Staubkind (live auf dem Amphi Festival, 2011 Samstag)

Staubkind (live auf dem Amphi Festival, 2011 Samstag) © Thomas Galambos

Inzwischen fest etabliert in der Gothic-Szene, war das Amphi-Festival auch diesmal wieder Wochen im Voraus ausverkauft: 16.000 Menschen hatten sich den Zugang zur siebten Auflage gesichert. Als Headliner traten am Samstag Deine Lakeien und am Sonntag Subway to Sally, Covenant und Nitzer Ebb auf.

{image}Samstag, den 16. Juli 2011 öffnen sich pünktlich um 10 Uhr die Pforten für die wartenden Besucher. Die einen kommen, um sich die vielen, tollen Bands aus abwechslungsreichen Genres (Wave, Gothic-Rock, mittelalterliche Klänge, Elektro-Folk) anzusehen und -hören, die anderen kommen, um Freunde zu treffen – wie immer beim Amphi Festival. Wie sollte es auch anders sein in Köln, der Hochburg des Karneval? Neben dieser 5. Jahreszeit hat sich nämlich inzwischen die 6. Jahreszeit in Köln etabliert, denn die Outfits der Besucher stehen in Vielfalt und Aufwändigkeit dem Karneval in Nichts nach. Ganz nach dem Motto: sehen und gesehen werden. Am frühen Mittag legen Staubkind, eine Berliner Band, die im Frühjahr 2004 gegründet wurde und guten Rock mit ehrlichen, deutschen Texten verbindet, openair auf der Hauptbühne los. Sänger und Gitarrist Louis Manke, Gitarrist Rico Meerheim, Bassist Sebastian Scheibe und Drummer Friedemann Mäthger, das sind Staubkind. Sie spielen ältere Songs, die die Fans begeistert mitsingen lassen, darunter viel mehr und halt mich. Aber sie stellen als Premiere auch zwei Songs des neuen, dritten Albums vor.

{image}Um 13.50 Uhr wird Melotron auf der Mainstage erwartet. Doch die Überraschung ist groß, als Alexx Wesselsky, Sänger der Band Eisbrecher, ein paar Minuten zuvor auf die Bühne springt. Wie immer hat er kesse Sprüche auf den Lippen, erheitert das Publikum und kündigt an, dass er mit Eisbrecher 2012 wieder dabei sein wird. Als später Zeraphine die Mainstage betreten, zieht sich der Himmel immer weiter zu. Zur späten Mittagsstunde wird es fast dunkel. Der Sänger Sven Friedrich kündigt mit Blick gen Himmel an, sie hätten bisher wenig Glück mit der diesjährigen Openair-Saison gehabt, doch für heute habe er die Regensongs schon alle gesungen, jetzt könne das Wetter nur noch gut werden. Die Klassiker Nie mehr allein, Rain falls, Ohne Dich und Die Wirklichkeit fehlen natürlich nicht. Es ist eine Zeitreise durch die Alben, mit denen die Band seit ihrer Gründung 2002 ihre Fans begeistert – von Kalte Sonne bis Whiteout.

{image}Auf der Mainstage spielen nun Samsas Traum. Die Band wurde 1996 von Alexander Kaschte gegründet. So harmlos der Bandname auch erscheint, dahinter verbirgt sich eine erwähnenswerte Geschichte: Gregor Samsa, eine der Hauptpersonen in Franz Kafkas "Verwandlung", wacht eines Morgens auf und findet sich in ein Ungeziefer verwandelt auf seinem Bett wieder. Nun stellt sich Alexander Kaschte die Frage, was Gregor Samsa wohl geträumt haben mag, das eine solche Reaktion hervorruft. Es müssen verworrene, skurrile Träume sein, was sich in den Texten niederschlägt. Die eigenen Fans wollen Samsas Traum jedoch mit guten Gedanken in die nächtliche Traumwelt entlassen: Alexander nimmt ein Band-Shirt zur Hand, kontrolliert die Größe und fragt seine jubelnd hoffenden Fans, welches Mädel mit der Größe S das Shirt fangen möchte. Später hat er noch ein XL-Herren-Shirt zu verschenken.

{image}Pünktlich um 17.25 Uhr betreten Tanzwut die Hauptbühne. Die Mitglieder Teufel (Gesang, Dudelsack, Trumscheit), Der Zwilling (E-Bass und Marktsackpfeife), Shumon (Drums), Ardor (Marktsackpfeife und Schalmei), Thrymr (Marktsackpfeife und Schalmei) und Jagbird (Keyboard und E-Drums) spielen – wie könnte es aufgrund der mittelalterlichen Instrumente auch anders sein? – Mittelalterrock. Der Name leitet sich von "Epilepsia saltatoria" ab, der sogenannten Tanzkrankheit, auch Tanzwut genannt, deren Ursachen nicht restlos geklärt worden sind. Die Band heizt richtig ein, die Fans sind begeistert und singen lauthals mit, als Klassiker wie Labyrinth der Sinne, Wir sind das Meer, Lügner, Bitte lass mich Dein Sklave sein oder Wie ein Vulkan und Schattenreiter erklingen. Teufel kündigt zudem das neue Album Weiße Nächte an, das am 16.09.2011 erscheint. Deine Lakaien mit dem charismatischen Sänger Alexander Veljanov beenden den Samstag Abend mit Titeln von ihrem neuen Album Indicator.

{image}Zwischen den Auftritten der einzelnen Bands gehen wir immer wieder eine Runde über das Festival-Gelände, sprechen mit den Besuchern und bewundern die Mühen und den Aufwand, den viele Gäste in ihre Aufmachung investiert haben. Welchen Einfallsreichtum sie mit zum Teil auch mit einfachen Mitteln umgesetzt haben. Zwei Mädels aus Ludwigshafen und Kaiserslautern gehen seit fünf Jahren zum Amphi Festival. Sie haben noch nie eines ihrer aufwendigen Kleider zweimal getragen, erzählen sie. Ein anderer Festivalbesucher fällt besonders durch seine 50cm hohen Stelzen auf. Auf Nachfrage erklärt er, dass er jedes Jahr extra aus Nürnberg angereist käme. Durch seinen Job in einem Club habe er die Möglichkeit, alle Festivals in Deutschland zu besuchen. Normalerweise schläft er in seinem Auto, doch das wird heute in einer anderen Stadt gebraucht. Wo er die nächste Nacht verbringen wird wisse er noch nicht, zur Not würde er durchmachen, denn am Montag habe er frei, erklärt er grinsend.

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Große Begeisterung herrscht wegen der Erweiterung im Staatenhaus: die Gastronomie bietet weitere ca. 700 Sitzplätze an, es gibt mehr Merchandise-Stände und eine Bildergalerie zum Thema Gothic. Natürlich fehlt auch ein Bereich für die Autogrammstunden der Bands nicht. Nicht zu vergessen die große Bar mit Strand und Chillbereich am Rhein.

{image}Sonntags geht es ab 13.50 Uhr auf der Mainstage mit Dreadful Shadows weiter. Die Überraschung ist gelungen, als Sven Friedrich wieder auf die Bühne springt. Jetzt haben die Zuschauer eine Erklärung für seinen Abschiedssatz am Vorabend: "Bis morgen, Leute!", als er sich mit seiner Band Zeraphine verabschiedet hatte. Der Nachmittag zieht voller Spannung und Vorfreude zur Theaterstage, um an der Lesung "Das weiße Buch des Jadefalken" teilzunehmen. Holly Loose (Rainer Stefan), Frontmann der Band Letzte Instanz, inszeniert das Event mit seinen Kollegen Benni Cellini und Karl Helbig als musikalische Lesung. Es geht um die Liebe zwischen einer Deutschen und einem Türken Anfang der 50er Jahre, inklusive der typischen Differenzen in einer solchen Beziehung: Religionen, Rolle von Mann und Frau, Verständnis der Mitmenschen. Die Geschichte wird aus Sicht der Frau erzählt. Am ersten Hochzeitstag schenkt der Ehemann, dessen türkischer Name übersetzt "Jadefalke" heißt, seiner Frau ein Buch mit leeren Seiten. Darin möge sie Schönes, Schlechtes, Wünsche und Erinnerungen notieren. Als der Mann nach über 30 Ehejahren stirbt, sitzt seine Frau draußen vor der Haustür auf der alten Holzbank und blättert nachdenklich in den leeren Seiten des Buches und denkt zurück an ihr gemeinsames Leben. Manche Textstücke werden von Cello und Saxophon untermalt, es gibt Liedpassagen und Sprechgesang. Insgesamt ein gelungener Vortrag, hoch interessant vertont. Durch kleine, feine ironische Einlagen und Gesten von Holly Loose fehlt auch der Humor nicht. Der blaugrüne Nebel, der permanent sanft über der Bühne schwebt, gibt der Stunde etwas geheimnisvolles und mystisches.

{image}Saltatio Mortis auf der Mainstage reißen von den tiefen Gedanken los und ihre Fans mit, die lautstark vor der Bühne mitfeiern und mitsingen. Sie stellen ihr neues Album Wer tanzt, stirbt nicht vor. In teilweise neuer Besetzung spielt die Band mit modernen und mittelalterlichen Instrumenten rockige Songs, fein abgemischt mit arabisch-mittelalterlich klingenden Tönen. Angesagt vom Sänger der Band Eisbrecher springen um 20.35 Uhr die Mannen von Subway to Sally auf die Hauptbühne des Geländes. Energiegeladen und mit viel Feuerwerk, wofür die Jungs bei ihren Fans bekannt sind, rocken sie mit Henkersbraut gleich los. Es folgt Feuerland und Knochenschiff. Bei Kleine Schwester und Maria singt die Menge vor der Bühne ebenso begeistert mit wie bei Sieben und Kleid aus Rosen, Julia und die Räuber sowie Liebeszauber. Subway to Sally begeistern die Zuschauer mit allen Klassikern der letzten Jahre, wie immer untermalt mit viel Feuerzauber und einer gelungenen Lightshow. Genial auch ihr Einsatz der original mittelalterlichen Instrumente und die zum Thema passenden Klamotten. Um eine Zugabe kommen sie bei diesem Konzert nicht herum.

{image}Am späten Sonntagabend ging ein wundervolles Wochenende mit abwechslungsreicher Musik aus der Gothic- und Wave-Szene zu Ende, bei dem alle Fans auf ihre Kosten kamen und sich gemeinsam auf das Amphi Festival 2012 freuen. Am 21. und 22.07. werden sich dafür die Pforten des Kölner Tanzbrunnens öffnen. Angekündigt sind bereits die Sisters of Mercy, Camouflage, DAF, Mono Inc., Corvus Borax, Coppelius, Haujobb, Seabound, Tyske Ludder und Whipers in the Shadow. Am späten Nachmittag hatten wir auch die Gelegenheit, kurz mit Alexx Wesselsky (Sänger der Band Eisbrecher) zu sprechen. Er bestätigte, dass seine Band als weiterer Headliner für 2012 festgemacht wurde.

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