Neil Tennant und Chris Lowe: die Pet Shop Boys. Fotostrecke starten

Neil Tennant und Chris Lowe: die Pet Shop Boys. © Alasdair McLellan

"Format", die neue B-Seiten-Compilation der Pet Shop Boys vereinigt auf 2 CDs die Flipsides ihrer Alben von "Bilingual" (1996) bis "Yes" (2009). Die Doppel-CD verdeutlicht erneut die herausragenden Fähigkeiten der Pet Shop Boys als Songwriter, beleuchtet aber auch die oft unterschätzte musikalische Vielfalt eines der erfolgreichsten Duos der Popgeschichte.

Jeder Kenner der Pet Shop Boys weiß, dass ihre B-Seiten oftmals genauso gut sind wie ihre Albumtracks, gleichzeitig aber Facetten bieten, die auf den Alben nicht zu finden sind. Von der Freiheit, die B-Seiten nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können, haben die Pet Shop Boys im Verlauf der Jahre ausgiebig Gebrauch gemacht. Das zeigte bereits Alternative (1995), das die meisten B-Seiten bis Very (1993) enthält.

Die kürzlich erschienene Doppel-CD Format führt diese Zusammenstellung nun mit den B-Seiten bis zu ihrem letzten Album Yes (2009) fort. Es überrascht nicht, dass Format in Punkto Qualität nicht ganz mit dem Vorgänger mithalten kann, stammten doch die damaligen B-Seiten vom absoluten Karrierehöhepunkt des Duos. Dennoch bietet Format viele Highlights, die vor allem diejenigen positiv überraschen dürften, die nicht jede Single der Pet Shop Boys seit 1996 akribisch gesammelt haben.

Am Anfang von Format stehen die zehn (!) B-Seiten von Bilingual. Trotz einer gewissen kreativen Verwirrung in diesen Jahren produzierten Neil Tennant und Chris Lowe immer noch eine Handvoll herausragender B-Seiten. Besondere Highlights sind die melancholischen Balladen Hit And Miss und The Calm Before The Storm, die erstere traurig-verloren, die zweite verträumt-sehnsuchtsvoll. Viel besser als die etwas lahme Albumversion ist die alternative Aufnahme von Discoteca.

The Truck Driver And His Mate war, wie die Pet Shop Boys im Interview zugeben, ein Versuch, an den euphorischen Sound der Brit-Popper Oasis anzuknüpfen. Das Ergebnis ist kein Meisterwerk, klingt aber erfrischend anders. Im Vergleich dazu fällt das Drum & Bass-beeinflusste Betrayed ebenso ab wie das etwas allzu banale How I Learned To Hate Rock-And-Roll, das mit dem Versuch scheitert, stumpfsinnige Rockmusik zu parodieren.

Je länger ihrer Karriere dauerte, desto offener haben die Pet Shop Boys ihre Homosexualität thematisiert. Im beiliegenden Interview rücken sie ihre Verbundenheit mit der schwulen Subkultur daher häufig in den Mittelpunkt. Am offenkundigsten geschieht das mit dem jugendlich-verspielten The Boy Who Couldn’t Kepp His Clothes On, das die befreiende Wirkung der schwulen Clubkultur auf ähnliche Weise feiert wie Discoteca. Und noch einen Aspekt macht diese Compilation überdeutlich, nämlich die immense Bedeutung von David Bowie für das musikalische Werk der Pet Shop Boys, die sich an den zahlreichen Referenzen ablesen lässt.

Es ist tröstlich, dass sich die B-Seiten der schwachen Single Somewhere, The View From Your Balcony und Disco Potential, keinen Deut besser sind. Damit nehmen sie schon Nightlife (1999) vorweg, dessen B-Seiten nur ein Highlight bereithalten, und zwar Screaming, das auf die gleiche Weise wie zuvor Delusions Of Grandeur einen bedrohlichen Text mit einem stampfenden Disco-Beat verbindet.

Bei Erscheinen überraschte Release (2002) mit einem folkigen Sound, der nach einer gewissen Dauer aber allzu gleichförmig wirkte. Umso vielfältiger und wesentlich näher am gewohnten Stil des Duos sind die B-Seiten aus dieser Zeit, die so eine alternative Geschichte der Pet Shop Boys in den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts erzählen. Eine der größten Entdeckungen ist das ruhige Searching For The Face Of Jesus, das die spirituelle Suche des späten Elvis thematisiert.

Die hervorragenden Songs Between Two Islands mit seinen subtilen Motown-Einflüssen und Friendly Fire werden von der für die Pet Shop Boys typischen sehnsuchtsvollen Atmosphäre dominiert, die Tennant & Lowe wie sonst niemand beherrschen. Nightlife, ein weiteres Clublied, erinnert hingegen in unheimlicher Weise an die Night-Fever-Phase der Bee Gees, die die Pet Shop Boys sogar als Background-Sänger gewinnen wollten – freilich ohne Erfolg.

Nicht alle B-Seiten aus dieser Zeit sind wirklich überzeugend, so verliert Sexy Northerner nach starkem Beginn die Orientierung, aber insgesamt überwanden Neil Tennant und Chris Lowe den Tiefpunkt ihrer Karriere rasch. Das erlaubte ihnen, humorvoll mit ihrem eigenen Werk umzugehen, beispielsweise in der Coverversion des My Robot Friend-Songs We’re The Pet Shop Boys oder in der vergnüglichen Version von In Private mit Elton John.

Warum I Didn’t Get Where I Am Today es nicht auf Fundamental (2006) schaffte, ist ein absolutes Rätsel. Das Lied ist vollständig realisiert, positiv mitreißend und wunderbar melodisch. Eine der ganz großen Entdeckungen dieser Box. Girls Don’t Cry ist kaum schwächer: ein elegant produzierter Storytelling-Song, das den jugendlichen Blick aus West End Girls in der Gelassenheit und Empathie eines 50-jährigen spiegelt. Blue On Blue wiederum zeigt die experimentellere Seite der Band – eingepackt in einen starken Disco-Sound.

Nicht alle B-Seiten von Yes sind auf Format vertreten, vermutlich aus Platzgründen. Mehrheitlich klingen die Ideen hinter den Songs besser als die Ausführung. We’re All Criminals Now ist ein seltenes politisches Statement gegen die Anti-Terrorgesetzgebung in England, während das sperrige The Former Enfant Terrible frühere Rebellen angreift, die ins Establishment überwechseln. Klingt interessanter als es in Wirklichkeit ist. Das laszive Up And Down sorgt dann noch mal für einen versöhnlichen Abschluss.

Die schiere Qualität der Musik der Pet Shop Boys macht auch Format trotz vereinzelter Schwächen zu einem gelungenen Hörerlebnis. Mehr noch, aufgrund der großen stilistischen Bandbreite und den zahlreichen musikalischen Einflüssen, die sich in den achtunddreißig Songs widerspiegeln, eröffnet Format einen tieferen Einblick in die Musik des Duos zwischen 1996 und 2009. Die Doppel-CD von B-Seiten und Demos bietet eine rundherum gelungene Zusammenstellung für diejenigen, die das Werk der Pet Shop Boys abseits der ausgetretenen Pfade erkunden wollen.

Wertung: +++½ (von +++++)

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