Der Beginn des Konzerts verdeutlicht, dass Threadgill kein Bandleader ist, der im Mittelpunkt des Konzerts stehen will. Auf der Bühne ist er in vornehmlich Dirigent und Komponist.

Der Beginn des Konzerts verdeutlicht, dass Threadgill kein Bandleader ist, der im Mittelpunkt des Konzerts stehen will. Auf der Bühne ist er in vornehmlich Dirigent und Komponist. © Daniel Nagel

Einer der großen Komponisten des modernen Jazz, Henry Threadgill, spielte im Ludwigshafener Kulturzentrum das Haus vor zahlreich erschienenem Publikum und offenbarte einen tiefen Einblick in seine ebenso komplexe wie rätselhafte musikalische Welt.

{image}Henry Threadgill steht konzentriert, aber regungslos auf der Bühne und lauscht der Musik, die seine Band Zooid, bestehend aus Schlagzeuger Elliot Kavee, Bassgitarrist Stomu Takeishi, Cellist Christopher Hoffman, Gitarrist Liberty Ellman und Jose Davila (Tuba, Posaune) hervorbringt. Viele Minuten rührt er sich nicht von der Stelle, bevor er die Flöte zum Mund führt und sich in den steten Fluss der Musik einreiht. Diese Szene zu Beginn des Konzerts verdeutlicht, dass Threadgill kein Bandleader ist, der im Mittelpunkt des Konzerts stehen will. Auf der Bühne ist er vornehmlich Dirigent und Komponist, dann erst Musiker und schließlich das Gegenteil eines Showmans. Er kommuniziert mit dem Publikum über sein Flöten- und Saxophonspiel und einige wenige Gesten und Worte. 

{image}Threadgills Musik vermag ebenso sparsam zu sein, wenn sie sich darauf beschränkt, weite, spärlich ausgefüllte Klangräume zu eröffnen, in denen jeder Ton eine besondere Signifikanz besitzt. Instrumente treten aus dem Mix hervor und ziehen sich wieder zurück, das Stück wogt mit schwacher Intensität hin und her. Instrumente solieren nicht, sie setzen Akzente, spielen Motive, scheinbar isoliert voneinander, aber doch verbunden durch ein unsichtbares Band. Es ist eine karge, abstrakte Musik, die dennoch nicht unzugänglich ist, eher unscheinbar, fast körperlos. Das ist die eine Seite.

{image}Die andere Seite der Musik von Henry Threadgill besteht aus einem dichten Kontinuum aus verschachtelten und ineinander verwobenen Rhythmen, die ein dichtes Fundament für Soloinstrumente schaffen. Deren Ton beinhaltet alle Bandbreiten des avantgardistischen Jazz (der Begriff Free Jazz passt schon deshalb nicht, weil die Musik komplett oder weitgehend durchkomponiert ist), beispielsweise vom "klassischen" Gitarren, Posaunen- oder Saxophonklang bis hin zur perkussiven Manipulation des Instruments. In diesen Momenten tritt die Leidenschaft in Threadgills Musik deutlich hervor, wenn er beispielsweise zu einem lebhaften Alt-Saxsolo ansetzt oder Gitarrist Liberty Ellman sein ausdrucksstarkes und vielseitiges Gitarrenspiel zur Geltung kommen lässt.

{image}Obwohl die Musik von Zooid darauf abzielt, verschiedene Klangfarben zu verschmelzen oder sie nebeneinander parallel erklingen zu lassen, spielt sich ein beträchtlicher Teil der Musik in tieferen Lagen ab. Das liegt daran, dass Posaunist Jose Davila nach einem exzellenten Auftakt an der Posaune ansonsten fast nur Tuba spielt, wodurch das auch mit der Bassgitarre in Konkurrenz stehende Cello im Mix etwas untergeht. Der offensichtliche Kontrast, der durch Threadgills Flöte, Bass-Flöte und Alt-Sax sowie durch die Gitarre erzeugt wird, kann den Eindruck nicht ganz verwischen, dass mit etwas größerem Mut zur Variation (beispielsweise durch den häufigeren Einsatz der Posaune) mehr herauszuholen gewesen wäre.

Das Publikum, das kann man aus dem Applaus eindeutig heraushören, bevorzugt die dynamischere, leidenschaftlichere Seite von Threadgill. Als er nach knapp neunzig Minuten das Konzert mit einer besonders lebhaften Komposition abschließt, bricht Jubel unter den Zuschauern hervor. Threadgill kommt zwar nochmals zurück auf die Bühne, um sich zu bedanken, für eine weitere Zugabe lässt er sich allerdings nicht erweichen. Dadurch zeigt sich erneut: Henry Threadgill folgt sehr eigenen, speziellen Wegen, die für Außenstehende nicht immer leicht nachzuvollziehen, aber dennoch anregend und bereichernd sind.

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