John Cale (live in Mainz 2011)
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John Cale (live in Mainz 2011) Foto: Jan Wölfer © regioactive.de

Mit einem kurzen, aber leidenschaftlichen Auftritt treibt der walisische Songwriter und Multiinstrumentalist John Cale seine Fans im Frankfurter Hof in Mainz zu Begeisterungsstürmen.

Das struppig weiße Haar und seine funkelnden Augen verraten es: John Cale hat sich seine Radikalität bis ins Alter von fast 70 Jahren bewahrt. Wie viele Ikonen der 1960er erweist er sich als Persönlichkeit, die es durch seine pure künstlerische Vision schafft, sich im kurzlebigen Musikgeschäft zu behaupten.

So auch bei seinem Auftritt in Mainz: Unterstützt von seiner Band, lediglich bestehend aus Schlagzeuger Jerome Michael und Gitarrist Dustin Boyer, überwältigt er das Publikum im gut gefüllten Frankfurter Hof mit einem harten und direkten Rocksound.

Kontrolliert laut

Aggressiv, laut, manchmal sogar schneidend, erklingen Schlagzeug und Gitarre aus den Boxen, aber dennoch bleibt der Sound stets kontrolliert und verrät dadurch nicht wilden Wahn, sondern entschlossene Kompromisslosigkeit.

Warum der Platz von Bassist Josh Schwartz frei bleibt, konnte indes nicht geklärt werden. Fest steht jedoch, dass Cale und Band aus seinem Fehlen eine Tugend machten – vermisst hat man ihn aufgrund des enorm kraftvollen und dynamischen Bandsounds jedenfalls nicht.

Direkt und schnörkellos

Bereits das eröffnende "Endless Plain Of Fortune" (von "Paris 1919"), signalisiert die entwaffnende Direktheit, unter deren Motto der Abend stehen sollte. Schnörkellos inszeniert Cale auch "Chinese Envoy" und "Darling I Need You" an den Keyboards, wenngleich sich etwas Routine in diese Performances einschleicht.

Die verfliegt vollkommen mit "Heartbreak Hotel", das gewohnt düster gespielt wird. Nach dem wie immer beeindruckenden "Style It Takes" wechselt Cale zur akustischen Gitarre, die im Wesentlichen für die Rhythmusbegleitung sorgt.

Klassiker und Überraschungen

Die größte Überraschung des Abends sind die gelungenen Neuarrangments von "Set Me Free" und "Dancing Undercover", beide vom allgemein wenig geschätzten 1996er Album "Walking On Locusts", die sich als kleine melodische Perlen erweisen. Die beiden neuen Lieder "Whaddya Mean By That?" und "Catastrofuk" fügen sich nahtlos in die Musik ein, während "Sold Motel" von Cales letztem Album "Black Acetate" etwas blass wirkt.

Ganz besonders fällt es im Vergleich zu den Klassikern aus der "Island"-Phase Mitte der 1970er ab, deren Songs im Mittelpunkt des Konzerts stehen. Es zeigt sich, dass "The Ballad Of Cable Hogue", "Ship Of Fools" und "Dirty Ass Rock'n'Roll" auch wegen der präzisen Arrangements nichts von ihrer Eindrücklichkeit eingebüßt haben. Der Höhepunkt des Auftritts ist zugleich der Abschluss. Der Übergang zwischen "Gun" und "Pablo Picasso" benutzt John Cale für einen ausgedehnten Jam, der nichts von der Selbstverliebtheit offenbart, die man in solchen Momenten häufig antrifft.

Mit Kusshand

Das Publikum bejubelt Cales Auftritt euphorisch, wohl selbst etwas überrascht von der Brillanz des Konzertes, das der Waliser in beeindruckender Form absolviert. Sein Gesang ist klar, sicher und dynamisch. Stets vermag er sich gegen die laute Begleitung zu behaupten. Die hervorragende Abmischung im Saal des Frankfurter Hofes trägt zudem dazu bei, die richtige Balance zwischen den Musikern zu wahren.

Als das Konzert nach lediglich 80 Minuten vorüber ist, reagieren die Zuschauer nicht mit Pfiffen oder Buh-Rufen. John Cale lächelt zufrieden ob des Jubels, bedankt sich und verabschiedet sich mit einer Kusshand ins Publikum. Wann hat man so etwas schon einmal erlebt?

Setlist

Endless Plain Of Fortune / Chinese Envoy / Darling I Need You / Heartbreak Hotel / Style It Takes / Set Me Free / Things / Sold Motel / Whaddya Mean By That? / The Ballad Of Cable Hogue / Ship Of Fools / Dancing Undercover / Catastrofuk / Gun / Pablo Picasso // Dirty Ass Rock'n'Roll

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