wenige dürften (außer vielleicht bei dem Bandfehler) ohne konzentriertes Hören in der Lage sein, Unterschiede auszumachen. Viel Lärm um nichts könnte man sagen, wäre Loveless nicht ein so fantastisches Album, das jede Aufmerksamkeit verdient.

Rauswurf und Kollaps

Der langwierige Entstehungsprozess von Loveless hatte das Verhältnis von Creation-Besitzer Alan McGee und Kevin Shields irreparabel beschädigt. Shields übernimmt viele Jahre später dafür die Verantwortung, als er sich bei McGee für sein Verhalten entschuldigte. Nach der Veröffentlichung von Loveless zieht McGee die Konsequenzen, kündigt den Vertrag mit My Bloody Valentine und verkauft Creation Records an Sony. Später entdeckt McGee Oasis und erntet dafür Ruhm und Reichtum. Mit Kevin Shields wird er nie wieder arbeiten.

Was dann geschieht, steigert nur die Legende von My Bloody Valentine. Die Band unterschreibt bei Island Records, baut von dem beträchtlichen Vorschuss von £500,000 ein eigenes Studio, das wie die meisten solcher Projekte wegen technischer Probleme im Desaster endet. Shields zeigt sich nicht in der Lage, das Nachfolgewerk zu "Loveless" zu vollenden, zieht sich vollkommen zurück und arbeitet einfach gar nichts mehr. "I lost it", kommentiert er trocken.

Das Ende der Isolation

Erst kurz vor der Jahrtausendwende überwindet Shields seine Isolation, steuert vier Stücke für Sophie Coppolas Erfolgsfilm "Lost In Translation" bei und tritt gelegentlich mit Primal Scream auf. 2007 kündigen My Bloody Valentine eine Tour für das Folgejahr an und spielen verschiedene Gigs und Festivals in Europa und Amerika. Auf neue Musik müssen die Fans weiterhin warten, allerdings ist es sowieso fraglich, ob die Band an ihre meisterlichen Veröffentlichungen früherer Jahre anknüpfen könnte.

Was für ein schwieriger Charakter Kevin Shields immer noch ist, zeigte sich kürzlich erneut. Auf die Verzögerung der Reissues angesprochen, beschuldigte er Sony, die Masterbänder vor ihm versteckt zu haben. Ob an der Geschichte etwas dran ist, weiß außer den Beteiligten niemand, aber die warnenden Worte von Ian Mc Gee haben offensichtlich nach wie vor Bestand: "Kevin ist ein genialer Künstler. Ein Visionär. Aber du musst Eier aus Stahl haben, um mit ihm in den Ring zu steigen."

Wertungen:

Glider +++1/2 (auf EP's 1988-1991) (von +++++)

Tremolo ++++1/2 (auf EP's 1988-1991) (von +++++)

Loveless +++++ (von +++++)

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