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© The Kinks

Die Wiederveröffentlichung dreier klassischer Kinks-Alben aus ihren "goldenen Jahren" zwischen 1966 und 1969 als liebevoll gestaltete 2-CD Deluxe-Editionen bietet alten und neuen Fans die Möglichkeit, das Werk der Band um Songwriter Ray Davies zu entdecken, das demjenigen anderer Größen der 1960er wie den Beatles oder der Rolling Stones in keiner Weise nachsteht. Teil 1 der Rezension behandelt "Face To Face" (1966) und "Something Else" (1967).

Es überrascht noch heute, wie rapide sich in den 1960ern die Popmusik veränderte, ja wie sehr Veränderung von zahlreichen Musikern zum Ziel erklärt wurde. Der Wille zum Abschied von überkommenen Strukturen zeigte sich im Drang zum Experiment, im Ausloten musikalischer Grenzen und in gezielten Grenzüberschreitungen. "Was gestern galt, gilt heute nicht mehr", schien das Motto zu sein. So sehr wie die Musik der 1960er die Welt verändern wollte (und tatsächlich gesellschaftlichen Wandel über die ganze Welt verbreitete), war sie gleichzeitig Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen, die auch die beteiligten Musiker nicht unberührt ließen. Im Gegenteil, die hauptsächlich jungen Männer waren plötzlich einer medialen Aufmerksamkeit ausgesetzt, auf die sie nicht vorbereitet sein konnten.

Das betraf auch die Kinks, von denen hier die Rede sein soll. Die aus Muswell Hill, einem Vorort von London, stammende Band um ihren hauptsächlichen Songwriter Ray Davies spielte im Prozess der Herausbildung moderner Popmusik eine wichtige Rolle. 1965 veröffentlichten die Kinks eine der maßgeblichen Singles der 1960er, "You Really Got Me". Das Lied übte mit seinem harten Klang und dem charakteristischen verzerrten Gitarren-Riff großen Einfluss auf die Musik der folgenden Jahrzehnte aus, manche betrachten es sogar als Geburtsstunde von Hardrock und Heavy Metal. 

Analog zu anderen 1960er Bands wie den Beatles oder den Rolling Stones erweiterten die Kinks aber nach kurzer Zeit ihren Rhythm'n'Blues-lastigen Sound und wandten sich sozialen Themen und Charakterstudien zu, die sich in ihrer Musik bislang nicht gefunden hatten. Die Entwicklung des Albums zur dominanten musikalischen Kunstform übte ebenfalls einen beträchtlichen Einfluss auf die Kinks aus. Fanden sich diese Veränderungen anfangs nur in einzelnen Singles, so erwuchs in Ray Davies mit dem Fortschreiten der 1960er zunehmend der Entschluss, ein Album als mehr zu betrachten, als eine Ansammlung von Liedern. Damit stellte er sich gegen seine Plattenfirma Pye, die vor allem an Hit-Singles interessiert war.

Von einem ausgewachsenen Konzept kann auf dem vierten Kinks-Album, Face To Face, noch nicht die Rede sein. "Face To Face" verknüpft jugendliche Boy-meets-Girl-Geschichten ohne besonderen Tiefgang ("Little Miss Queen Of Darkness", "Fancy") mit persönlichen Betrachtungen – wie "Rosy Won’t You Please Come Home", in dem Ray Davies seine nach Australien ausgewanderte Schwester anfleht, nach England zurückzukehren – und das selbsterklärende "Too Much On My Mind". Beherrscht wird "Face To Face" allerdings von einem Thema, das sich bei Ray Davies in der Folgezeit häufig finden wird, nämlich seine Verachtung für die britische Oberschicht, die er mit bissig-ironischen Charakterstudien satirisiert, z. B. "Dandy", "House In The Country", "Most Exclusive Residence For Sale" und "Sunny Afternoon" – der beste Song des Albums und dessen größter Hit.

Die Quelle der Verachtung offenbart einer der Bonus-Tracks, die Single "Dead End Street", in der Ray Davies seiner Wut über die bedrängten Lebensverhältnisse der englischen Arbeiterklasse freien Lauf lässt. Das von Klassen dominierte Weltbild von Davies zieht sich wie ein roter Faden durch sein musikalisches Werk. "Face To Face" ist aber von einem jugendlich-verspielten Ton geprägt, die der Satire manche Schärfe nimmt. Die leicht schwankende Qualität des Materials charakterisiert "Face To Face" als sehr gutes, aber nicht als überragendes Album.

Wie alle Deluxe-Editionen enthält die Wiederveröffentlichung von Face To Face sowohl den Mono als auch den Stereo-Mix des Albums. Der niedrigere Lebensstandard in Großbritannien im Vergleich zu den USA, wo mono im Jahr 1967 bei Albenproduktionen rapide gegenüber stereo Boden verloren hatte, sorgte dafür, dass alle Kinks-Alben einschließlich "Arthur" (1969) in mono erschienen. Man ging davon aus, dass die jungendlichen Käufer der Musik sowieso nicht über Stereo-Abspielgeräte verfügten, was wohl durchaus zutreffend war.

Obwohl die Unterschiede zwischen stereo und mono nicht dramatisch sind, macht es Spaß die verschiedenen Versionen im Vergleich zu hören. Die Deluxe-Editionen enthalten weiterhin eine Auswahl an alternativen Abmischungen und Aufnahmen für die BBC. Bedeutsam sind vor allem die Singles und B-Seiten, die aufgrund damaliger Gepflogenheiten nicht auf dem originalen Album vertreten waren. Im Fall von Face To Face handelt es sich beispielsweise um die erwähnte Single "Dead End Street" und dessen B-Seite "Big Black Smoke". Darüber hinaus erweist sich diese Deluxe-Edition aber als einigermaßen unergiebig.

Schon die ersten Takte des Openers des Nachfolgewerks "Something Else" verdeutlichen, dass es sich hier um ein kohärenteres und gleichzeitig entschlosseneres Album handelt. Das rockige David Watts beginnt mit einer Dringlichkeit, die "Face To Face" vermissen ließ. Inhaltlich führt es in vielerlei Hinsicht die Charakterstudien des Vorgängers fort, bedient sich dabei einer weitaus größeren musikalischen Bandbreite und einer ausgefeilten Instrumentierung (beispielsweise mit Cembalo, Streichern, Orgel und Blasinstrumenten).

Die Rolle des Produzenten übernahm nicht der langjährige Verantwortliche Shel Talmy, sondern Ray Davies selbst. Und er verstand es, seine Songs zu inszenieren: Der Marsch-Rhythmus von Harry Rag, das psychedelisch angehauchte "Lazy Old Sun", die Music Hall-Elemente von "Tin Soldier Man" und "Afternoon Tee", die verhuschte Ballade "Two Sisters" und vor allem das durch pure Schönheit bestechende "Waterloo Sunset" signalisieren den endgültigen Durchbruch von Ray Davies als einer der wichtigsten Songwriter seiner Generation.

Darüber hinaus offenbarte Rays Bruder Dave Davies mit seinem Top-5 Hit "Death Of A Clown", dem sexuell aufgeladenen R'n'B von "Love Me Till The Sun Shines" und der nicht minder mitreißenden Single "Susannah’s Still Alive" seinen Hang zu überbordender Euphorik. Insgesamt ist Something Else dennoch ein reiferes, ernsthafteres Werk als "Face To Face". Es ist trotz des stürmischen Auftakts weniger von jugendlichem Überschwang motiviert, sondern oft ausgesprochen melancholisch – eine Stimmung, die Ray Davies auf dem Folgewerk noch intensiver erforschen sollte.

Die Deluxe-Edition ergänzt die Mono- und Stereo-Ausgaben von "Something Else" um eine Handvoll Singles, darunter das gewohnt ironische "Mr. Pleasant" und das elaboriert arrangierte "Autumn Almanac". Darüber hinaus enthält sie signifikant unterschiedliche Abmischungen einiger Songs sowie neun hörenswerte BBC-Aufnahmen in allerdings nur ordentlicher Klangqualität (wie man es von der BBC gewohnt ist).

Die von Andrew Sandoval abgemischten Deluxe Editionen bieten die erhoffte umfassende Behandlung des Pye-Katalogs der Kinks einschließlich ausführlicher Linernotes. Im Vergleich zu den gängigen 1998er/2004er Einzel-CDs sind die neuen Doppel-CDs klangtechnisch ein deutlicher Fortschritt. Die Musik besitzt wesentlich mehr Bass und klingt dadurch wärmer und voller, außerdem wurden die zu starken Höhen auf den älteren Ausgaben auf ein angemessenes Maß zurückgefahren. Die Kinks-Alben der 1960er sind aber generell keine klanglichen Wunderwerke – zu begrenzt waren die technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit. Die Musik aber begeistert noch heute durch ihre Vielfalt, Ausdrucksstärke und Lebendigkeit.

Wertungen:

Face To Face (Deluxe Edition) ++++

Something Else (Deluxe Edition) ++++½

 

weiterlesen: → Teil 2 behandelt Village Green und Arthur

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