Mit dem Protestlied Bäume hat Bischler in Stuttgart gemischte Erfahrungen gemacht.

Mit dem Protestlied Bäume hat Bischler in Stuttgart gemischte Erfahrungen gemacht. © Rene Peschel

Der Sänger/Songwriter Patrick Bischler zählt zu den aufstrebenden Künstlern der deutschen Musikszene. Seine markante Stimme verleiht ihm Wiedererkennungswert, seine Songs sind alles andere als "billiger Pop". Wir sprachen mit ihm nach seinem Auftritt in Mannheim über seine aktuelle Tour, den Wandel in seiner Musik, die Grundsatzfrage "deutsch oder englisch?", das Wagnis einer professionellen Existenz als Musiker und ein spezielles Nord-Süd-Gefälle.

{image}regioactive.de: Ihr tourt im Augenblick durch ganz Deutschland. Wie ist die Resonanz, wie erlebt ihr die Tournee?

Bischler: Super. Überall, wo wir hinkamen, ob Wismar, Kiel oder Greifswald, wo wir sogar vor ausverkauftem Haus gespielt haben, wurden wir prima aufgenommen und haben schöne Konzerte mit enthusiastischem Publikum erlebt. Es läuft viel besser als ich selbst erwartet habe.

Du kommst ja hier aus der Gegend…

Ja, aus Heppenheim. Ich habe viele Jahre in Darmstadt gelebt und bin jetzt nach Heidelberg gezogen.

Weil es teurer ist.

Genau. (lacht)

Ist die Musikszene in Heidelberg größer als die in Darmstadt? 

Nein! Heidelberg ist wirklich mausetot. Es gibt wenig Auftrittsmöglichkeiten, es gibt keine wirkliche Musikszene, kein Netzwerk. Wir sind jetzt dabei, das in Eigeninitiative gemeinsam mit Gleichgesinnten etwas zu verbessern.

Mannheim ist etwas besser geworden in letzter Zeit, beispielsweise durch das Mohawk…

…oder auch das Cafga hier, das Nelson, überhaupt gibt es viel im Jungbusch.

Viele der Lieder vom ersten Album handeln von Zeit, Beschleunigung, aber auch von Ruhe und insgesamt vom Versuch, in diesem ständigen Wechsel seine eigene Geschwindigkeit zu finden. Warst Du an einem Punkt in Deinem Leben, wo Du das Gefühl hattest, dass Du die Kontrolle über den Ablauf deines Lebens wiedergewinnen musstest?

{image}Ja, jeden Tag. Ich bin ein sehr getriebener Mensch. Ich bin gar nicht so gut darin, mich selbst unter Kontrolle zu haben. Ich habe aber schon den Eindruck, dass wir in seiner sehr schnelllebigen Zeit leben, durch die Medien, das Internet. Das macht es schon schwer, Ruhephasen zu finden. Das ist auf jeden Fall ein wichtiges Thema für mich.

Die Lieder des neuen Albums schienen mir thematisch vielfältiger zu sein. Siehst Du das auch so?

Definitiv. Die neuen Lieder sind außerdem persönlicher. Auf dem alten Album habe ich natürlich auch meine persönliche Sicht auf die Welt dargestellt, aber vieles ist sehr allgemein. In den neuen Liedern steckt mehr von mir. Ich verarbeite Beziehungen, Frauengeschichten, die ich seit Jahren mit mir herumschleppe und die ich beispielsweise in Berg thematisierte. Ich blicke auch in die Zukunft, da ich mich jetzt entschieden habe, den Schritt in die professionelle Musikerexistenz zu vollziehen.

Was hat Dich bewogen, dieses Wagnis jetzt einzugehen?

Ich hatte das Gefühl, dass Singer/Songwriter-Musik, wie ich sie mache, zunehmend im Kommen ist. Im Süden ist es noch schwierig, aber im Norden fahren die Leute total darauf ab. In Greifswald kannte mich niemand, wir haben ein wenig Werbung gemacht und das Konzert war ausverkauft. Das war sehr beeindruckend.

Du spürst da also durchaus ein Nord-Süd-Gefälle? Im Norden weiß man diese Musik zur geistigen Einkehr mehr zu schätzen.

Auf jeden Fall. Hier ist es auch so, aber in anderem Rahmen. Es gibt weniger Künstler hier, die diese Art von Musik machen, weniger jedenfalls als Hamburg, Berlin, Dresden und Leipzig.

Hier in der Gegend scheint die Rockmusik immer noch sehr stark zu dominieren.

Und Pop. Gerade Mannheim ist ja durch die Popakademie quasi zur Hauptstadt des Pop geworden. Man kommt ja gar nicht hinterher, wie viele Bands von dort kommen.

{image}Das Lied Bäume kommentiert das höchst umstrittene Projekt Stuttgart 21, aber wie Du im Konzert erzählt hast, war die Reaktion darauf in Stuttgart selbst gar nicht einhellig positiv?

Es gab ein paar Bemerkungen, die mir gezeigt haben, dass ein Teil der Zuschauer das gar nicht so gut fand. Damit habe ich persönlich nicht gerechnet. Ich hatte mehr Zustimmung erwartet. Es gab auch positive Reaktionen, das Lied hat in Stuttgart durchaus die Runde gemacht, auch durch Youtube, aber die Leute waren gespalten. Im Nachhinein hätte ich es lieber gelassen. Die Proteststimmung war schon wieder weg, es gab wenige Emotionen, die Reaktion war sehr verhalten.

Wenn man als Singer/Songwriter unterwegs ist, dann steht man ja in einer langen Tradition vornehmlich amerikanischer Singer/Songwriter wie Bob Dylan.

Ich war immer ein großer Dylan-Fan, aber noch mehr haben mich deutsche Singer/Songwriter wie Gisbert von Knyphausen beeinflusst. Ich fing an, deutsche Lieder zu schreiben, weil ich das auf Englisch nicht kann. Ich habe es versucht, es ging nicht und ich dachte schon, ich könnte keine Songs schreiben. Dann habe ich deutsche Songs geschrieben und auf einmal lief es. Es ist eine andere Art Musik zu machen, eine andere Art, Lieder zu schreiben und zu singen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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