Turbostaat (live beim Happiness 2011)

Turbostaat (live beim Happiness 2011) © Achim Casper

Mit perfektem Wetter konnte der zweite Tag des Highfield Festivals am Störmthaler See in Sachsen punkten. Allerdings stellte sich die Stimmung als ambivalent heraus, da das Line-Up in Teilen einem Flickenteppich ähnelte und auch einige Enttäuschungen mit dabei waren. Neben den Mighty Mighty Bosstones, Interpol und The Kooks standen 30 Seconds To Mars auf der Bühne – die Erwartungen erfüllen konnten jedoch gerade die großen Namen nicht.

{image}Der Sommer war nun richtig eingekehrt. Tausende Camper wollten im angrenzenden See einfach nur ins Wasser. Leider war bereits im Vorfeld nur jeweils für maximal 500 Personen das Baden gestattet worden, da der neu angelegte See noch nicht vollständig geflutet war. Aber die Veranstalter des Highfield Festivals reagierten auf den Ansturm von Bade- und Sonnenhungrigen, indem sie kurzerhand einen Shuttleverkehr zu nahegelegenen Seen organisierten. Die Meisten genossen erst einmal den wundervollen Sommertag beim Baden und Camping, sodass die Bands am Mittag und Nachmittag noch nicht mit der vollen Besucherzahl rechnen konnten. Da das Festivalgelände größtenteils vom Störmthaler See umrundet ist, der vollkommen neu aus einem Tagebau entstanden ist, gibt es dort kaum schattige Plätze und schon nach kurzer Zeit konnte man rundum sonnenverbrannte Menschen betrachten. Plätze unter Schirmen oder anderen schattenspendenden Lokalitäten waren kaum zu finden, überall sah man Leute, die vor der Hitze flüchten wollten.

{image}Der Einstieg am Nachmittag erwies sich jedoch gleich als Highlight, da mit Yellowcard eine Pop-Punk-Band auf der Nebenbühne stand, die verdientermaßen auch zu einer deutlich späteren Stunde auf der Hauptbühne hätte spielen können. Der stark tätowierte Sänger Ryan Key erfreut sich bereits in den USA einer größeren Bekanntheit und auch die gesamte Band zeigte, warum sie mit ihren schnellen und kraftvollen Songs und ihrem Alleinstellungsmerkmal, eines fast pausenlos zum Einsatz kommenden Violinisten, zu einem würdigen Vertreter ihres Genres gehören. Bei Liedern wie Lights And Sounds, Way Away und Light Up The Sky war somit bereits am frühen Nachmittag für einen beachtenswerten Publikumsaufmarsch gesorgt. Nicht zuletzt war hierfür auch das stimmungsfördernde Auftreten der Band verantwortlich, die die Zuschauer bei Let Her Go zum headbangen brachte und mit der Aussage punktete, "the more you drink, the better we sound". Bei ihrem größten Hit Ocean Avenue sang schließlich das ganze Publikum mit.

{image}Auf der Blue Stage folgte die christliche Metalcore-Band Underoath, die alles andere als christlich auftrat. Doch hier wollte der Funke nicht so recht überspringen und auch das Publikum war deutlich spärlicher als zuvor. Am Einsatz des Sängers Spencer, der durchgehend auf der Bühne mit seinen Dreads sichtlich alles gab, in die Luft spuckte und sich am Boden krümmte, kann es kaum gelegen haben. Songs wie Vacant Mouth, It's Dangerous Business Walking Out Your Front Door und In Division fruchteten eher bei eingefleischten Fans, trotz allem sprach die verströmte Energie für den Auftritt der Band aus Florida.

Das komplette Kontrastprogramm gab es zeitgleich auf der Green Stage, wo die White Lies mit Alternative Rock viele Menschen anlockten, aber – ebenfalls im Gegensatz zu Underoath – es an emotionaler Ausdruckskraft mangeln ließen. Ihre kühlen Sounds und schwermütigen Texte erinnern an die Dark Wave-Pioniere von Joy Division. Bigger Than Us aus dem Album Ritual war auf jeden Fall der Song, der wohl am besten beim Publikum ankam, das sonst etwas schwer in Stimmung kam. Schon jetzt war klar, dass die meisten in den ersten Reihen der Bühne bereits auf den Headliner des Abends warteten. Allerdings hieß es bis dahin noch einige Stunden warten.

{image}Wieder zurück auf der Blue Stage freute sich die Punkrock Band Turbostaat darüber, dass sich ihre jahrelange aktive Festivalarbeit bezahlt machte und sie hier eine so große Bühne erhielten. Politische Texte verbunden mit einem angedeuteten Sprechgesang sind ihr Metier, dass jedoch immer das gewisse Etwas und insbesondere eingängige Refrains vermissen lässt. Songtitel wie Das Island Manöver, Prima Wetter und Fünfwürstchengriff zeugen von Kreativität und Unangepasstheit und das ist auch, was die fünf Husumer auf der Bühne ausmacht.

Ein Blick auf die Hauptbühne zeigte jedoch wiederum, dass der Samstag sich durch ständige Stimmungswechsel auszeichnete, die dem ein oder anderen auf das Gemüt schlugen. Nach White Lies standen nämlich die Indie-Rocker von The National und schließlich Interpol auf der Bühne. Ruhige Songs wie Afraid of Everyone oder Friend Of Mine konnten im Publikum keine wirklich enthusiastische Stimmung erzeugen.

{image}Wieder zurück auf der Blue Stage zeigten Face To Face wie man Zuschauer wirklich begeistert. Bei You've Done Nothing, Walk The Walk, I Won't Lie Down und All For Nothing ging die Menge ab und wollte gleich gar nicht mehr aufhören, was nicht verwunderlich ist, da man sie länger nicht auf deutschen Bühnen sah. Der Einsatz des Publikums verleitete Sänger Trever zu dem Kompliment "you are a bunch of sucking pirates".

Noch erfreulicher zeigte sich der Auftritt von The Mighty Mighty Bosstones, denn diese schafften es wirklich jeden mit treibenden Skapunk-Rhythmen zum Tanzen zu bringen. Selbst ungelenk anmutende Menschen bewegten sich plötzlich wie choreografiert. Sie sahen acht Frack-Träger vor sich, von denen einer alleine als Vortänzer fungierte und die den Auftritt unter das Motto setzten "fuck it, I'm gonna dance like a fucking idiot". Fast ohne Unterbrechung wurden tanzbare Rhythmen mit Songs wie The Old School Off The Bright, Nah Nah Nah Nah Nah (perfekt zum mitsingen) und All Things Considered angestimmt. Leider stand So Sad To Say nicht auf dem Programm. Den blasphemischen Abschluss gab es mit der Zugabe Hope I Never Lose My Wallet.

{image}The Kooks hatten zeitgleich dem Publikum vor der Hauptbühne wieder etwas Blut eingeflößt und so kam es bei ihren bekannten Songs She Moves In Her Own Way, Shine On und Always Where I Need To Be auch wieder zu ausgelassener Freude. So hatte man bei den Indie-Rockern auch erstmals wieder im vorderen Bereich der Bühne das Gefühl, dass die Stimmung besser wurde. Es wurde gesprungen, mitgesungen und geklatscht.

Der große Headliner des Abends und das erklärte, vierzigjährige Sexsymbol Jaret Leto mit seiner Band 30 Seconds To Mars waren jedoch die größte Enttäuschung des gesamten Festivals. Eine Viertelstunde zu spät betraten sie die aufwendig ausstaffierte Hauptbühne nach Mitternacht und schon der erste Anblick des in einer Art Mönchskutte gewandeten Leto ließ Ernüchterung einkehren und es zeigte sich, dass die kommenden 83 Minuten (die Band verließ die Bühne bereits sieben Minuten vor dem vorgegebenen Schluss) fast einzig und alleine dem Showaspekt gewidmet werden sollten. Die Bühnenausstattung, zwei turmhohe Extra-Leinwände für Videoeinblendungen, Konfettiregen und Riesenbälle konnten nicht im geringsten darüber hinwegtäuschen, dass die musikalische Darbietung alles andere als perfekt war und die Stimmung eher von kreischenden Mädchen aufrechterhalten wurde.

{image}Wer zu diesem Auftritt kam, um sich vor allem an den Songs der Band zu erfreuen, wurde enttäuscht. Alle anderen wurden mit einer beeindruckenden Lichtshow gut unterhalten. Auf der Setlist standen Songs wie This is War, Hurricane und Search and Destroy (bei letzterem wurden die Lyrics auf den Bildschirmen vorgegeben). Die beste Stimmung kam jedoch während des Hits Closer to the Edge auf. Viel Zeit wurde dafür genutzt, ein paar Fans der Band auf die Bühne zu holen, um mit ihnen gemeinsam den Song Kings and Queens zu singen. So waren zumindest die Fans, die auf die Bühne durften, glücklich, bei den Meisten dürfte sich jedoch an diesem Tag Ernüchterung eingestellt haben.

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