© Madventure

Ein Samstag-Abend, ein privates Fest in Mannheim, 4 Bands, eine davon Madventure in ihrer akustischen Variante. Leise, dezent und im intimen Rahmen hört man sie selten. Denn von ihren Alben wissen wir: Madventure sind eigentlich laut, komplex, progressiv. Vom jüngsten Release gab es natürlich etwas zu hören, noch vor der offiziellen Release-Party. Doch der nach dem Gig kurzfristig akquirierte Gastautor Kurt Schmidt wollte nicht nur hören, sondern bei den Herren auch den weiteren Status Quo erfragen.

{image}regioactive.de: Jungs, ihr habt heute ohne Drums gespielt, ein akustisches Set. Kurzum: Warum?

Martin (Gitarre): Ähm, können wir bitte professionelle Fragen gestellt bekommen? (lacht)

Henning (Keys): Soll heißen, ihr müsst die Fragen so stellen, dass Martin sie zur späten Stunde auch noch versteht...

Auf dem Level können wir selbstverständlich arbeiten. Also anders gefragt: Passiert euch das denn öfter, dass ihr akustisch spielt und anschließend alle sagen, dass das doch viel geiler sei?

Martin: Ja.

Warum spielt ihr denn dann nicht immer akustisch? Reine Sturheit?

Julian (Gitarre): Nein. Verstärkt finden wir uns selbst einfach viel besser.

{image}Also stur.

Henning: Nein. Die akustischen Shows spielen wir einfach auf den kleineren Bühnen, so wie in dem Rahmen hier. Fürs volle Set brauchen wir eigentlich große Bühnen. Damit meine ich nicht, dass wir uns als Stadion-Rock-Band oder ähnliches sehen, sondern der Grund ist ganz einfach: Unser Schlagzeuger und die entsprechende Verstärkung sind dann einfach zu laut.

Auf großer Bühne fühlt ihr euch als Nicht-Stadion-Rocker also wohler?

Samson (Bass): Am Ende hat beides seine Vorteile. Akustisch in kleinerem Rahmen zu spielen, dabei das Publikum beinahe in eine Art Trance zu versetzen, das ist einfach schön. Die Blicke des Publikums sind auch ganz andere. Die Songs, der Gig, das wird dann ganz anders reflektiert.

Klaus (Sänger): Und noch dazu sparen wir uns die ganze Action, für unser volles Programm die richtige Abmischung zu finden. Das geht akustisch alles viel einfacher und schneller.

Henning: Für unser Release-Konzert haben wir uns sogar dafür entschieden, beides zu machen: Also einen Teil des Programms akustisch zu spielen, einen anderen Teil bei voller Elektrizität. Da gibt's die volle Bandbreite Madventure.

Im Mohawk tretet ihr alleine auf?

Martin: Ja, das wird eine lange Show, ohne Vorbands, aber wie gesagt mit einem akustischen und einem verstärkten Teil und vor allem mit unseren neuen Songs.

2009, zum Release eures Albums "Where are we coming from - Where are we going to" hattet ihr uns auch ein Interview gegeben. Die neuen Songs, die neue EP – was hat sich musikalisch seitdem getan?

Klaus: Es hat definitiv eine Weiterentwicklung stattgefunden.

Inwiefern – die neuen Songs sind akustisch?

Klaus (lacht): Nein. Aber wir achten viel mehr aufeinander.

Samson: Und sind viel enger zusammen gewachsen als Band.

Henning: Auf jeden Fall ein neuer Abschnitt für uns in der Bandgeschichte.

Könnt ihr definieren, was ihr mit einem "neuen Abschnitt" genau meint?

Martin: Beim Titel der EP fängt's eigentlich schon an. Wir haben uns bewusst für "Transition", also "Übergang", entschieden.

Klaus: Das findet seine Entsprechung auch in den Texten. Da geht es allgemein um Übergänge: Chronologisch von der Geburt über das Erwachsensein bis hin zum Tod, das sind die Themen der Songs. Und es spiegelt unseren Übergang in einen neuen Abschnitt wider.

Martin: …weil wir zum Beispiel mittlerweile auch alle berufstätig sind. Zuvor waren wir eine Band, die aus Auszubildenden und Studenten bestand. Nun sind wir wohl, ich sag's mal in Anführungszeichen, eine "Erwachsenenband".

{image}Was üblicherweise bedeutet, dass man ab diesem Punkt weniger Zeit für die Musik zur Verfügung hat und man sich dementsprechend fokussieren muss.

Martin: Genau. Aber man mag es dennoch weiterhin "richtig" machen, also nicht einfach hier und da mal nebenher eine Probe irgendwie in den Alltag einschieben, bei der man seine zwei Bierchen trinkt, bevor man zurück zur Familie geht. Wobei wir an dem Punkt dann doch noch nicht sind – keiner von uns hat bisher Familie.

Henning: Na der Klaus...

Samson: Gut, der ist ja auch schon 36!

Klaus: 37!

Dann seid ihr wohl in der Zwischen-"Transition". Wir habt ihr euch für die Aufnahmen zur EP denn organisiert, damit das alles reibungslos klappt?

Klaus: Dass es diese Aufnahmen überhaupt gibt, haben wir unserem Grafiker Sebastian Kranz zu verdanken. Er stellte den Kontakt zum focusonsound-Studio in Pforzheim her und finanzierte uns das Ganze, indem er für die Studiobetreiber eine neue Webseite erstellt hat. Unsere Aufnahmen waren die Gegenleistung. Eine Chance, richtig professionell aufzunehmen, in einem Studio, das üblicherweise z.B. SWR-Produktionen macht. Wir hatten ein Wochenende Zeit für die Aufnahmen, so wurde es eben nur eine EP mit vier Songs, andererseits war es nicht schwierig, uns dafür zu organisieren.

Wobei man weiß, dass bei euch auch vier Songs gerne mal die Länge eines ganzen Longplayers annehmen können.

Henning: Das ist diesmal deutlich überschaubarer!

Klaus: Es sind zwei für unsere Verhältnisse mit jeweils fünf Minuten sehr kurze Lieder drauf.

Martin: Und die anderen beiden acht bzw. neun Minuten, also im üblichen Stil – insgesamt eine knappe halbe Stunde.

Also seid ihr trotz der textlichen Zusammenhänge nicht mehr die alten Konzept-Freaks?

Henning: Nein, nicht ganz. Es darf nicht zu gekünstelt sein.

Samson: Wir haben zwar kein Konzeptalbum gemacht, aber die Songs sind in sich schon sehr schlüssig.

Klaus: Und der textliche Bogen war auch nicht so geplant zu Beginn. Wir haben weitere neue Songs, die wir zu einem späteren Zeitpunkt auch noch aufnehmen werden. Jene vier Songs haben wir aus musikalischen Gründen ausgewählt, erst später fiel mir auf, dass es in Bezug auf die Texte diesen thematischen Zusammenhang gibt.

Viele neue Songs, die geschrieben werden wollten, die für die EP zur Auswahl standen, dazu Textvielfalt – gab's Streit?

Henning: Nein, wir streiten uns nicht. Auch nicht bei der Entstehung der Songs. Meist gibt es Grundideen und gemeinsam nehmen wir die sinnvollen Ideen der einzelnen Leute auf. Viele Proben finden auch statt, wenn wir nicht vollzählig sind. Insofern wird der Chor aus Wünschen an einen bestimmten Song auch klein gehalten.

{image}Vor eurer jüngsten "Transition" zu einem parallelen Leben von Musik und Berufstätigkeit habt ihr euch doch auch sicher mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass es ein Ziel ist, von der eigenen Musik leben zu wollen. Nun kommt das Geld von anderer Stelle. Was motiviert euch dennoch, mit der Musik – die Zeit, Geld und manchmal Nerven verschlingt – so konsequent weiter zu machen?

Julian: Ganz einfach: Der Spaß steht heute im Vordergrund. Wir haben wirklich Spaß an der Arbeit mit den Songs und an unserer Musik. Es ist genau die Art von Musik, die jeder von uns machen will.

Was doch zuvor aber bestimmt auch der Fall war, oder?

Samson: Ja genau. Die Motivation ist im Prinzip fast dieselbe geblieben. Nur diese Luftblase aus Rockstar-Träumerein ist nicht mehr da. Aber das Wesentliche, das Zusammenspielen, das Gefühl beim Spielen mit den Jungs, da gibt es einfach nichts, was mir das jemals ersetzen könnte.

Eine musikalische Familie?

Julian: Auf keinen Fall sowas wie die Kelly Family.

Henning: Aber Klaus ist in jedem Fall der Opa! (lacht). Patchworkfamilie!

Martin: Sechs Leute in einer Familie klingt nach Chaos. Nein, so sind wir nicht.

Henning: Es tut einfach gut und ist wichtig, dass wir in dieser Konstellation nun schon eine ganze Weile zusammenspielen. Seit wir Madventure in dieser Form sind, hatten wir dieses "wir müssen ganz groß rauskommen"-Ding eigentlich schon abgeschrieben. Man muss einfach sagen, dass wir dafür ganz schlicht nicht die entsprechende Musik machen! Wir überlegen auch nicht, was den Leuten gefallen könnte, sondern wir schauen, was aus uns selbst heraus kommt.

Klaus: Mir gibt das alles etwas abseits solcher Vorstellungen nach dem großen Erfolg: Mein Blickwinkel als Sänger ist, dass die Musik ein Ausgleich für mich ist, dass ich dadurch viele Dinge aus dem Alltag verarbeiten kann.

Wie ist das überhaupt, Sänger einer Band mit solchen Fundamental-Instrumentalisten zu sein?

Martin: (lacht) Hey, filigran muss das heißen, nicht fundamental!

Klaus: Ich hab's als Kompliment an euch verstanden. Es ist einfach beides, was den Reiz ausmacht: Die unfassbaren Klangteppiche der Kollegen, die mich beeindrucken, inspirieren und mich dann auch dazu veranlassen, einen bestimmten Text zu schreiben. Ich komme ja auch immer hinterher, beginne also, wenn der Song quasi schon steht.

Henning: Darum langweilt sich der Klaus bei den Proben meist und meckert von der Couch aus. Dabei machen wir die instrumentalen Teile eigentlich immer direkt mit Klaus' Gesang im Kopf, denken das mit, planen die einzelnen Parts schon für den Gesang und seine guten Melodien.

Martin: Dafür opfern wir sogar mehr und mehr Soloeinlagen, entwickeln uns hin zu einem dichteren Gesamtsound.

Julian: Was weniger Applaus für den Gitarristen bedeutet auf den Gigs – schade! (lacht). Mehr Richtung Postrock geht das, mittlerweile.

Die Inspiration deiner Texte kommt neben den Intrumentalparts auch aus dem Alltag, zumindest sagtest du, du würdest in deinen Texten auch vieles verarbeiten können? Aus deinem Lehrer-Alltag?

Klaus: Also ich verarbeite keine Schülerschicksale oder ähnliches in meinen Texten. Aber – ich kann da nicht zu viel verraten – ein Song handelt zum Beispiel von dem krassen Absturz eines Kollegen, den ich miterlebt habe. Es ist das erwähnte Lied über den Tod, das auf der EP ist. Der Mensch war 3 Tage lang verschwunden und alle dachten, er sei tot. Eine dramatische Geschichte. In meinem Privatleben hatte ich eine solche Erfahrung, dass jemand stirbt, der einem nahe steht, bisher nicht gemacht.

{image}Der Lehrer kam wieder?

Klaus: Ja, aber nie wieder an unsere Schule.

Henning: Darf ich auch eine Frage stellen?

Klaus: Ja!

Henning: Hast du schonmal einen Song über ein Bandmitglied geschrieben?

Klaus (lacht): Also ich will den Martin jetzt nicht allzu sehr, also nunja... Da geht es um eine Situation, die viele von uns schon mal ereilt hat und viele andere noch ereilen wird. Das habe ich versucht in Worte zu fassen, wobei ich immer versuche, nicht zu persönlich zu werden, sondern die Dinge auf einer abstrakteren, allgemeineren Ebene zu formulieren. Martin weiß das ja auch. Ich glaube er hat sich in dem Text nicht 100%ig, aber teilweise doch wiedergefunden.

Martin: Es geht vor allem um den Trend, dass viele Menschen sagen, sie müssen endlich den Ort wechseln, ausbrechen, sich selbst verwirklichen, ihr bisheriges Leben hinter sich lassen, das Glück woanders suchen.

Klaus: Und in einem weiteren Song geht es um einen Homosexuellen, der sich heftiger gesellschaftlicher Kritik ausgesetzt sah, dass er gegen die allgemeingültigen Regeln der Liebe anlebte, der sein Leben aber dennoch auf die Reihe bekommen hat. Da hat mich die gesamte Geschichte dieses Menschen einfach emotional bewegt.

Zurück zum Musikbusiness: Was passiert nun mit der EP, wie geht es weiter, was steht an?

Martin: Wir versuchen einige Rezensionen zu bekommen, verkaufen das Teil für 5 Euro und hoffen, dass wir mit dem neuen Material auch an ein paar neue Gigs kommen.

Gibt es weitere Gigs neben dem Release-Konzert im Mohawk?

Martin: Ja, wir werden dieses Jahr beim zweiten Mannheimer Brückenaward auftreten.

Sehr schön. Da sehen wir uns! Wir wünschen euch viel Erfolg mit der neuen EP!

 

Hier könnt ihr Madventure mit den neuen Songs live erleben:

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