Noel Gallagher

Noel Gallagher © www.noelgallagher.com

Es ist fast wie damals: Britpop-Battle - nur diesmal nicht Oasis vs. Blur, sondern Beady Eye vs. Noel Gallagher's High Flying Birds. Blur scheinen in der Zwischenzeit ausgeschieden zu sein. Wir berichten live.

{image}Es ist beachtlich, welche Wirkung die Gallagher-Brüder auch hierzulande noch immer auf die Medien haben. Während Liam mit dem Beady Eye-Album die Messlatte Anfang des Jahres für viele überraschend auf ein Niveau hob, das durchaus der Qualität der letzten Oasis-Alben entsprach, dauerte es ein weiteres halbes Jahr, bis Noel sein Solodebüt ankündigte. Und der Zwist zwischen den Brüdern, der zur Trennung von Oasis führte, verbunden mit der Frage, wer jetzt das bessere Werk vorlegt, war für Wochen eines der bestimmenden Themen in der Popwelt. Nun liegt das Album von Noel Gallagher’s High Flying Birds vor und die Spekulationen münden auf nahezu allen Kanälen in die Aussage, dass ein "Best-of" beider Alben ein hervorragendes Oasis-Album ergeben würde. So weit, so gut. Geben wir uns einer differenzierten Betrachtung der Platte hin:

Das Album beginnt mit den Geräuschen von wartenden Menschen, ein Hüsteln und Everybody’s On The Run fängt an – das heißt zunächst gibt es noch ein einminütiges Intro, dann geht es so richtig los. Streicher, Chöre – an Opulenz mangelt es nicht, nur bleibt der Song dahinter ein wenig blass. Und selbst wenn es eigentlich schön wäre, diesen Satz einmal nicht zu lesen – hier muss er sein: Liam hätte der Nummer vermutlich noch das fehlende Quäntchen Schärfe gegeben, das im Wettstreit mit der dicken Sahneschicht fehlt, die die Nummer erdrückt. Das folgende Dream On gerät besser, die Snare peitscht die Viertel, die Melodie ist perfekt für Noels Stimmlage und das Arrangement kommt sehr viel songdienlicher daher.

{image}Ein erster Höhepunkt der Platte folgt mit den beiden vorab ausgekoppelten Singles If I Had A Gun und The Death Of You And Me, die beide sowohl Ohrwurmcharakter als auch unschlagbare Zeilen haben ("If I had a gun, I’d shoot a hole into the sun and love would burn this city down for you"). Die beschwingte Leichtigkeit von Death mit ihrem Wanderzirkus-Appeal weckt zudem schöne Reminiszenzen an Ronnie Lane‘s Slim Chance. (I Wanna Live My Dream In A) Record Machine beinhaltet das erste Gitarrensolo der Platte und erinnert auch sonst mehr an seine alte Band, als die Tracks zuvor. AKA… What A Life tanzt zwischen Gas Panic! und Falling Down – Songs, die auch im Oasis-Oevre einen Exotenstatus hatten. Mit Soldier Boys And Jesus Freaks verneigt sich Gallagher vor Ray Davies von den Kinks, die Musik erinnert in manchen Momenten an deren Dead End Street und auch die "Village greens" kommen im Text vor. Diese Anleihen haben nun auch schon eine fast 20-jährige Tradition und ziehen sich durch alle Oasis-Alben. Solange aus den Zitaten (wie in diesem Falle) ein feiner neuer Song wird, erfreuen wir uns daran – und wenn durch solche Umwege weitere Hörer das wunderbare Werk von The Kinks für sich entdecken, ist die Welt wieder ein Stückchen besser geworden.

Der Höhepunkt der zweiten Hälfte besteht in dem grandiosen AKA... Broken Arrow, bei dem Noel Gallagher alle seine Stärken als Songwriter mit einer beherzten Performance verbindet. Die beiden letzten Tracks (Stranded On) The Wrong Beach und Stop The Clocks lassen das Album auf gehobenem Niveau ausklingen. Clocks ist einer von den Songs, die bereits zu Oasis-Zeiten fertig waren und auch der Titelsong des Best-of-Albums von 2006. Es gibt auch hier wieder Momente, in denen man überlegt, wie dieser Track wohl mit Liam an den Leadvocals klingen würde. Der Eindruck, dass der Nummer etwas fehlen würde, entsteht jedoch nicht. Dazu hat Noel in den vorangegangenen 40 Minuten zu überzeugend unter Beweis gestellt, dass er die (nach Selbstauskunft eher ungeliebte) Rolle als Solokünstler mit Bravour ausfüllt.

Wertung: ++++  (von +++++)

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