Napster, ein Urgestein, das selbst bereits einige Metamorphosen durchgemacht hat. Erfinder Shawn Fanning schaffte es im Oktober 2000 aufs Titelbild des Time Magazines, Flickr-User pasa47 fing das Logo im Jahr 2010 an einer Straßenecke mit seiner Kamera ein.

Napster, ein Urgestein, das selbst bereits einige Metamorphosen durchgemacht hat. Erfinder Shawn Fanning schaffte es im Oktober 2000 aufs Titelbild des Time Magazines, Flickr-User pasa47 fing das Logo im Jahr 2010 an einer Straßenecke mit seiner Kamera ein. © Time Magazine / Paul Sableman (flickr.com/people/pasa)

Die digitale Revolution geht unaufhaltsam ihren Gang, während die Musikindustrie sich immer noch vergeblich an überholte Geschäftsmodelle klammert. Trotz aller Mängel bieten simfy und spotify endlich eine Chance, den Usern das zu geben, was sie verlangen, nämlich eine breite Auswahl von Musik zu einem fairen Preis. Hat die Musikindustrie also endlich verstanden, dass sie den technischen Fortschritt nicht bekämpfen kann? Zweifel sind angebracht, wie der Blick zurück zeigt.

{image}1999 war das Jahr, das die Musikbranche für immer veränderte. Die fetten 1990er Jahre, das goldene Zeitalter der CD, ging fast über Nacht zu Ende. Die Ursache war nicht nur die stetig wachsende Verbreitung von CD-Brennern, sondern vor allem ein kostenloser Dienst, der Musik in Form der vom deutschen Frauenhofer-Institut entwickelten MP3s zum Download anbot: Napster.

Napster gab es nur für knapp zwei Jahre, aber der Dienst beschleunigte die digitale Revolution dramatisch. Die MP3/Napster-Revolution vollzog den letzten Schritt, der bis dato unmöglich gewesen war: die Trennung von Medium und Musik. Fortan benötigte Musik kein physisches Medium mehr, es reichten vergleichsweise kleine Dateien, die problemlos aus dem Internet heruntergeladen werden konnten (wobei man die Qualen, das mit einem 56-kbit Modem zu tun, nicht unterschätzen sollte).

Die Entwicklung der Popmusik war stets an die technologischen Möglichkeiten der Zeit gebunden. Am Anfang war die Schellack-Platte, die sich mit 78 Umdrehungen/Minute drehte, beim Runterfallen zerbrach und nur ungefähr 2x4 Minuten Musik speichern konnte. Darauf folgte Ende der 1940er Jahre die Vinylschallplatte: Sie war unzerbrechlich, besaß eine Spieldauer von (meistens) 20-25 Minuten pro Seite, war (und ist) allerdings oberflächenempfindlich und vor allem in großer Stückzahl vergleichsweise schwer. Beide Medien besaßen aus der Sicht der Musikindustrie den unschätzbaren Vorteil, dass sie sich von Käufern nicht kopieren ließen.

{image}Das änderte sich mit der Musikkassette. Mit ihr und einem Tapedeck konnte man Musik von Schallplatte auf Band überspielen und beispielsweise auch im Auto hören. Bald war die Kassette weit verbreitet, führte zur Erfindung des Mixtapes, das man der Angebetenen überspielte und sorgte dafür, dass Musikfans Stunden mit dem Kopieren und Aufnahme von Musik zubrachten. Die Kassette sorgte auch für die erste Anti-Kopierer-Kampagne der Musikgeschichte: Home Taping Is Killing Music.

Ende der 1990er Jahre wiederholte sich das Spiel: Mit CD-Brennern und den bald sehr erschwinglichen Rohlingen konnte man originalgetreue Kopien von CDs herstellen, die bis dahin Schallplatten und Kassetten komplett verdrängt hatten. Die Musikindustrie reagierte mit erneuten wütenden Kampagnen, die nicht davor zurückschreckten, die Käufer von CDs einzuschüchtern bzw. zu bedrohen. Gleichzeitig schikanierte man die Verbraucher mit Kopierschutz, der so ineffektiv wie ärgerlich war. Diese Zeit bietet auch heute noch ein Lehrstück dafür, wie man sich als Branche eine ganze Generation zum Feind machen kann.

{image}Dann kam – wie gesagt – Napster und der letzte Schritt der Trennung von Medium und Musik wurde vollzogen. Kopierschutzmaßnahmen erwiesen sich als sinnlos, denn es genügte ein Benutzer, der in der Lage war, den Kopierschutz zu knacken, um die Musik im Internet jedermann zur Verfügung zu stellen. Seitdem kämpft die Musikindustrie einen vergeblichen Kampf gegen die Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Die aktuelle Diskussion über Streaming-Dienste beruht auf derselben Problematik. In Zeiten von superschnellem DSL liegt der Gedanke natürlich nahe, sich nicht mehr MP3s oder FLACs in der Größenordnung von hunderten Gigabytes auf den Rechner zu laden. Nicht jeder empfindet Freude daran, ein eigenes Musikarchiv zu organisieren – ganz zu schweigen vom Totalverlust im Fall eines Crashes. Streaming-Dienste, die Musik nur dann zur Verfügung stellen, wenn man sie auch tatsächlich hören will, sind da für viele eine attraktive Alternative.

{image}Diese Entwicklung ist ebenso logisch wie unvermeidlich. Wer im Angesicht des seit Jahrzehnten eindeutig geäußerten Trends zur Trennung von Medium und Musik den Contentanbietern rät, sich nicht bei Streaming-Diensten zu beteiligen, verkennt vollkommen die Realität. Die Streaming-Dienste existieren, weil die technischen Möglichkeiten der Gegenwart sie erlauben und sie werden so lange bestehen, bis eine bessere Technologie entstanden ist. Es ist völlig aussichtslos, das Rad zurückdrehen zu wollen.

Irgendwann hat die Musikindustrie realisiert, dass es sie es entweder schaffen muss, Benutzern eine breite Auswahl an Musik per Stream für einen angemessenen Preis zur Verfügung zu stellen oder damit leben muss, dass sich andere finden, die das für sie erledigen, und zwar mit oder ohne ihre Zustimmung. Der Versuch dagegen mit Rechtsmitteln vorzugehen, wird bestenfalls spektakuläre Teilerfolge erzielen, in der Gesamtheit aber scheitern.

Die Grenzen rechtlichen Vorgehens zeigen sich bereits beim Kampf gegen illegale Downloads. Man erwischt ein paar Opfer an denen man Exempel statuiert, während der große Rest unbehelligt bleibt. Der Grund ist einfach: Keine Staatsanwaltschaft und kein Gericht ist personell gut genug ausgestattet, um tausende Strafverfahren gegen Normalbürger, die sich angeblich illegal Musik beschafft haben, mit allen strengen rechtlichen Anforderungen an die Beweisführung zu bewältigen. Egal, wie hart man die „Übeltäter“ bestraft, ein rechtstaatliches Verfahren ist zeit- und kostenintensiv und daher keine Lösung im Kampf gegen die unvermeidliche Digitalisierung der Musikwelt.

{image}Daraus folgt, dass Streaming-Dienste unvermeidlich sind, weil sie technisch möglich sind. Man kann in der Tat über die Vergütung streiten, die Künstler von simfy erhalten, aber es handelt sich in der Tat um ein neues Geschäftsmodell, das sich erst bewähren muss. Daher ist auf jeden Fall zu begrüßen, dass simfy die gespielten Künstler überhaupt entlohnt. Das Ziel muss es sein, dieses Entlohnungsmodell nach zu nach zu verbessern, damit Bands darauf höhere Einkünfte erzielen. Dabei wird sich simfy aber der Konkurrenz anderer Dienste, beispielsweise von spotify erwehren müssen.

Man muss zudem fragen, warum es ausgerechnet in Deutschland so schwierig ist, die technischen Möglichkeiten der Gegenwart auszuschöpfen. Die Tatsache, dass unzählige Musikvideos in Deutschland seit Ewigkeiten gesperrt sind, weil GEMA und Youtube/Google sich nicht einigen können, während das in anderen Ländern überhaupt kein Problem darstellt, ist ein konstantes Ärgernis. Dass man solche Sperren kinderleicht umgehen kann, weiß jeder Jugendliche und dennoch tut sich nichts, ohne dass jemand weiß warum, denn die GEMA ist so undurchdringlich wie der Vatikan.

Simfy und Spotify unternehmen jetzt endlich den Versuch, den Kunden wenigstens ansatzweise das zu geben, was sie sich wünschen, nämlich Musik über das Internet zu einem fairen Preis anzuhören, und nicht etwa zu kaufen. Es ist buchstäblich die allerletzte Chance der Musikindustrie. Als im letzten Jahr die 80-jährige Geschichte der Plattenfirma EMI als unabhängiges Unternehmen zu Ende ging, fanden sich nur wenige, die bereit waren, "der EMI" eine Träne nachzuweinen.

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