Das neue Pferd im Stall des Labels City Slang heißt Dan Mangan und ist ein freundlicher, bärtiger Kanadier, dessen Stimme sich ein bisschen so anhört, als hätte er eben noch einen Baum gefällt und einen Grizzly geschossen.

Das neue Pferd im Stall des Labels City Slang heißt Dan Mangan und ist ein freundlicher, bärtiger Kanadier, dessen Stimme sich ein bisschen so anhört, als hätte er eben noch einen Baum gefällt und einen Grizzly geschossen. © John Taggart

Das neue Pferd im Stall des Labels City Slang heißt Dan Mangan. Der freundliche, bärtige Kanadier, dessen Stimme sich ein bisschen so anhört als hätte er eben noch einen Baum gefällt und einen Grizzly geschossen, legte sogleich ein beeindruckendes erstes Album bei seinem neuen Label bzw. sein drittes Album insgesamt vor. Unsere Redakteurin Eva Schimmelpfennig traf Dan Mangan in Berlin und sprach mit ihm über seine neue Ernsthaftigkeit, sein Leben auf Tour und die kleinen Momente, die ein Konzert zu einem unvergesslichen Erlebnis machen.

{image}regioactive.de: Hallo Dan. Als erstes würde ich gerne mit dir über dein neues Label City Slang sprechen. Du hast ja erst vor kurzem dort unterschrieben und dort dein neues Album Oh Fortune veröffentlicht. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Dan Mangan: Wir haben in diesem Sommer auf einigen Festivals in Europa gespielt, zum Beispiel beim Haldern Pop und in England auf dem End Of The Road Festival. Ein paar Leute des Labels waren auf beiden dieser Festivals und haben mich und meine Band dort spielen gehört. Es hat ihnen gefallen und sie haben mich angesprochen. Ich hatte gerade mein neues Album fertiggestellt und stand kurz vor der Veröffentlichung in Nordamerika bei meinem dortigen Label Arts & Crafts. Was mir noch fehlte war ein Label in Europa. So kam eins zum anderen wir waren uns schnell einig. Die Leute von City Slang sind großartig.

Findest du es wichtig, ein Label hinter dir zu haben, das dich in deiner Arbeit unterstützt?

Dan: Es ist auf jeden Fall hilfreich, aber grundsätzlich nicht unbedingt nötig. Heutzutage kann man als Musiker auf verschiedene Arten Karriere machen. Man kann es komplett alleine angehen oder mit Hilfe anderer. Ich selbst habe mir vorgenommen, nur mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ich auch meiner Familie vorstellen würde. Es gibt sehr viele gute Menschen im Musikbusiness, man muss für sich selbst herausfinden, mit wem man sich wohl fühlt.

Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt, deine Musik einfach ohne Label z.B. online zu veröffentlichen, wie es beispielsweise Radiohead vor einiger Zeit gemacht haben?

Dan: Das habe ich jahrelang getan. Ich war mein eigener Manager, Booking-Agent, mein eigenes Label und habe alles selbst organisiert. Das war ein guter und wichtiger Teil meiner Entwicklung. Durch meine Touren bin ich viel herumgekommen und habe hier und dort sozusagen "einen Fuß in die Tür" bekommen. Mittlerweile ist mein Team gewachsen und ich arbeite mit vielen Leuten zusammen. Ich denke, es gibt nicht DEN Weg, Musik zu veröffentlichen. Jeder hat seine eigene Vorstellung, was der richtige Weg ist. Eine anarchistische Punkband wäre beispielsweise bestimmt weniger geschäftsorientiert.

Lass uns einmal über dein neues Album Oh Fortune sprechen. Das Album hört sich im Vergleich zu seinem Vorgänger Nice, Nice, Very Nice um einiges ernsthafter und vielleicht auch erwachsener an. Würdest du das bestätigen?

Dan: Ich finde auch, dass sich das neue Album ziemlich anders als sein Vorgänger anhört. Teilweise war dies auch Absicht und manchmal ist es einfach organisch gewachsen. Als ich angefangen habe, bin ich alleine gereist und alleine mit meiner Gitarre aufgetreten. Im Laufe der Zeit hat sich dann meine Band zusammengefunden. Nun habe ich einige wirklich großartige Musiker um mich, auf die ich mich verlassen kann. Viele meiner Bandmitglieder haben eher einen experimentellen musikalischen Hintergrund und kommen aus dem Free Jazz und nicht aus dem Folk. Somit haben sie einige verschiedene Elemente in meine Musik hereingebracht. Und das ist toll und aufregend. Ich möchte fühlen, dass ich wachse und neue Dinge ausprobieren, durch meine Band und durch meinen eigenen Weg als Musiker. Ich schaue einfach, was sich zur Zeit gut für mich anhört und das ist oft nicht das gleiche, was noch vor einigen Jahren der Fall war.

{image}Gab es bestimmte Vorkommnisse, die dein Songwriting in letzter Zeit besonders beeinflusst haben? Beispielsweise politische oder kulturelle Ereignisse?

Dan: Auf jeden Fall. Wenn man Künstler ist, ist man wie ein Schwamm. Man saugt die Welt um sich herum auf und wenn du voll bist, wringst du dich aus und erschaffst etwas. Aber ich denke auch, dass nicht alles wieder unverdaut hervorkommt. Man sieht, hört oder erlebt etwas, dann verdaut man es und spuckt es mit seinem eigenen Stil wieder aus. Auf meinem Album gibt es politische Elemente aber auch ganz viele andere Gedankengänge. Generell geht es einfach ums Existieren und all die Fragen nach dem Sinn der Existenz.

Hat dein endloses Touren ebenfalls dein Songwriting beeinflusst? Soweit ich weiß, hast du das Album während du unterwegs warst geschrieben.

Dan: Ja, ein Großteil der Songs ist unterwegs entstanden. Wir waren in den letzten Jahren fast pausenlos auf Reisen. Das ist ein ganz anderes Leben, das man aber lernt zu akzeptieren. Andererseits möchte man natürlich auch gerne ein normales Leben, mit normalen Beziehungen und vielleicht auch Familie führen. Also versucht man ständig diese beiden Leben miteinander zu vereinen.

Freust du dich auf eine Zeit, in der du vielleicht nicht mehr so viel touren musst?

Dan: Ja. Ich liebe es zwar auf Tour zu sein, aber im Moment sind wir so viel unterwegs, dass es einfach nur anstrengend ist. Ich freue mich also sehr darauf, bald ein wenig Freizeit zu haben.

Wie schreibst du normalerweise deine Songs? Musst du in einer bestimmten Stimmung sein?

Dan: Nun, ich glaube, es gibt Zeiten, in denen meine kreative Seite besonders hervortritt. Das hat aber meistens nichts mit bestimmten Emotionen zu tun. Es geht mehr darum einfach zu leben und offen für kreatives Schaffen zu sein. Es kommt und geht einfach. Eigentlich schreibe ich die ganze Zeit in meinem Kopf, unabhängig von bestimmten Zeiten.

Vor einigen Wochen hast du in der britischen Tageszeitung The Guardian einen Artikel veröffentlicht, in dem du von ganz besonderen Momenten auf Konzerten erzählst. Könntest du dies noch einmal genauer erklären?

Dan: Das, worum es in dem Artikel vor allem geht, ist Verletzlichkeit. Wenn man sich sozusagen ausstreckt und Aufmerksamkeit auf sich zieht, macht man sich auf gewisse Weise auch angreifbar. Man macht es anderen Menschen sehr leicht, einen sowohl auf gute als auch auf schlechte Art zu bewerten. Aber daraus geht auch eine bestimmte Kraft hervor, wenn man sich diese Verletzlichkeit zunutze macht und keine Angst davor hat. Wenn ich mich angreifbar mache, aber du nicht, dann macht mir das Angst. Wenn aber alle zusammen angreifbar sind, dann entsteht ein Platz für ganz ehrliche Momente und eine echte Verbindung zwischen den Menschen. In dem Artikel geht es also darum, seine Verteidigung fallen zu lassen und einfach ehrlich und man selbst auf der Bühne zu sein und natürlich auch darum, das Publikum einzuladen dasselbe zu tun.

Kannst du von der Bühne aus erkennen, wenn so ein Moment erreicht ist? Kannst du dies dann in den Gesichtern in der Menge sehen?

Dan: Ja, man kann es sehen und vor allem fühlen. Wenn die Band alles gibt was sie hat und das Publikum das gleiche zurückgibt, dann treibt es sich von alleine an und dann entwickelt so ein Konzert mehr Energie als die Summe der einzelnen Teilnehmer.

{image}Hast du solche Momente auch schon einmal als Zuschauer erlebt?

Dan: Absolut. Ich war beispielsweise schon einmal auf einem Radiohead Konzert vollkommen versunken. Oder vor vielen Jahren habe ich einmal Broken Social Scene in einer Bar in Vancouver spielen sehen. Da hatte ich gerade die High School abgeschlossen und begann mir mehr und mehr Konzerte in Clubs und Bars anzusehen und war unglaublich beeindruckt. Es gibt einfach unglaublich viele gute Bands, die solche Momente erschaffen können.

Findest du, dass es in jedem Genre diese Momente geben kann? Zum Beispiel auch in besonders kommerzieller Popmusik?

Dan: Grundsätzlich ja. Natürlich ist die Musik, die überwiegend in den Top 40 zu finden ist, nicht gerade Musik, mit der ich mich besonders verbunden fühle. Aber es kann gut sein, dass sie andere Menschen wiederum auf eine gewisse Art und Weise berührt. Und hin und wieder taucht auch unter der ganzen "sicheren" Popmusik sehr ehrliche Musik auf. Wenn man sich beispielsweise den riesigen Erfolg von Nirvana anschaut, dann kann das Popmusik für einige Zeit stark verändern. Auf einmal läuft im Radio Musik, die zunächst unpassend für das Radioprogramm erschien, nun aber von sehr vielen Leuten gemocht wird. Das legt dann die Messlatte für Popmusik an eine neue Stelle und viele andere Bands, die ähnlich klingen, werden ebenfalls berühmt.

{image}Lass uns noch einmal kurz über dein Leben auf Tour sprechen. Gibt es etwas, das du unterwegs regelmäßig tust, um bei Sinnen zu bleiben und mit dem Stress leben zu können?

Dan: Wir versuchen vor allem immer gut zu essen. Fast Food versuchen wir beispielsweise zu vermeiden und essen lieber viel Gemüse. Genug Schlaf ist auch ganz wichtig, auch wenn dies nicht immer einfach ist. Manchmal versuche ich auch ein wenig Sport zu machen, aber dafür fehlt mir meistens schon die Zeit.

Gibt es irgendetwas auf Tour, das du ganz besonders magst, außer auf der Bühne zu stehen?

Dan: Natürlich. Man kommt sehr viel herum und lernt viele neue Orte kennen. Leider ist man an diesen Orten ja meistens nur für eine kurze Zeit, sodass man nur sehr wenig davon mitbekommt. Generell ist Reisen eine gesunde Sache. Ich finde, je mehr Leute reisen, desto mehr öffnen sie sich für neue und andere Ideen und akzeptieren, dass das eigene Leben nicht unbedingt die Norm ist, sondern dass es diese Norm nicht gibt. Außerdem erlebt man natürlich viel mehr wenn man reist, das einen beeindruckt und einem anderen Blickwinkel ermöglicht.

Du hast einmal erzählt, dass dein Song Rows of Houses über den Film "Stand By Me" ist und sprichst in deinem Guardian Artikel über "Fight Club". Bist Du ein großer Film-Fan?

Dan: Auf jeden Fall. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich ein großer Cineast bin und alles über Filme weiß, aber ich liebe gute Filme und manchmal auch schlechte Filme. Einer meiner Lieblingsfilme ist ein deutscher Film, nämlich "Das Leben der Anderen". Jede Kunstform, egal ob Musik, Film, Theater, Tanz oder Malerei, hat einen besonderen Ausdruck und beeindruckt und beeinflusst mich.

Ich würde gerne zum Schluss noch kurz über deine Zukunftspläne sprechen. Wie sehen deine Pläne für das kommende Jahr aus?

Dan: Nach der aktuellen Tour habe ich erst einmal zwei Monate frei. Danach werden wir wieder auf Tour gehen. Irgendwann möchte ich dann auch einmal Kinder haben. Aber im Moment bin ich einfach damit zufrieden zu touren, soviel interessante Musik wie möglich zu schreiben, gute Konzerte zu spielen und zu versuchen ein guter Mensch zu sein.

Danke für deine Zeit und dieses Interview.

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