Christian Bethge

Christian Bethge © Carolin Breckle

2010 wurde zum ersten Mal der Mannheimer Brückenaward veranstaltet, am 6. August gibt es die Fortsetzung. Sechs Bands werden unter der Eisenbahnbrücke bei freiem Eintritt, kostenloser Verpflegung und jeder Menge Freibier auftreten. Schon letztes Jahr haben wir mit den Veranstaltern Martin Junkers, Christian Bethge und Joachim von Hunnius ein Interview geführt, diesmal stellte sich Christian Bethge alleine unseren Fragen zum Konzept, zu beiden Veranstaltungen und zur Mannheimer Szene.


{image}Seid ihr immer noch das Dreier-Team, oder hat sich in der Stammorganisation etwas verändert?
Christian Bethge: Die Zusammenarbeit mit Sebastian Kranz hat sich intensiviert. Wir haben jetzt jemanden im Boot, der die ganze Homepage gestaltet, sich um Webbanner kümmert, aber ansonsten sind wir Drei das Kernteam.
Wie kam es zu dieser Verstärkung?
Christian: Sebastian ist ein guter Freund von Martin, sie kennen sich schon sehr lange. Er ist ziemlich fit in der Materie und hat uns innerhalb von wenigen Tagen massiv unter die Arme gegriffen, gerade wenn es um die Webpräsenz geht. Das hat uns noch gefehlt. Wir haben eine Plakatwelle, Flyer, eine Facebook-Präsenz und einen kleinen Banner bei regioactive.de. Unser Plan war eben auch, die Arbeit im Internet zu intensivieren, das haben wir mit Sebastian wirklich toll gelöst.

{image}Kleiner Rückblick: Wart ihr mit der ersten Ausgabe zufrieden, war der Zuspruch so, wie ihr es euch erhofft hattet?

Christian: Der Zuspruch war noch wesentlich besser, als wir ihn uns ursprünglich vorgestellt hatten! Wir wollten mit relativ wenig Verlust aus der ganzen Kiste raus kommen, aber letztendlich haben wir über die freiwilligen Spenden eine überraschend hohe Summe generiert. So hoch, dass wir sogar etwas abgeben konnten, das war ein Betrag von ca. 400 Euro. Wir haben Freibier ausgeschenkt, Salate und Kuchen usw. angeboten, alles für umsonst – das kam bei den Leuten so gut an, dass sie gerne etwas gespendet haben. Letztendlich war es ein Betrag, der nahe an die 900 Euro ging. Bei einer Gästezahl von schätzungsweise 450 Leuten ist das wirklich ordentlich. Wir verlangen es von niemandem ab, es wird auch dieses Jahr wieder so laufen und es wäre natürlich toll, wenn die Leute die Idee erkennen und erneut bereit sind, etwas zu spenden. Unabhängig davon ist es uns wichtig, der Szene in Mannheim weiterhin eine solide Plattform zu bieten.

An wen habt ihr denn gespendet und wieso habt ihr euch nicht überlegt, die Mehreinnahmen zu behalten, um problemlos eine zweite Veranstaltung auf die Beine stellen zu können?

Christian: Wir waren relativ erwartungslos! Wir wollten das Ding ursprünglich einfach nur zu Ende bringen und schauen, ob wir überhaupt einen Gewinn haben bzw. wie hoch unser Verlust ist (lacht). Als dann ersteres der Fall war, waren wir uns über den weiteren Verlauf klar: wir werden etwas Gutes tun und Spenden. Es war ja schon am Anfang der Planung nicht auf Gewinn ausgelegt. Im Endeffekt wurden die 400€ nach Pakistan an die Opfer der letztjährigen Flutkatastrophe gespendet.

Letztes Jahr habt ihr mit Sebastian Dresel, dem ehemaligen Beauftragten für Popkultur, zusammengearbeitet. Diese Stelle wurde mit Beril Yilmam neu besetzt und erhielt neue Schwerpunkte. Wie lief mit ihr die Zusammenarbeit bisher?

Christian: Durch die Neubesetzung waren die Kommunikationswege zeitweise etwas zäh, aber das ist ja verständlich. Jedenfalls haben wir uns vor ein paar Tagen mit ihr getroffen, das Gespräch war wirklich gut und die Kommunikation läuft derzeit tadellos. Wir bekommen die gleiche Förderung wie letztes Jahr und wir sind im Großen und Ganzen zufrieden, natürlich würden wir uns über etwas mehr schon freuen. Ich kann mir vorstellen, dass die Einzelförderung solcher Projekte dort teilweise kritisch betrachtet wird, halte es aber für absolut notwendig. (→ Alles zur neuen Beauftragten für Musik- und Popkultur Beril Yilmam in unserem Interview)

Habt ihr, abgesehen von der Stadt, noch von anderen Unterstützung bekommen?

Christian: Wir haben sehr viel Unterstützung in der Szene gefunden: Es beginnt bei den Bands und Musikern, die bereit sind, für eine sehr geringe Gage zu spielen. Natürlich ist es für uns als Veranstalter ein heikles Thema, denn wir wollen eigentlich jede Band ordentlich bezahlen, wenn es denn nur irgendwie ginge. Schließlich liefern die etwas ab und dass sie mit so wenig nach Hause fahren müssen ist ziemlich schade, aber leider lässt sich das bisher nicht anders lösen. Für die Tontechnik und Bühne haben wir mit Lite-Tech in Mannheim einen guten Partner gefunden, der uns unter die Arme greift. Das Licht wird auch dieses Jahr von Felix Stanyak betreut und für den Sound wird Markus Brinzer zuständig sein. Grasse Aggregate in Frankenthal stellt uns umsonst einen Generator. Wir haben uns dieses Jahr für so wenig Dienstleister wie möglich entschieden, da wir für uns auch die Arbeitswege verkürzen müssen. Sogar die Dixie-Klos bekommen wir etwas günstiger. Tatsächlich ein großer Posten, wenn man ein so kleines Festival veranstaltet. Ergänzend kommen noch Platzmiete und sonstige Genehmigungen hinzu, die ebenfalls finanziell stark ins Gewicht fallen.

{image}Du redest von einer Szene und Akteuren, die hier in Mannheim nicht an bestimmte Institutionen wie z.B. die Popakademie gebunden sind?

Christian: Ich bin jetzt schon lange in Mannheim und letztendlich hat die Szene für mich schon lange vor der Popakademie bestanden. Das hat natürlich auch einfache Gründe wie z.B. die musikalischen oder künstlerischen Interessen – sie war für mich schon immer präsent und vor allem interessant. Besonders Projekte wie das Thinner Netlabel, die Jazz- & Noise-Szene, Norbert Schwefel mit seinem Sulphur Sonic und mehr haben mich immer angezogen. Einige davon habe ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Mastering-Ingenieur betreut und die Qualität hat mich wirklich oft beeindruckt. Natürlich generiert so eine große Institution wie die Popakademie eine gewisse Außenwirkung, die selbstverständlich nicht alleine für eine tatsächlich bestehende Szene stehen kann und darf – das will dort aber sicher auch niemand. Ich finde diesen Diskurs, der manchmal zwischen Medien, "Szene" und z.B. der Popakademie ausgetragen wird, maximal unterhaltend. Schließlich sind wir auch selbst mit Musikern der Popakademie befreundet. Ich denke, dass die ihren Job gut machen. Wir sind eben woanders angesiedelt, aber gerade diese popkulturelle Bandbreite macht das Leben hier ja auch so interessant. Und wenn man sich irgendwie gegenseitig unter die Arme greifen kann, dann ist das doch schön.

Ihr habt in unserem Interview 2010 gesagt, ein kleines Festival im Jahr kann nicht helfen, die Szene nachhaltig zu ändern. Was gab es im vergangenen Jahr noch an weiteren Aktionen von euch, um die Mannheimer Musikszene zu fördern?

Christian: Wir haben beim Nachtwandel letztes Jahr ein bisschen was gemacht. Wir haben auf dem Beilspielplatz eine Bühne aufgebaut und dort ein Konzert gegeben. Wir wollen auch die Arbeit mit dem Nachtwandel dieses Jahr intensivieren. Und ansonsten haben wir das eher mit einem guten Bauchgefühl beobachtet, da ja auch das Mohawk oder das Kosmodrom in Heidelberg eröffnet wurden. Beim Kosmodrom ist Joachim ein wenig involviert, hat aber auch schon ein Konzert mit seiner Band im Mohawk gegeben. Da schauen wir natürlich auch, wie es weiter geht und was da passiert. Mit Jonas (einem der Hauptorganisatoren des Mohawk), haben wir uns vor einiger Zeit mal getroffen und auch die planen derzeit etwas Größeres. Details sollen euch die Jungs aber irgendwann selbst verraten. Es wäre natürlich schön, wenn sich das Mohawk halten würde. Ich denke, es ist von der Größenordnung genau das, was Mannheim fehlt. Außerdem gibt es noch nette Läden wie das Abbruch & Demontage im Jungbusch, zeitraumexit und so weiter. Timo Kumpf hat mit dem Maifeld Derby ja auch eine große Lücke gefüllt und Rainer Döhring bildet mit seinem Forum ja auch eine feste Säule, die es zwingend zu erhalten gilt. Ansonsten plane ich derzeit noch ein kleines Festival für experimentellere Musik, auf dem regionale und überregionale Künstler vertreten sein werden.

Die schönste Nebensache ist allerdings, dass dadurch Freundschaften entstanden sind. Der Brückenward hat die Szene tatsächlich gebunden und es entstand ein gewisses Synergiepotenzial. Zudem gibt es immer eine Vorreiterrolle. Die Leute sehen, dass man etwas machen kann, wenn man es wirklich will. Sogar heute noch werden wir gelegentlich darauf angesprochen und das ist doch wohl der größte Gewinn.

Eine weitere Aussage von euch war: "Meiner Meinung nach wird man in Mannheim zu oft dem gleichen musikalischen Programm ausgesetzt." Beim 2. Brückenaward werden 2 von 6 Bands spielen, die auch schon letztes Jahr dabei waren. Warum?

Christian: Das hat einen ganz einfachen Grund: Das liegt daran, dass wir uns gar nicht so großartig aus einem Bandpool bedienen können bzw. wollen, weil wir bisher kein fixes Budget haben, um Bands zu bezahlen. Deshalb versuchen wir uns im näheren Kreis zu bedienen. Es ist ja nicht die angenehmste Ausgangssituation, wenn man jemanden buchen will, aber keine fixe Gage garantiert werden kann. Dieses Jahr möchten wir übrigens nichts Spenden, sondern den Gewinn gerecht an die Bands aufteilen. Was das Booking selbst betrifft, so müssen wir drei Jungs uns einfach einig sein. Die Qualität muss stimmen. Trotz allem sind wir natürlich jederzeit Ideen gegenüber aufgeschlossen und arbeiten gerne mit Leuten zusammen, schließlich ist unser Bandpool irgendwann auch erschöpft.

{image}Habt ihr keine Angst, dass die Abwechslung fehlt?

Christian: Wir haben mit HomeBeatHome eine gute Rap-Kombo am Start, Glanz und Gloria machen experimentelles Zeug, Bonobo Riot machen erdigen Post-Punk. 8-Balls On Fire werden ihr rotziges Rock'n'Roll Programm abliefern und der Menge einheizen. Wir brechen also schon mit dem Muster vom letzten Jahr und möchten die musikalische Gleichförmigkeit durchaus vermeiden.

Mit Glanz und Gloria stehst du auch mit deiner eigenen Band auf der Bühne, Joachim mit SuperPancho und Martin mit Madventure. Wird die Doppelbelastung eine Herausforderung für euch werden?

Christian: Es wird eine enorme Doppelbelastung, da kann man mal ganz ehrlich und offen sein, weil wir uns natürlich auch um das Organisatorische kümmern müssen: Um 8 Uhr morgens aufstehen um das Equipment abzuholen, dann unser eigenes Zeug einladen, wir müssen uns um den Aufbau der Bühne kümmern, um die Betreuung der Künstler, dann kommt ja auch noch das Freibier und dann müssen wir einfach schauen, dass alles läuft. Leute von der Presse werden auch wieder anwesend sein. Die werden dieses Jahr auch wieder ihren Input haben wollen, und danach muss man noch selbst auf die Bühne und spielen. Anschließend folgt der Abbau und morgens gegen 6 darf man dann endlich erschöpft ins Bett fallen. Klar, das wird schon hart, aber es macht ja Spaß. Wo hat man denn schon mal die Möglichkeit, vor knapp 500 Leuten in Mannheim zu spielen?

2010 konnte man Tetris auf dem Brückenpfeiler spielen. Wird es dieses Jahr eine ähnliche Aktion geben?

Christian: Es wird noch besser!

Kannst du irgendetwas verraten?

Christian: Wir haben mit Keith, auch bekannt unter den Namen Licht Om oder Projektor Pearson, jemanden an der Hand, der mit alten Analog-Diaprojektoren verrückte Visuals an die Wand projizieren wird. Er hat sechs Stück dabei und wird das Ganze live machen. Das wird auf jeden Fall ziemlich spektakulär aussehen. Ich kenne bisher nur Bilder von ihm und das sieht wirklich abgefahren aus. Ergänzend werden wir etwas mehr Licht haben, der Sound wird besser, die Bühne wird so sein wie letztes Jahr auch. Kolja von HomeBeatHome plant einen Verkaufsstand mit seinen T-Shirts.

Die designt er selbst?

Christian: Genau. Vielleicht wird auch ein Mannheim-Shirt dabei sein, schauen wir mal. Details liegen mir selbst noch nicht vor. Und dann gibt es noch ein bisschen Rahmenprogramm, es wird auf jeden Fall umfangreicher als letztes Jahr.

{image}Eine letzte Frage: Haben die Puppen auf dem Poster eine bestimmte Bedeutung oder Aussage?

Christian: Das ist ein Geheimnis! Nein, es gibt keine Antwort darauf. Das ist genauso wie wir bei der Gründung nicht wussten, was der Brückenaward eigentlich ist. Es hat einfach einen gewissen Unterhaltungswert. Da muss man jetzt auch nicht so weit ausholen, aber wie es eben manchmal so ist, wenn man vielleicht ein Bier zu wenig getrunken hat… da kommen oft die verrücktesten Ideen zusammen. Trotz allem ist es natürlich ein Eyecatcher, auch wenn man nicht unbedingt von Corporate Design sprechen sollte (lacht). Es steht in keinem Kontext zum Festival oder zur Musik, aber ich glaube wenn man sie sieht weiß man mittlerweile was es bedeutet und darum geht es ja. Wir hatten zuerst einen anderen Flyer, bei dem die Rückmeldung kam: "Wo sind die Babys?!" Letztendlich sind es einfach Puppen, die das Festival gern haben!

Das sind doch schöne Schlussworte! Vielen Dank für das Interview.

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