Hannes Mezger berichtet für regioactive.de vom Baltic Soul Weekender 2012. Fotostrecke starten

Hannes Mezger berichtet für regioactive.de vom Baltic Soul Weekender 2012. © Leo Agthe

Weissenhäuser Strand, letztes Aprilwochenende. In einer Feriensiedlung direkt an der Ostsee, wo normalerweise Sandschaufel und Badehose zu den wichtigsten Utensilien gehören, war dank des schmucken "Baltic Soul Weekender"-Festivals ein abwechslungsreiches Kontrastprogramm angesagt: Es wurde Musik zelebriert. Genauer: Soul, Funk, Hip, Hop, Elektronisches und mehr. Das Event ist aus den Kalendern der Liebhaber dieser Genres nicht mehr wegzudenken.

Diesmal wurde sogar erstmals die 5000 Besucher-Marke geknackt. Auch wenn diese Besucherzahl nicht mit den ganz großen Sommer-Festivals und -Openairs zu vergleichen ist: Der Baltic Soul Weekender ist damit das größte Indoor-Soul-Festival Europas! Und dementsprechend ist das Line-Up gespickt mit Highlights.

Auf insgesamt fünf Floors und einer Hauptbühne konnte man ein ganzes Wochenende tanzen bis zur Erschöpfung.

Das Baltic Soul Orchestra unter der Leitung von Andrew McGuinness ist ein Berg an Musikkompetenz. Es begleitet die Künstler auf der Hauptbühne zwei Tage lang.

Den Anfang macht Ann Sexton. Und es ist den Veranstaltern zu verdanken, dass diese wundervolle Frau mit der markanten Stimme wieder auf Bühnen steht – fast 30 Jahre war sie diesen fern geblieben und lebte zurückgezogen. Doch seit dem ersten Weekender beglückt sie dieses Event Jahr für Jahr. Es ist eine emotionale Angelegenheit. Frau Sexton kommt schon mit feuchten Augen auf die Bühne. Die Musik setzt ein, die Stimme schießt direkt ins Herz. Gänsehaut. Lauter Applaus. Und Ann Sexton weint Tränen der Freude. Als sie dann auch noch Halleluja anstimmt, übermannt es sogar gestandene Herren im Publikum. Alles fließt dahin. Ann Sexton, welch eine Frau!

Es folgt Mic Donet, bekannt geworden durch die Show "The voice of Germany". Es mag mit daran liegen, dass Ann Sexton das Publikum so beansprucht hat, aber sein Auftritt gehört nicht zu den ganz großen.

Der nächste allerdings schon: Roachford. Ob am Klavier oder mit seiner Stimme, Roachford trumpft auf und spricht mit dem Publikum sogar etwas Deutsch. Neben eigenen Stücken covert er unter anderem Wonderwall – großartig!

Schon den Nachtmittag über hatte man oft im Vorbeilaufen die Worte aufgeschnappt: The Supremes. Und nun ist es soweit. The Supremes, das Aushängeschild des Motown! Unzählige Nummer 1-Hits wie Baby Love, Stop in the Name of Love. Daniel Dodd-Ellis, der Host der Veranstaltung, kann es selbst kaum glauben: The Supremes beim Baltic Soul Weekender. Die Menge brodelt. Der Vorhang fällt. Die drei Damen in schwarz gleiten galant daher. Ihre Stimmen scheinen konserviert worden zu sein. Es ist ein Traum! Selbst andere Artitsts scheinen sichtlich beeindruckt zu sein.

Apropos: Es ist auffallend, wie viele Künstler sich Konzerte der Kollegen ansehen oder auch einfach so gemütlich über das Gelände schlendern. Man kennt sich und genießt es, beieinander zu sein. Diese Stimmung macht "das Weekender-Gefühl" wohl mit aus. Egal wie geschmacklos die 70er-Bauten der Anlage sind, egal wie groß die Altersunterschiede der Besucher – es herrscht eine ganz besondere, familiäre Stimmung!

Während The Supremes noch spielen, machen sich auf dem "Modern & Nu Soul-Floor" Osaka Monaurail bereit, die Japaner mit dem James Brown-Sound. Unter den Hochkarätern des Line-Ups wurde diese Band zum "Geheimtipp" degradiert, was der Qualität selbst ja aber nichts nimmt. Ebensowenig wie dem Besucherandrang. Es ist heiß. T-Shirts sind nach wenigen Minuten durchnässt. Die Band beginnt. Die technisch raffinierten Drums treiben an. Der Sänger tobt sich aus, tänzerisch sowie am Klavier. Er zelebriert Rufus Thomas Funky Chicken und weitere einschlägige Tänze, wie Do the swim oder Popcorn. Die Menge dankt es ihm, doch leider bleiben die Zugabe-Chöre ohne Erfolg.

Die restliche Nacht wird noch viel getanzt. Überall. Völlig unverkrampft. Durch die verschiedenen Floors kommt jeder auf seine Kosten – ob elektronische Musik, Nothern-Soul oder HipHop.

Baltic Soul Weekender, Tag 2

Wer am nächsten Morgen schon wieder hungrig auf Musik ist, kann ab 12 Uhr weitermachen. Ein Großteil der Besucher zieht es aber vor, entspannt am Strand zu liegen, gemütlich Kaffee zu trinken oder einfach liegen zu bleiben. Auf jedem Zimmer ist zudem über den Fernseher ein Musikkanal eingerichtet – Baltic Soul Radio! Bernd Niedergesaess und Kenny B. sorgen das gesamte Wochenende für großartige Musik. Und auch für die Kleinen ist gesorgt: Kinderbetreuung, ein Schwimmbad, Mini Golf, und und und.

Am "Meet & Greet"-Stand wird es gegen 15 Uhr voller. The Supremes kommen. Ann Sexton auch. Ein Mann mit einem alten Supremes-Vinyl in der Hand wirkt nervös, wie ein kleiner Junge. Mic Donet und Max Mutzke lassen sich ablichten und geben bereitwillig Autogramme. Roachford ist auch schon da. Keine 20 Quadratmeter und so viel Prominenz… schon verrückt!

Max Mutzke eröffnet die abendliche Konzertreihe, ist selbst beeindruckt von den Künstlern und der ertsklassigen Band. Er fühle sich "geehrt, hier sein zu dürfen", sagte er bereits mittags im Interview. Doch dank seiner Stimme spielt er hier völlig zu recht.

Auf ihn folgt Gloria Scott. Sie gehört wie Ann Sexton zu den sogenannten "Life Time Residents". Sie kommt strahlend auf die Bühne. What am I gonna do – selbst beim Singen scheint sie weiter zu lachen. Ein wunderbarer Anblick.

Leon Ware ist als nächster im Programm aufgelistet. Aber er kommt doch erst später an die Reihe: George McCrea fegt jetzt auf die Bühne. Rock Your Baby – der Titel ist Programm. Jede Silbe, die ihm über die Lippen geht, ist voller Hingabe und Zärte. Sein Kurzauftritt ist prägnant. Diese Überraschung ist den Veranstaltern gelungen!

Nun folgt Leon Ware, der Motown Hit-Schreiber. Er wirkt zurückhaltend, lächelt sanft und faltet die Hände, als wüsste er nicht wohin damit. Er haucht ins Mikrofon. Doch er kommt an bei den Besuchern. Unterstützt von Gloria Scott und Omar klappt es dann auch immer besser.

Die Sugar Hill Gang als Headliner hatte ein hartes Erbe anzutreten nach all den großartigen Acts, doch den HipHop-Pionieren gelingt das ganz gut. Auch die älteren Semester wirken nicht abgeneigt.

Irgendwann nachts, es ist schon spät, spielt das Orchester immer noch. Diesmal allerdings auf dem "Nu Soul"-Floor. Man traut seinen Augen kaum, was sich dort abspielt: Mic Donet, Roachford, Omar und viele andere spielen, jammen, albern herum. Es ist ein großer Spaß, dabei zuzuschauen. Joy and Pain wird zur Endlosschleife. Jeder interpretiert das Stück auf seine Weise. Fantastisch!

Als Miss Kelly Maire bis in den Sonnenaufgang eingängigen House auflegt, liegen sich nicht nur Paare in den Armen.

All das macht das Festival ist seiner Gesamtform zur wahren Freude: eine ausgezeichnete Organisation von Musikliebhabern für Musikliebhaber, umwerfende Künstler, ein stattliches Rahmenprogramm in einer Anlage, die sich für ein Wochenende in eine Soul-Hochburg verwandelt.

Deshalb geben wir heute schon – ganz ohne zu wissen, wer dann dort spielen wird – unsere Empfehlung für das kommende Jahr.

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