Selah Sue (live auf dem Reeperbahn Festival-Freitag 2011)

Selah Sue (live auf dem Reeperbahn Festival-Freitag 2011) © Nina Schober

Mit fast 50 Locations und über 200 Künstlern ist das Reeperbahn Festival Deutschlands größtes Clubfestival. Neben den rund 17.000 Besuchern finden sich jedes Jahr auch zahlreiche Branchenvertreter im originellsten Viertel Deutschlands ein, um sich auszutauschen. Die besondere Atmosphäre St. Paulis und die einzigartigen Venues machen das Reeperbahn Festival zu einem Augen- und Ohrenschmaus für jeden Fan.

{image}Glaubt man den Überlieferungen vor Jahrhunderten untergegangener Zivilisationen, so geht es mit unserer schönen Erde in den nächsten zwölf Monaten zu Ende. Betrachtet man sich die Geschehnisse, die so manchen Festivalbesuch der letzten Monate geprägt haben, so erweisen sich diese antiken Spinner vielleicht gar nicht als so verrückt. Immerhin war der Sommer eigentlich Herbst, während Frühling und Herbst mit sommerlicher Attitüde daherkamen. Vielleicht lassen sich so auch die ungläubigen Blicke erklären, die so manches Gesicht auf dem diesjährigen Reeperbahn Festival zeichneten. Denn obwohl der Hohe Norden, insbesondere die alte Hansestadt Hamburg, gewöhnlich durch Weltuntergangswetter von sich reden macht, konnte man im späten September trockenen Hauptes den leichten Mädchen nachstarren.

-> Den Überblick über das Reeperbahn Festival 2011 findet ihr hier

Eine andere Erklärung wäre natürlich auch die Fassungslosigkeit angesichts solch eines außergewöhnlichen Events wie dem Reeperbahn Festival. Wieso der Besucher hier gerne zum Superlativ greift, lässt sich anhand einiger Fakten erläutern. Nicht weniger als 210 Acts aus den verschiedenen Bereichen der Kunst, natürlich vornehmlich der Musik, teilten sich die Bühnen und Venues von über 50 Locations. Wer jetzt schon angesichts dieser nackten Zahlen in Sprachlosigkeit verfällt, dem werden anlässlich seiner Nichtanwesenheit zweifellos die Tränen kommen, wenn sich noch einige Details dazugesellen.

{image}Die Reeperbahn ist nicht irgendeine Vergnügungsmeile in irgendeiner Stadt. Sie ist DIE Vergnügungsmeile, die alle anderen Vergnügungsmeilen gerne wären. Und der Stadtteil, der sie beheimatet, hat sie in sich aufgenommen und zu seinem Herzen gemacht. Während andere Städte die Auffanglager für Realitätsflüchtlinge in die Außenbezirke der Stadt, wahlweise in alte Industriegebiete, verlegen, lebt St. Pauli mit und auf der Reeperbahn. Hier haben Clubs, Bars und Konzerträume eine Heimat gefunden, wo sich früher geliebt, sich ausgezogen oder sich betrunken wurde. Genauso beeindruckend gestaltet sich das Interieur des Grünspan, des Indra, der Großen Freiheit 36, des Docks und all den anderen Venues, die das Reeperbahn Festival beherbergen.

Entsprechend schwer fällt es dem Besucher, sich zwischen den Konzerten und den Locations zu entscheiden. Da sowieso nur ein Bruchteil der Konzerte besucht werden kann, bietet es sich an, dem Puls dieses Viertels zu folgen und sich treiben zu lassen. Das beste Konzert lauert irgendwo da draußen, aber keiner weiß wo und wann. Es gilt also, sein Glück auf der ältesten Amüsiermeile der Welt zu versuchen. Folgte man einer der Hauptströmungen am Freitagabend, so gelangte man zu einem der zentralsten Clubs, dem Docks, direkt am Spielbudenplatz und damit am Herzen St. Paulis und dem Epizentrum des Festivals.

{image}Nach anfänglicher Flaute im Besucherraum fanden sich zu den letzten Klängen der Post-Punker Findus die ersten Fans der Emo-Helden The Get Up Kids ein. Während Findus nochmal alles gab und damit die bisher Anwesenden aus der Reserve lockte, konnte man anhand des Altersdurchschnitts schon erahnen, dass gleich die alte Garde aufpielen wird. Wie das so ist bei Jugendhelden schwingt bei der Vorfreude auch immer die Befürchtung mit, dass die Interpreten nur auf neue Songs aus dem Reportoir zurückgreifen werden. Diese Angst wurde aber schell aus dem Weg geräumt, als auf jeden neuen Song ein Klassiker folgte und in so manchem Gesicht der Glanz einer wiederauferstandenen Jugenderinnerung erstrahlte.

Dem sentimentalen Gesäusel machten daraufhin die Insulaner von Turbostaat ein Ende. Knallhart auf den Punkt gebrachter Punkrock, ergänzt durch eine einwandfreie Live-Performance sowie die zwar minimalistische, aber perfekt auf die Songs abgestimmte Lightshow zerwühlten Saal und Publikum. Durch diese mentale Ohrfeige wieder auf den Boden der Tatsachen geholt, entschwand ein Großteil des Publikums in die Nacht, um sich weiteren Konzerten oder anderen Lastern zu widmen. So mancher zog aber auch das traute Heim oder zumindest ein mietbares Äquivalent vor, wartete der Samstag doch mit einem ähnlich spektakulären Tagesprogramm auf wie der Freitag.

{image}Um das schon erwähnte Zentrum des Festivals herum präsentierten sich während der drei Tage zahlreiche Vertreter von Labels, Internetplattformen, verschiedenen Firmen und anderen Repräsentanten der mit Musik und Kunst arbeitenden Klasse. Dem schnöden Einerlei einer Musikmesse wurde aber durch die Veranstalter und die Teilnehmer ein Riegel vorgeschoben. So präsentierten sich Marken auf eine innovative Weise und ließen beispielsweise zwei DJs beim Silent DJ-Battle über die Kopfhörer der anwesenden Besucher gegeneinander antreten. Auf dem Spielbudenplatz wurden in einem Ska-Bus die Glieder wund gepogt und verschiedene Länder präsentierten ihre Künstler auf Showcases. Israel konnte so neben Italien, Dänemark, und Kanada die Besucher mit neuen Bands und Freibier begeistern. Das tägliche Highlight am Spielbudenplatz war aber zweifellos Ray's Reeperbahn Revue im Schmidt Theater. Hier stellte die MTV-Moderatorenlegende Ray Cokes eine Stunde lang seine Highlights des Festivals vor und ließ jeden davon auch mit einer kleinen Kostprobe zu Wort kommen.

Aber auch Fans von Kunst, Literatur und Film kamen auf ihre Kosten. Verschiedene Venues und die Häuserwände selbst wurden zu Galerien. Da diese Galerien aber ebenso wie das Festival selbst und alles Drumherum organisiert werden will, bot das Reeperbahn Festival den Besuchern auch die Möglichkeit, bei Workshops, Podiumsdiskussionen und anderen Projekten den eigenen Horizont und das eigene Können zu erweitern. Dass sich die Macher hier wirklich um diese Resorts kümmern und sie nicht nur als Beiwerk zum üblichen Tamtam betrachten, ließ sich schon an der Aufteilung des Festivals in die Bereiche Music, Campus und Arts beobachten.

{image}Gleiches galt auch für die Special-Nights, die einzelnen Labels Raum zur Selbstinszenierung boten. So konnte der geneigte Besucher bei der Spot On Denmark Night am Samstagabend vier aktuelle Bands aus der dänischen Musikszene begutachten. Unter anderem sorgten die Newcomer Treefight For Sunlight mit dem klarsten und höchsten Falsetto des Festivals für so manche Schrecksekunde bei allen Brillenträgern, Glashaltern und Spiegelbesitzern. Das Indra bot diesem Abend mit seiner Bühne, die durch den ersten Auftritt der Beatles vergoldet wurde, ein passendes Ambiente. Direkt nebenan im Grünspan schlug die multinationale Kombo Dear Reader etwas entspanntere Töne an und überzeugte in ebenso atemberaubendem Ambiente mit weichem, aber kraftvoll und innovativ gespieltem Indie. Dabei gehört für die Mitglieder das Beherrschen unzähliger Instrumente scheinbar ebenso zum guten Ton wie ein gepflegter Multilingualismus. Und so waren neben Pianos, Akkordeon, Violine, Trompete, Gitarre, Bass und vielen weiteren Instrumenten auch Schwedisch, Deutsch, Englisch und Afrikaans auf der Bühne zu hören.

{image}Nachdem dann The Duke Spirit wieder für etwas Ernüchterung gesorgt hatten und die noch gut gefüllten Räumlichkeiten mit ordentlichem Rock und attraktiver Frontfrau wieder in die harte Realität von St. Pauli zurückholten, gab es nur noch einen Weg: in die entlegenste Location, dem Knust. Hier versuchte sich zunächst MiMi – ein Sprössling Marius Müller-Westernhagens und stilistisch an der frühen Twiggy orientiert – auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Das einzige, was aber wirklich noch interessierte, war der Auftritt von Long Distance Calling. Die Münsteraner erfüllten dann auch sämtliche Erwartungen an ein druckvolles Post-Metal-Konzert und waren vom Publikum ebenso begeistert wie dieses von ihnen.

Überhaupt kann man das diesjährige Reeperbahn Festival nur als einen vollen Erfolg werten. Neben einem neuen Besucherrekord und einer Rekordanzahl an Bands darf sich das Event im Herzen von St. Pauli als das größte Clubfestival Deutschlands bezeichnen. Neben zahlreichen einzigartigen Konzerten haben die vielen Workshops, Diskussionen und andere Veranstaltungen im Bereich Organisation und Business dazu beigetragen, dass sich das Reeperbahn Festival als feste Größe für alle geworden ist, die sich mit Musik auf einer profesionellen Basis beschäftigen. Das einzige, was für ein wirklich perfektes Wochenende noch gefehlt hat, war ein Heimsieg im Millerntor.

-> Den Überblick über das Reeperbahn Festival 2011 findet ihr hier

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