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Incubus (Hurricane 2011) © Jochen Melchior

79 Bands auf 4 Bühnen vor über 70.000 Fans - das alljährliche Wetterphänomen der Superlative hat einen Namen: Hurricane Festival. Schon im Vorfeld sorgte das Line-Up für reichlich Wirbel. Incubus ersetzte Blink 182 als Headliner. Dabei ergänzten sie Arcade Fire, die Indie-Rocker aus Kanada, und die zur Zeit angesagteste Rockband der Welt: die Foo Fighters. Susanne Hasse und Oliver Weißenborn stürmten für regioactive.de drei Tage und Nächte durch das Auge des Wirbelsturms und nahmen alle Ausläufer mit.

{image}Doch nicht nur die obere Riege der Branche entlockte dem eingefleischten Musikkenner ein freudiges Zungeschnalzen. Denn der liebevoll gestaltete Timetable des Hurricane 2011 ließ jede Entscheidung einem Sakrileg gleichen. Für die meisten Festival-Pilger gilt ein strategisch günstiger Platz zum Schlafen schon lange nicht mehr als Novum. Bereits kurze Zeit nach Öffnung der Tore zum Campingplatz waren alle wühlmausfreien Stellen des Areals mit hunderten von Zelten und Pavillons besetzt. Großer Beliebtheit erfreuten sich bei den Besuchern der eigens angelegte Bereich "grüner Wohnen", der Gelegenheit bot, sich bei etwas ruhigerer Atmosphäre auf das Kommende vorzubereiten. So wurde schon beim Aufbau der Zelte die Schlafumgebung auf Flunkyballtauglichkeit geprüft, nur um dessen Bestehen anschließend ausgiebig zu begießen.

In etwa zweihundert Meter Luftlinie wurden hingegen die ersten Töne angeschlagen. Letlive, untergebracht im Zirkuszelt, der diesjährigen Red Stage, eröffneten den Reigen zum Hurricane 2011. Mit einem brachialen Sound weit oberhalb der Schmerzgrenze zeigten die Kalifornier, warum sie sich selbst zum Genre des Progressive Post Hardcore zählen. Ein 30-minütiges Set pustete alle Poren frei und brachte auch den letzten Hörnerv zum Schweigen. Diese Nerven lebten bei den einfühlsamen Klängen des Singer/Songwriters Yoav wieder auf. Mit seiner Gitarre und einer Flasche Wodka bestückt, beglückte er die Zuhörer mit Songs à la José González, die ihn zu einem echten Geheimtipp des Festivals werden ließen. Das Cover Where is my mind? von den Pixies rundete seinen harmonischen Auftritt, trotz seines befremdlichen Verhältnisses zum Alkohol, ab und festigte den Eindruck, dass von Yoav noch einiges in Zukunft zu erwarten sein wird.

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Dass eine deutliche Aussprache nicht immer von Vorteil ist, davon können die Mannen von Kaizers Orchestra ganze Alben singen. Von den meisten Zuhörern bewusst als Highlight eingeplant, zauberten die Songtexte der in ihrer Landessprache singenden Norweger teilweise verwirrte Blicke auf die Gesichter unwissender Besucher. Mit einer smarten Garderobe, einem exakten Scheitel und einer Gasmaske aus vergangenen Tagen wurden dann auch letzte Zweifel der Festivaltauglichkeit beseitigt. Tausende Besucher, die zunächst skeptisch die euphorische Darstellung in Zigeuneroptik beäugten, ließen sich vom Charme der Band anstecken und waren schließlich vom Ende des kurzweiligen Auftritts überrascht.

Neben dem vielseitigem Musikangebot boten zahlreiche Aktivitäten enorm viel Potenzial, die persönlichen Grenzen zu erweitern. Ein Bungee-Jump aus knapp 50m Höhe ließ den Adrenalinspiegel binnen Sekunden explodieren, ein Blick auf die Preise einiger Nahrungsmittelanbieter dagegen auch. Für die etwas weniger Wagemutigen hatte der Sprung auf die Klettwand eines bekannten japanischen Elektronikherstellers den gleichen Effekt. Für ein abwechslungsreiches Programm sorgten zudem diverse Künstler im kleineren Zirkuszelt, der White Stage. Neben den Künsten des Turnens, des Beatboxens und des Schwingens von Tonnen wurde die begeisterte Menge von Clowns auf Stelzen oder imaginären Fahrzeugen unterhalten.

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Die Alternative-Rocker der Band Incubus bewiesen am Samstagabend, dass ihnen die Position als zweiter Headliner mehr als nur zustand und dass ein Rockkonzert auch ohne die typischen Posen auskommt. Wer jedoch Brandon Boyd und seine Bandkollegen von ganz nah sehen wollte musste eine Menge Zeit, Ausdauer und Nerven beweisen. Denn schon die ersten Fans versammelten sich bei der Gypsy-Punk-Band Gogol Bordello, die die Green Stage bereits am frühen Abend betraten, am Eingang zum bereits randvollen vorderen Zuschauerbereich. Einen Vorgeschmack auf das noch Kommende gab es bereits kurze Zeit später, als die ersten wartenden Zuschauer Einlass zum abgesperrten Bereich bekamen. Es wurde geschoben und gedrückt, die Menge bewegte sich nach links und rechts und wieder zurück. Bereits an dieser Stelle lagen die Nerven einiger Zuschauer blank, was dazu führte, dass sie die wartende Meute wieder verließen und sich einen Platz weiter hinten suchten. Die Ordner taten sich schwer, die Menge unter Kontrolle und zu einem gesitteten Einmarsch zu bewegen.

Die eigentliche Herausforderung an die Kondition und die Ausdauer bildeten die Gothic-Punk-Glam-Rocker My Chemical Romance. Multiple Zehntausende Hände, gemischt mit überdimensionalen magentafarbenen Gliedmaßen, begrüßten Feuerschopf Gerard Way, der unverzüglich Na Na Na anstimmte und so zu ausgelassenem Tanzen und Moshpitten einlud. Wer sich innerhalb der ersten Songs nicht überzeugen ließ die Beine zu bewegen wurde es spätestens, als Lieder wie Sing, Destroya und Venom ertönten. Mit Famous Last Words verabschiedeten sich My Chemical Romance nach etwas mehr als einer Stunde atemberaubendem Konzerts und hinterließen eine elektrisierte Meute, die noch immer nicht genug hatte.

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Wer in der Umbauphase auf etwas mehr Frischluft in den ersten Reihen hoffte wurde bitter enttäuscht, denn hier bewegte sich keiner auch nur einen Millimeter. Zu groß die Erwartungen und die Ungeduld auf den Höhepunkt des Abends: Eine Band, die sich nicht sehr oft im deutschen Sprachraum aufhält. Einzig die riesige beleuchtete schneeweiße Puppe Dundu brachte Abwechslung, während sich der See der Zuhörer in ein endloses Meer verwandelte. Es wurden High Fives ausgetauscht, die Menge zum Klatschen animiert und die Bühne erklommen, bevor die Herren von Incubus das bange Warten beendete. Eine dunkle Jeans, ein dunkles Hemd und eine blaue Jeansjacke – Brandon Boyd hatte keine große Bühnenshow nötig, um die Massen für sich zu gewinnen. Vielmehr schienen Herr Boyd und seine Bandkollegen auf Perfektion zu setzen – was das Spielen ihrer Instrumente anging. Incubus lieferten am Samstagabend eine Show der Extraklasse ab, bei der die Songs – eine Auswahl der wohl besten Lieder der vergangenen Alben Morning view, Make yourself, Light grenades und A crow left of the murder – bis ins Detail derer, die im Studio aufgenommenen wurden, glichen.

Der smarte Frontmann der Band sang sich mit Nice to know you, Pardon me, Are you in? und Megalomaniac nicht nur in die Herzen der weiblichen Fans, sondern entzündete mit Love hurts auch bengalische Feuer inmitten der Zuschauer. Da sei es ihm auch verziehen, dass er einen kleinen Textaussetzer mit einem verschmitzen Lächeln zu seinen Bandkollegen hin überspielte. Incubus schienen die Fans noch nicht glücklich genug gewesen zu sein, denn einen kleinen Vorgeschmack auf das Anfang Juli erscheinende neue Album If not now, when? gab es zum Abschluss des Konzerts. Zwei Zugaben, diverse Drumsticks, Setlisten und Plektren gab es für die Sammlungen der leidenschaftlichen Fans, die diese Geschenke mehr als dankbar annahmen.

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Aus den Fehlern vom Vortag gelernt, wurde das Konzept für den Einlass auf das Areal direkt vor der Green Stage am Sonntag dahingehend abgeändert, dass die wartende Menge in kleinere Gruppen eingeteilt wurde, wodurch ein stressfreier Zugang zum Gelände ermöglicht wurde. Pünktlich um 22:00 Uhr fanden sich mehr als die Hälfte der 70.000 Festivalbesucher vor der Green Stage ein, um dem dritten Headliner des diesjährigen Hurricane Festivals zu lauschen. Die Erwartungen an die Foo Fighters waren groß, zumal das Wetter die Festivalbesucher an diesem Tag im Stich ließ und die Stimmung drückte. Anfänglich tanzten auch noch die hinteren Reihen, doch der Funke wollte trotz der Hits Pretender, Best of you und Times like these nicht so recht auf das Publikum überspringen. Auch auf die lang geforderte Zugabe mussten die Fans vergeblich warten. So standen sich die Zuschauer sichtlich erschöpft und zerzaust gegenüber, nur langsam realisierend, wie schnell die wohl besten drei Tage des Jahres vorübergewirbelt waren. 

Doch ein Lichtblick blieb zum Trost aller Besucher am Ende doch, denn schon zwei Bands planen fest mit der Teilnahme am Hurricane 2012: Wie versprochen Blink 182 und die Berliner Endloserfolgsband Die Ärzte.

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