Pink Floyd (Archivfoto) Fotostrecke starten

Pink Floyd (Archivfoto) © EMI Music Germany

Kühle bis intensive und atmosphärisch dichte Soundexperimente sowie gigantomanische Tourneen zeichneten sie zu ihren besten Zeiten aus, cool und relaxt wirkten sie auch stets als charismatische Musikertypen. Später gab's Zoff, doch die Magie der Musik blieb bestehen. Die "Discovery Box" vereint nun die kompletten Studioalben von Pink Floyd, von "The Piper At the Gates Of Dawn" (1967) bis "The Division Bell" (1994), in einer Box. Wir sagen euch, ob sich die Anschaffung der Pink Floyd Remasters von 2011 lohnt.

Angesichts des seit Jahrzehnten andauernden Erfolgs von Pink Floyd überrascht es nicht, dass der Gesamtkatalog regelmäßig neu herausgegeben wird. Nach "Shine On" und "Oh By The Way" ist die neue "Discovery-Box" das dritte Pink Floyd-Box-Set und die zweite Ausgabe der gesammelten Studioalben. Während die vorherige Komplettedition Oh By The Way eine willkürlich wirkende Mischung von aktuellen Remastern und den gängigen 1994er-Editionen (Mastering: Doug Sax) enthielt, wurden alle Alben von James Guthrie neu gemastert. Die Discovery-Box enthält diese neuen Remaster in gatefold sleeves. Es handelt sich also weder um Digipacks, noch um Mini-LP-Replicas, sondern um Doppel-Papphüllen mit zwei Schlitzen, einer für das Booklet, der andere (bei den Doppel-Alben natürlich zwei) für die CDs. Alle remasterten CDs sind auch einzeln erhältlich.

Wenn man sich die Meinungsbeiträge bei amazon durchliest, dann erhält man eine geradezu verwirrende Vielfalt von Auffassungen. Ein häufiger Kritikpunkt betrifft die Verpackung. Ein Benutzer schreibt beispielsweise, die Booklets seien nach Entnahme "kaum wieder in die Hülle zu bekommen", daher seien "Fingerabdrücke auf den CDs sowie zerknitterte Booklets vorprogrammiert". Diese Darstellung ist übertrieben. Die CDs lassen sich leicht entnehmen und wieder in die Hülle zurückbefördern. Gleiches gilt für die Booklets, wenn man sie nicht wie ein Irrer in die Hülle reinstopft. Ein Kritikpunkt ist jedoch berechtigt: Für (regulär) weit über 150 Euro kann man mit Recht wertigere Verpackungen erwarten als diese sehr dünnen Papphüllen, in denen – ein weiterer berechtigter Kritikpunkt – die CDs ungeschützt lagern. In der sehr eleganten Box sind die CDs aber sicher aufgehoben. Anstatt das Booklet allein dem Artwork von Storm Thorgerson zu widmen, hätte man durchaus auch ein umfangreiches Essay über die Musik von Pink Floyd veröffentlichen können, aber dafür hatte EMI wohl nicht mehr genug Zeit – oder Geld.

Das zweite Thema ist selbstverständlich der Klang. Hier stellt sich folgendes kaum zu lösendes Problem: Es existiert eine fast unüberschaubare Menge an Pressungen der Pink Floyd-Alben auf CD, von den 1980ern bis in die Gegenwart, dazu natürlich eine riesige Menge an Vinyl-Ausgaben und exotischen Medien wie SACDs. Die gängigsten Versionen sind jedoch die 1994 von Doug Sax angefertigten Remasters. Im Vergleich dazu klingen die neuen Ausgaben klarer, transparenter und detailreicher, gerade was Höhen und Tiefen angeht. Der Unterschied ist am spektakulärsten bei Animals, bei anderen Alben wie Meddle und Wish You Were Here nicht so spektakulär, aber deutlich feststellbar. Die Behauptung, ein Unterschied zwischen den 1994er und 2011er Remastern lasse sich nicht erkennen, ist ohne Substanz. Ob man den Unterschied für signifikant hält oder welche Ausgabe man bevorzugt, muss jeder für sich entscheiden: Ich jedenfalls halte die neuen Versionen für besser.

Kommen wir zur Musik: Die Discovery-Box enthält alle Studioalben ohne Bonusmaterial. Das Fehlen von Demos oder ähnlichem ist nicht weiter bedauerlich, es wäre jedoch schön gewesen, wenn die Box eine zusätzliche CD mit den frühen, vornehmlich von Syd Barrett geschriebenen Singles enthalten würde, denn sie verkörpern eine naive Verspieltheit, die auf den späteren Alben weitgehend fehlt. Die übrige Musik wurde so oft besprochen und analysiert, dass hier einige generelle Anmerkungen genügen:

• Pink Floyd begannen als psychedelische Band mit Syd Barrett als hauptsächlichem Songwriter: "The Piper At The Gates Of Dawn" (++++) ist ein dichtes, von zeittypischen psychedelischen Sounds bestimmtes Album, auf dem Barrett seine Vorliebe für Seltsamkeiten aller Art ausleben konnte. Der Nachfolger, das immer noch stark von Psychedelia beherrschte "A Saucerful Of Secrets" (+++1/2), enthält nur noch eine Barrett-Komposition, den verspielten "Jugband Blues". Das halb live eingespielte, halb im Studio aufgenommene Doppelalbum "Ummagumma" (+++) ist hingegen vor ein offensichtliches Ergebnis der Verwirrung und Unsicherheit nach Barretts Ausstieg - davon zeugen insbesondere die halbgaren Experimente der Studioplatte. Die verbliebenen Bandmitglieder teilen sich ab jetzt das Songwriting, wobei Roger Waters binnen kurzer Zeit die herausragende Stellung einnimmt, obwohl David Gilmour und Richard Wright weiterhin signifikante Songs beisteuern.

• Der Schritt zum Artrock ist in den frühen 1970er Jahren für eine Band wie Pink Floyd konsequent, eine Menge Zeitgenossen haben ihn auf die eine oder andere Weise ebenfalls vollzogen. Die beiden in dieser Zeit entstandenen Alben "Atom Heart Mother" (+++1/2) und "Meddle" (++++1/2) weisen viele konzeptionelle Gemeinsamkeiten auf, u.a. werden beide von einer epischen (auf Vinyl: seitenlangen) Komposition dominiert. Während "Atom Heart Mother" die damals modische Zusammenarbeit von Rockbands mit einem Orchester nur mäßig erfolgreich umsetzt, begeistert "Echoes", das zentrale Stück auf "Meddle" durch eine intensive, hypnotische Atmosphäre.

• Die zwei Soundtracks der 1970er besitzen im Gesamtwerk von Pink Floyd nur marginale Bedeutung. "More" (++1/2) wirkt zerfahren, bruchstückhaft und schwankt unentschlossen zwischen Stilen. "Obscured By Clouds" (+++) ist das eindeutig bessere, geschlossenere Werk und enthält einige der gradlinigsten Popsongs, die Pink Floyd je geschrieben haben. Wirklich Herausragendes fehlt, aber das Album deutet die folgenden Großtaten an.

• Drei Alben markieren nicht nur den kommerziellen, sondern auch den musikalischen Höhepunkt des Schaffens von Pink Floyd: "Dark Side Of The Moon", "Wish You Were Here" (beide +++++) und "Animals" (++++1/2). Sie überzeugen mit konzeptioneller Geschlossenheit, exzellentem Songwriting, leichten und präzisen Arrangements, beeindruckender Dramaturgie und dem hier perfektionierten sphärischen Sound der Band. Jeder, der Pink Floyd nicht kennt, sollte hier einsteigen.

• "Animals" läutet mit seiner düsteren Stimmung und Thematik jedoch gleichzeitig den Beginn einer neuen Phase in der Karriere von Pink Floyd ein. Die nachfolgenden Alben stehen ganz im Zeichen von Roger Waters zunehmender Verbitterung und seiner unverhohlen bekundeten Abscheu vor der Menschheit – und vor sich selbst. Auf "The Wall" (+++) stellt sich Waters seinen selbstzerstörerischen Seiten wie Narzissmus und Zügellosigkeit und versucht, seine Kindheitstraumata wie den frühen Verlust seines im 2. Weltkrieg gefallenen Vaters zu bezwingen, indem er die metaphorische Mauer einreißt, in der er sich von der Welt abgekapselt hat. Der gewaltige Erfolg bei Erscheinen legt nahe, dass Waters damit das Empfinden vieler Zeitgenossen traf, aber wenn man damit nicht aufgewachsen ist, bereitet es heute nicht geringe Mühe, dieses überladene, unfokussierte, prätentiöse Werk komplett anzuhören. "The Final Cut" (+++), wiederum ganz von Roger Waters beherrscht, ist schließlich eine gnadenlose und unversöhnliche Abrechnung mit dem von Margaret Thatcher regierten England, aufgenommen unter dem Eindruck des Falklandkriegs. Das Resultat ist ein ebenso faszinierendes wie beklemmendes Anti-Kriegs-Album. Danach zerstritten sich Waters und Gilmour und Pink Floyd waren Geschichte. Fast.

• Die lange Coda, die auf den Ausstieg von Roger Waters folgte, ist vernachlässigbar. Das treffend betitelte "A Momentary Lapse Of Reason" (+1/2) ist fast komplett belanglos, ein David Gilmour-Soloalbum zugekleistert mit nervigen 80er-Synthesizern, die freilich schon auf "The Final Cut" erste Spuren hinterlassen hatten. "The Division Bell" (++) erinnert stärker an den klassischen Sound von Pink Floyd, aber die Band wirkt verbraucht und müde, allein "High Hopes" überzeugt. Abgesehen von einem Auftritt bei Live 8 war damit die Geschichte von Pink Floyd zu Ende. Der Mythos lebt jedoch weiterhin: Wer die Alben in ihrer Gesamtheit wiederhört, versteht warum.

 

Gesamtbewertung: ++++ (von +++++)

Das könnte Sie auch interessieren