"One english boy. One german boy. One lost boy." I Heart Sharks leben in Berlin und versetzen ihr Publikum mit tanzbarem Indietronic in ekstatische Zustände. Unser Redakteur Daniel Voigt traf die Band.

"One english boy. One german boy. One lost boy." I Heart Sharks leben in Berlin und versetzen ihr Publikum mit tanzbarem Indietronic in ekstatische Zustände. Unser Redakteur Daniel Voigt traf die Band. © I Heart Sharks

"One english boy. One german boy. One lost boy." Die Musiker der Band I Heart Sharks leben in Berlin und versetzen ihr Publikum mit tanzbarem Indietronic in ekstatische Zustände. Unser Redakteur Daniel Voigt traf Sänger Pierre und Gitarrist Simon in der Hauptstadt. Dort sprach er mit den Beiden über deren Debütalbum "Summer", Haie, ihr Zuhause, Berliner Clubs, Instinkte vs. Pläne und schnappte ihre Kritik an Major-Labels und der deutschen Radiolandschaft auf.

{image}regioactive.de: Was mögt ihr denn so sehr an Haien?

Pierre: Wir mögen die mystifizierende Gefahr, die von Haien ausgeht. Uns gefällt die ganze Aufregung, die um dieses Tier gemacht wird. Auch wenn wir selbst natürlich nicht so gefährlich sind: ein ähnlich ekstatisches Gefühl wollen wir bei den Leuten auslösen, wenn wir die Bühne betreten.

Inwieweit ähnelt ihr also Haien?

Pierre: Haien wollen wir insoweit ähnlich sein, als dass wir die Leute in die selben ekstatischen Zustände versetzen wollen. Ansonsten sehe ich ehrlich gesagt kaum Gemeinsamkeiten. Im Gegensatz zum Hai mögen wir das Meer nicht sonderlich. Wir bevorzugen da lieber im Swimmingpools zu planschen.

Gibt es Gründe dafür? Ich bin zum Beispiel mal von einer Feuerqualle erwischt worden und ging dann ein Jahr nicht mehr im Meer schwimmen.

Pierre: Wir haben diesen Sommer das Video zum Song Summer auf der Insel Rügen aufgenommen. Dort im Wasser sind viele komische und teilweise violett-farbene Fische um uns herum geschwommen. Die stanken unglaublich und es ekelte mich deshalb ein wenig, dieses Gewässer zu betreten.

Simon: Diese Fische waren dem Hai gar nicht so unähnlich. Aber andererseits gibt es auch verschiedene Arten von Haien. Es kommt immer darauf an, wo man ist. So sind manche Haie ungefährlicher als man denkt. Genauso wie manche Haie mehr Angst vor Menschen haben als andere Artgenossen.

Eure Musik wird oft als Mix aus Krautrock, Elektro und Indietronic bezeichnet. Wie würdet ihr sie in eigenen Worten beschreiben?

Pierre: Ich würde sie als Indietronic oder Live-Electronica beschreiben. Bei I Heart Sharks geht es darum, viele Sachen, die nicht wirklich zusammengehören, hier zusammenzubringen und daraus etwas Neues und Aufregendes zu erschaffen.

Simon: Ich würde allerdings den Begriff "Elektro" vermeiden, weil das für mich zwar etwas Tanzbares beschreibt – was unsere Musik ja auch ist – aber gleichermaßen finde ich, dass unsere Musik durch die Texte einfühlsamer ist, als es bei purem Elektrosound der Fall wäre.

Ihr beschreibt euch mit den Worten: "One english boy. One german boy. One lost boy". Was unterscheidet euch persönlich und wie beeinflusst das eure Musik?

Pierre: Wir haben alle Drei einen ganz unterschiedlichen Musikgeschmack, der aus drei verschiedenen Richtungen kommt. Der deutsche Einfluss speist sich vor allem aus der deutschen Elektroszene. Da mögen wir vor allem den aus Berlin stammenden Techno wie auch die Musik von Kraftwerk oder DAF. Der englische Einfluss ist wiederum geprägt von dem typisch britischen Indiesound. Oft fällt hier der Begriff Indiepop. Der britische Pop klingt schmutziger, als der saubere Sound, den man sonst oft von vielen anderen Bands im Radio zu hören bekommt.

Berlin ist für euch ein echtes Zuhause geworden? Was zählt dieser Begriff überhaupt?

Pierre: Seitdem ich in Berlin lebe, fühle ich mich in dieser Stadt zuhause. Wenn ich allerdings eine Zeit lang hier bin, dann sehne ich mich schnell wieder nach einer Tour. Das liegt aber nicht daran, dass ich ich diese Stadt nicht mag, sondern dass ich das Touren so liebe. So gesehen sind wir auf der Tour zuhause. Ständig neue Sachen zu erleben, neue interessante Leute kennenzulernen und die Musik neuen Leuten zu präsentieren – das empfinde ich als großes Vergnügen und Privileg. Berlin ist zwar ein schöner Ort, um dort zu leben, aber auf der Tour fühle ich mich heute am meisten heimisch.

Simon: Das geht mir ähnlich. Ich bin in meinem Leben sehr oft umgezogen. So habe ich selten länger als fünf Jahre in gleichen Ort gelebt. Egal ob es die USA oder Deutschland waren, ich habe in jedem Land in mehreren Städten gewohnt – und jetzt zuletzt eben in Berlin. Dadurch hat sich bei mir nie ein Gefühl von Heimat entwickelt, das dazu führen würde, dass ich Berlin als "große" Heimat sehe. Das Gefühl von einem Zuhause bindet sich bei mir vielmehr an die Menschen, mit denen ich im Moment befreundet bin und an die Band. Wenn ich auf Tour bin, dann fühle ich mich bei Pierre, Georg und den Leuten, die wir dort kennenlernen, heimisch. Wenn ich mit Freunden in Schweden bin, dann fühle ich mich dort eine Woche zuhause. Ich schlussfolgere deshalb daraus: Das Zuhause definiere ich jede Woche anders.

{image}Wie hat euch Berlin musikalisch beeinflusst?

Pierre: Berlin bedeutet für uns sehr viel, aber meine Meinung zur Stadt und den Menschen ist gemischt. Es gibt hier viele Leute, die viel sagen, aber nichts tun außer Party zu machen. Das beeinflusst mich insoweit, dass es mich motiviert, anders zu sein. Ich will etwas mit meiner Zeit anfangen und dabei etwas schöpferisches schaffen. Das dokumentiert wiederum auch die andere Seite der Stadt. Denn natürlich gibt es auch viele Leute hier, die wirklich sehr strebsam sind. Dies sind meistens Zugezogene, die etwas Neues starten und ausprobieren wollen und Berlin als die einzige Stadt sehen, in der sie ihre Ideen verwirklichen können. Das liegt meistens vor allem an den niedrigen Lebenskosten, die man hier hat. Das macht Berlin sehr interessant. Als wir erstmals nach Berlin kamen, haben wir wie jeder andere auch sehr viel Party gemacht und viel von der Berliner Techno- und House-Musik aufgenommen. Unsere Lyrics dagegen drehen sich eher um die paradoxen Seite dieser Partywelt. Wie zum Beispiel das merkwürdige Gefühl, das einen umgibt, wenn man am frühen Morgen von einer Party nach Hause kommt und sich plötzlich allein in einem Raum wiederfindet, obwohl man doch vor wenigen Minuten noch von tausenden Menschen auf einer wilden Party umgeben war.

Auf eurem Album gibt es einen Song namens Golden Gate. Ist das eine Hommage an diese Partyszene und den gleichnamigen Club?

Pierre: Der Song klingt musikalisch sehr fröhlich, aber was die Lyrics angeht, ist das nicht unbedingt der Fall. Es beschreibt einen Anend in einem Club und ja, das könnte auch das Golden Gate repräsentieren.

Was mögt ihr am Golden Gate?

Simon: Ich war jetzt ewig lange nicht mehr da.

Pierre: Wir nahmen das Album in den ersten beiden Januarwochen auf. Am letzten Tag, also als wir fertig waren, gingen wir direkt vom Studio zu Simons Wohnung, wo uns sein Mitbewohner schon feiernd und mit einer Flasche Jägermeister in der Hand erwartete, um uns für die Fertigstellung unseres Albums zu beglückwünschen. Gemeinsam entschieden wir, das Ereignis im Golden Gate zu feiern. Was ich an dem Club mag, ist die Tatsache, dass man dort alles sieht. Es gab zwar auch früher solche Clubs wie die Bar25 oder jetzt das Kater Holzig, aber die waren und sind alle nicht wirklich "Underground". Ich finde, das Golden Gate ist der letzte Ort der Welt, den du deiner Mutter zeigst.

Simon: Im Golden Gate sieht man alle Arten von Menschen und erlebt Situationen, von denen man niemals seiner Mutter berichten würde.

Pierre: Aber die goldene Zeit war vor vier Jahren, jetzt ist der Club auch immer weniger "Underground".

Dann also lieber im Golden Gate oder doch im Berghain tanzen?

Simon: Im Golden Gate geht es darum etwas Verbotenes zu tun und sich dabei gut zu fühlen, aber im Moment gefällt mir doch das Berghain mehr, weil dort die Musik eine höhere Priorität hat. Zwar bedeutet das für viele auch nur feiern oder trinken, aber man kann da einfach auch nur wegen der Musik hingehen.

Pierre: Es hat uns schon oft am Wochenende nach Auftritten Sonntags in die Panorama Bar des Berghains getrieben. Das Berghain ist für mich ein einzigartiger Ort. Die Nächte sind lang und es passiert manchmal, dass man 8 Stunden ins Berghain geht, plötzlich anfängt zu singen, eine Melodie findet, diese aufschreibt und wenige Wochen später als nächste Single veröffentlicht. Du tanzt im Berghain wie bei einer Silent Disco. Als hättest du Kopfhörer auf deinen Ohren, obwohl neben dir dennoch ganz viele andere Menschen tanzen.

Simon: Und dann kommt man frühmorgens aus dem Berghain raus und wird von der grell scheinenden Sonne geblendet.

Euer Debütalbum heißt Summer. Wie war der Sommer 2011 für euch?

{image}Pierre: Wir haben viele Festivals gespielt, haben dort sehr viele tolle Leute getroffen, neue Bands kennengelernt und viele neue Freunde gefunden. Zum Beispiel Kraftklub [Review vom 25.11.11], einer der wenigen deutschen Bands, die ich wirklich gut finde. Nicht nur musikalisch, auch menschlich.

Warum habt ihr euer Album Summer genannt?

Pierre: Das Album hat diesen Namen nicht aufgrund der Jahreszeit erhalten, sondern wegen des euphorischen Gefühls, das einen bei dem Gedanken an diese Jahreszeit überkommt. Dieses Jahr hat es zwar viel geregnet. Aber wenn man einfach nur über den Begriff "Sommer" nachdenkt kommen sofort die sonnigen Tage dieser Monate in den Sinn, oder die Abenteuer, die man mit Freunden am See erlebt hat. Es geht um die nostalgischen und schönen Erinnerungen an den Sommer. Wir wollen dieses Gefühl vermitteln. So, dass wir am Ende sagen können: "Let's just pretend it's summer."

Einer eurer Songs heißt Animals. Tiere – z.B. Wölfe – spielen in euren Lyrics eine große Rolle. Welches Tier beschreibt euch am besten?

Simon: Mich verfolgt seit geraumer Zeit ein Zebra. Das kommt daher, dass ich letztens mit einer anderen Musikerin zusammengearbeitet und mit ihr auch ein Konzert gespielt habe, wo ich bei ein oder zwei Liedern eine Zebra-Maske aufgesetzt hatte. Die hat sie eigentlich nur als Requisite herausgekramt, doch als ich sie aufsetzte, hat das irgendwie ein Funken in meinem Gehirn ausgelöst und ich dachte, ein Zebra zu sein wäre doch gar keine schlechte Sache. Eigentlich bin ich ja nicht sonderlich spirituell – doch als ich dann wieder auf einer WG-Party war, lernte ich jemanden kennen, der auf seinem Unterarm ein Zebra tätowiert hatte und ich stand auf dem Flur und habe zehn Minuten lang nur auf seinen Unterarm gestarrt und mich gefragt, ob das Tier vielleicht doch eine größere Bedeutung für mich hat als zuerst angenommen.

Tiere leben von Instinkten. Seid ihr Menschen, die eher planen oder eher ihrem Instinkt folgen?

Pierre: Wir handeln eher nach unserem Instinkt. Auf unseren Live-Shows gibt es sehr viele überraschende Momente und spontane Einfälle. Wir sagen vor der Show nicht, dass jemand von uns dies oder das auf der Bühne tun soll. Wir wollen einfach immer Spaß haben und auf spontane Weise etwas Neues erzeugen Deshalb denke ich, dass wir sehr instinktive Menschen sind.

Und wie sieht das privat aus?

Pierre: Es ist zwar manchmal schön Pläne zu haben, aber andererseits bin ich nicht sehr gut darin, Pläne zu machen. Die Dinge passieren halt. Auf diese Weise "stolpere" ich sozusagen durch mein Leben. Aber auf der anderen Seite – wenn manche Leute meinen, dass man ja mächtig Glück gehabt habe, dass man mit einer Band wie Friendly Fires touen durfte – dann sehe ich das als falsch an. Ich glaube nicht an Glück. Wenn etwas sorgfältig vorbereitet ist und es dazu kommt, dass viel Arbeit im richtigen Moment auf einen glücklichen Umstand und die richtige Zeit trifft, dann ist das eben so. Wir haben nicht nur Glück, sondern wir arbeiten hart für unsere Leidenschaft.

Simon: Da stimme ich dir total zu. Vieles ist natürlich geplant, aber dann muss man sich trotzdem noch die Freiheit behalten, dass man instinktiv eine radikale Idee weiterverfolgen kann.

Pierre: Auch bei unseren Live-Shows muss der Mann vom Mischpult immer umdenken, weil wir unsere Auftritte ständig ändern.

Simon: Es läuft bei uns alles sehr spontan und schnell ab. Wenn wir etwas auf der Bühne wollen, dann machen wir das gleich am nächsten Tag. Spontanität und ein guter Instinkt sind da stark gefragt.

In einigen eurer Videos spielt das Flackerlicht eine zentrale Rolle. Steckt ein Konzept dahinter?

Pierre: Es gibt viele Dinge, die wir an diesem weißen Licht mögen. Wir benutzen diese Flacker-Effekte auch bei unseren Live-Auftritten und experimentieren generell sehr viel damit. Wir mögen Lichtstrahlen, die nicht an einem Ort beheimatet sind.

Welchen filmischen Anspruch habt ihr bzgl. eurer Videos?

Pierre: Wir machen unsere Videos selbst und kopieren nichts von anderen Filmen. Was nicht heißt, dass ich Filme nicht lieben würde. So sind wir, ausgehend von der Ästhetik und der Idee, stark von dem Film "Die Tiefseetaucher" mit Bill Murray beeinflusst worden. Im ganzen Film versuchen sie einen Hai zu finden, der einen Freund des Meeresforschers Zissou aß. Das Surreale an dieser Geschichte hat mich begeistert.

{image}Gibt's ein Lieblings-Genre?

Pierre: Ich mag Independent-Filme, die nicht durch das Budget, sondern nur durch ihre Ideen leben. Zum Beispiel die Filme von Michel Gondry, wie etwa "Eternal Sunshine Of The Spotless Mind".

Ein anderer eurer Songs nennt sich Neuzeit. Worum geht es dabei?

Pierre: Der Song handelt davon, wie Briten und Deutsche Deutschland sehen und was sie von diesem Land halten.

Was haltet ihr selbst von Deutschland?

Pierre: Das ist schwer zu sagen. Ich versuche, das in unseren Kontext zu fassen. Wir spielen sehr viele Konzerte, aber es fiele uns schwer, wenn wir kaum Zuschauer hätten. Wenn wir unsere Musik Labels anbieten, dann sagen die meisten Major-Labels, dass sie glauben, dass unsere Musik in Deutschland nicht funktioniere. Denn für sie bedeutet Musik oft nur, dass es darum geht, einen finanziellen Profit zu erzielen – bestenfalls ohne dabei ein Risiko einzugehen. Sie hören sich deine Songs an, aber werten die Musik nicht nach ihrer Qualität, sondern nur danach, wie man diese vermarkten könnte. Wie zum Beispiel die ganze Schlagermusik oder die "Schnappi"-Krokodil-Songs. Das ähnelt der Herangehensweise der meisten Radiosender. Sie füllen ihre Playlists mit Musik, die ohne Botschaft und Inhalt daherkommt. Die deutsche Radiolandschaft ist wahrscheinlich eine der grausamsten überhaupt. Es ist sehr beschämend, dass in Deutschland junge Leute von Onlinezines oder Blogger eigene Radioshows starten müssen, um noch gute Musik hören zu können. Die Labels ignorieren diese Sehnsucht junger Leute nach neuer frischer Musik, weil sie sich davor fürchten, dass die Leute die von ihnen angebotene Musik nicht kaufen und sie damit keinen Profit erwirtschaften. Die Musikindustrie soll natürlich genügend Geld erwirtschaften, um zu überleben – aber in gleicher Weise sollten sie auch stärker junge Bands fördern.

Dieser Forderung können wir uns nur anschließen. Habt vielen Dank für das ausführliche Interview!

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