Francis Farewell: coole Gewinner.

Francis Farewell: coole Gewinner. © Simon Fessler

Selten bot eine Vorausscheidung so viele überzeugende Auftritte, so viele überraschende Wendungen und so viel freundschaftlich-fairen Wettbewerb wie die zweite Vorrunde des 5. Newcomerfestivals Rhein-Neckar. Die hauchdünne Entscheidung zu Gunsten von Francis Farewell bildete den krönenden Abschluss eines bemerkenswerten Abends in der Halle02, der an stilistischer Bandbreite und musikalischer Qualität Maßstäbe für alle folgenden Newcomerfestivals setzte.

{image}Selten auch wurde um eine Entscheidung so sehr gerungen wie um die Frage, welche der vier Bands in das Finale am 17. März einziehen sollte. Dass sich am Ende mit Francis Farewell diejenigen durchsetzten, die erst seit wenigen Wochen gemeinsam Musik machen, verdeutlicht, was für einen besonderen Abend die Zuschauer am gestrigen Samstag in der Heidelberger Halle02 erlebten.

Zu Beginn des Abends scheint es so, als führe kein Weg an der Wormser Band The Döftles vorbei. Die Band verfügt über ein erbarmungslos konsequentes Konzept, das sie in vielen Liveauftritten perfektioniert hat. Mit ihren schrillen, trashigen Outfits, die eine unverhohlene Vorliebe für Spandex erkennen lassen, sehen sie aus wie eine Mischung aus David Bowie und Cindy aus Marzahn.

{image}Ihre Musik ist ähnlich extravagant, verbindet Elemente aus Punk, Schlager, Reggae und Polka (!) mit frechen, gelegentlich obszönen Texten. Ihr Auftritt steht so unter dem inoffiziellen Motto "Lass dich gehen", bietet aber nicht nur anarchistische Performance-Kunst mit Pogo und Polonaise, sondern auch eine Menge tighter Rockmusik und in Jim Walker Junior einen charismatischen, unerschrockenen Leadsänger. Es wäre interessant herauszufinden, ob und inwiefern die Musik auch ohne das schrille Image der Band funktioniert. Das jubelnde Publikum, darunter viele aus Worms mitgebrachte Fans, haben sie jedenfalls gänzlich auf ihrer Seite.

{image}Genau von der entgegengesetzten Seite des Planeten Musik stammen Francis Farewell aus Schwetzingen. Sie verbinden anspruchsvolle Texte, die an extravaganten Bildern und pointierten Aussagen reich sind, mit krachend lauter Rockmusik. Der namensgebende Singer/Songwriter Francis Farewell überzeugt mit seinem vielseitigen Gesang und einer exzellenten Sprachrhythmik, die es ihm ermöglicht, ganz verschiedene Themen in seinen Liedern zu behandeln. Trotz der komplexen Texte wirkt die Musik nicht überfrachtet oder aufgesetzt, sondern erstaunlich schlüssig und natürlich. Das überrascht umso mehr, da Francis Farewell an diesem Abend ihren ersten öffentlichen Auftritt absolvieren! Nur wenige Bands sind wohl in der Lage nach wenigen Wochen bereits einen so konzise, überzeugende Performance abzuliefern und damit das Publikum vollends zu überzeugen, das lautstark nach einer Zugabe verlangt.

{image}Wer vorher dachte, der abschließende Auftritt der Metal-Band Deconstruct fungiere als Rausschmeißer, der täuschte sich gewaltig. Anders als viele andere Metal-Bands gelingt es den Heidelbergern auch diejenigen im Publikum für sich zu gewinnen, die mit Metal wenig anfangen können. Obwohl Deconstruct das boten, was man von Metal-Bands erwartet, nämlich gewaltige Gitarrenwände und einen Sänger, der nicht singt, sondern mit voller Kraft ins Mikrophon schreit, überzeugt ihre gnadenlos laute Musik durch ihr schieres Engagement und technische Klasse. Der Lohn war nicht nur der Applaus des Publikums, sondern auch die Anerkennung der Jury.

{image}Mit einer solche Fülle an Originalität können The Daily Friday Rock Show aus Darmstadt nicht ganz mithalten, obwohl sie in Daniel Grözinger ebenfalls über einen starken Sänger verfügen. Ihr kompetenter Hardrock ist im Vergleich zur Konkurrenz etwas zu arm an Überraschungen, um sich an diesem Abend durchzusetzen. Vielleicht verleitet das den etwas übermotivierten Gitarristen Martin Peter, die Bühne zu einem veritablen Abenteuerspielplatz umzufunktionieren: Mehrfach klettert er auf die Verstärker, springt von der Bühne und wälzt sich am Boden. Dennoch erreichen auch The Daily Friday Rock Show das Publikum - und das obwohl sie keine eigenen Fans mitgebracht haben.

Erfreulich war, dass die Bands und ihre Anhänger das knappe Ergebnis fair akzeptierten und sich gegenseitig gratulierten. The Döftels und Francis Farewell planen wohl auch schon einen gemeinsamen Auftritt im Mannheimer Mohawk. So wünscht man sich das eigentlich immer.

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