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The Great Bertholinis (live beim Orange Blossom Special in Beverungen, 2011) © Eva Schimmelpfennig

Mitten in Deutschland, im malerischen Weserbergland, hat das kleine Independent-Label Glitterhouse seinen Sitz und versorgt unerschrockene Musikfans seit Jahren mit exquisiter Musik abseits des Mainstream. Immer zu Pfingsten reisen diese dann in das Städtchen Beverungen, um gemeinsam mit Mitarbeitern und Musikern im Garten der Label-Villa ein Fest des guten Geschmacks zu feiern: das Orange Blossom Special. Dieses Jahr wurde das Festival 15 Jahre alt.

{image}"Eine Bühne, 20 Bands, 1800 Leute und ein Hase" – so fassen die Veranstalter des Orange Blossom Special ihr kleines Festival zusammen. Auf der Website fügen sie nicht gerade bescheiden hinzu: "das beste kleine Openair Festival". Was genau ist es, das dieses Festival so besonders macht? Am Pfingstwochenende fand das 15. OBS – wie es von seinen Fans kurz genannt wird – statt und bot die Gelegenheit live zu erleben, warum alle, die schon mindestens ein OBS auf dem Buckel haben, so ins Schwärmen geraten. Wenn man also erst einmal dort gewesen ist, weiß man erst einmal nicht so recht, von welchen Besonderheiten man zuerst berichten soll, die dieses Festival so ausgesprochen nett machen. Beginnen wir also von vorne.

{image}Angekommen im Grünen Weg am Stadtrand von Beverungen schlagen bereits viele Besucher ihre Zelte auf dem Zeltplatz auf. Dieser liegt idyllisch direkt an der Weser, auf der eher selten mal ein Motorboot, ein Kanu oder ein Touristendampfer vorbeischippert. Allein die Sicht vom Zeltplatz auf das hüglige Weserbergland ist schon beeindruckend. Zusätzlich gibt es so viel Platz, dass man keine Panik haben muss, irgendwo in einer Matschpfütze campieren zu müssen. Die Ankunft verläuft also schon einmal sehr entspannt. Später muss man aber auch feststellen, dass der Zeltplatz, trotz aller Idylle, bei diesem Festival keine große Rolle spielt. Zum OBS fährt man zum Musik hören und nicht um "Helga!" rufend auf dem Campingplatz zu versacken.

{image}Beim ersten Besuch auf dem "Festivalgelände", das nichts anderes als der große Garten der Glitterhouse-Villa ist, fällt auch auf, das sich das Publikum ebenfalls von den großen, bekannten Festivals unterscheidet: es gibt eigentlich keine Altersgruppe, die nicht vertreten wäre. Das OBS scheint ein Festival für die ganze Familie zu sein. Die Bühne ist eine liebevoll verzierte Holzkonstruktion, die die Musiker von der Veranda herunter betreten und viele Besucher haben sich Klappstühle mitgebracht um die Konzerte im Sitzen zu genießen. Im hinteren Teil des Gartens macht der örtliche Getränkehandel mit zwei Bierwagen das Geschäft seines Lebens, gegenüber wird Kaffee und selbst gebackener Kuchen verkauft und dazwischen buddelt der Nachwuchs im Sandkasten. Alles fühlt sich ein bisschen mehr nach Gartenparty oder nach Dorffest an – auf eine gute Art.

{image}Der wichtigste Teil des Festivals ist und bleibt aber die Musik. Den Anfang macht dieses Jahr Wallis Bird mit ihrer Band. Das ist alles andere als ein sanfter Einstieg, denn die irische Musikerin wirbelt auf der Bühne herum und regt das stetig wachsende Publikum im Garten immer wieder zum Mitklatschen zu ihrer folkig poppigen Musik an. Das kommt gut an und auch Wallis Bird möchte gar nicht mehr von der Bühne und lässt sich für mehrere Zugaben zurückklatschen. Das ist noch ein besonderes Merkmal des OBS: Alle Bands dürfen in Konzertlänge spielen und Zugaben sind durchaus gerne gesehen und gehört. Die erfahrenen OBS-Besucher freuen sich außerdem auch auf die Ansagen der Festival- und Labelkoryphäe Rembert Stiewe (→ im Interview, 2009). Mit viel ostwestfälischem Charme kündigt er traditionell den Headliner des Abends an, präsentiert die Fundsachen des Tages, die teilweise für großes Gelächter sorgen (diesmal z.B. eine Bissschiene für Zähneknirscher) und – ganz wichtig – den 3-Tages-Witz. Hierbei handelt es sich um einen ausgesprochen schlechten Witz, der in drei Teile aufgeteilt wird. Die Pointe gibt es also erst am Sonntag.

{image}An diesem Abend hat man Rembert in ein Hasenkostüm gesteckt, passend zum neuen Maskottchen des Festivals, dem Hasen. So kündigt er also die letzte Band des Abends an, die Schweden Golden Kanine, die auch gleich zeigen, weshalb sie im Festival-Programm als Abräumer des OBS 2010 bezeichnet werden. Sie überziehen das Publikum mit einem pompösen Klangteppich aus melodiös-dramatischen Songs, denen man sich schwer entziehen kann. Um das Ganze noch etwas intensiver zu gestalten haben sie sich zwei Blasmusiker ihrer Kollegen von The Great Bertholinis ausgeliehen, die am nächsten Tag auf dem Programm stehen. Am Ende ihres Gigs sind Band und Publikum glücklich. Das Publikum freut sich über die großartige Musik, die Band über das große und fröhliche Publikum. Ein weiterer Pluspunkt für das OBS: Die meisten Bands spielen ausgesprochen gerne dort, freuen sich über jeden Applaus wie Kinder und bleiben auch nach ihrem Auftritt gerne noch ein bisschen länger.

Aus Rücksicht auf die Nachbarn muss jeden Abend kurz vor Mitternacht Schluss sein. Traditionell wird ein Zitat aus dem Film "Absolute Giganten" abgespielt und Rembert wünscht allen "den Segen der Nacht". Für einige bedeutet dies Feierabend, für einen großen Teil der Besucher, Musiker und Festivalorganisatoren ist nun aber der "Stadtkrug" das nächste Ziel, eine urige Kneipe mitten in Beverungen, in der die legendäre und berüchtigte After-Show Party des Festivals stattfindet.

{image}Der Samstag ist dann wieder ein volles musikalisches Programm, bei dem man sich über jede verpasste Minute ärgern muss. Ein Highlight sind beispielsweise The Great Bertholinis, die mit rumpelndem Polka-Folk die Füße der Alt-Rocker wie der Indie-Mädchen gleichermaßen zum Wippen bringen. Sie bringen außerdem das ausgefallenste Merchandise-Produkt mit und verkaufen Seifenblasenpistolen, weil sich, ihrer Meinung nach, heute damit mehr Geld machen ließe als mit Platten und T-Shirts. Mit Emily Jane White erklingen dann wieder ruhigere Songs im Glitterhouse Garten. Mit melancholischer Stimme und unterstützt von einem Bassisten trägt die Amerikanerin ihre teils Folk teils Country beeinflussten Balladen vor. Hiernach wird es wieder schwungvoller. Mit dem Kanadier Dan Mangan folgt ein Auftritt, den viele später als einen der besten des Festivals betiteln werden. Abgelöst wird dieser von der angeblich "besten Live-Band der Vereinigten Staaten" (Slim Magazine), Slim Cessna's Auto Club. Deren Show ist eine Mischung aus schrägem Gospel und grooviger Country Musik und sorgt für Jubel und Schmunzeln zugleich.

Die Headliner-Position an diesem Abend übernimmt der vermutlich bekannteste Musiker dieses Festivals, Gisbert zu Knyphausen. Wie Rembert in seiner Ansage erzählt, wollte Gisbert dieses Jahr unbedingt auf dem OBS spielen, egal wieviel oder wie wenig die Organisatoren im zahlen können. Da ist viel Sympathie im Spiel, die der Sänger bei seinem Konzert vom Publikum postwendend zurück erhält. Er selbst sagt in einer seiner Ansagen, er sei so froh auf dem OBS zu spielen, dass ihm seine Lieder eigentlich viel zu traurig sind, aber er hätte nichts anderes, da müssten wir jetzt durch. Das Publikum macht gerne mit.

{image}Auch der Sonntag beginnt wieder zur Mittagszeit mit einem eher langsamem aber sehr schönen Auftritt der deutschen Band Talking To Turtles. Im Anschluss daran kommt ein besonderer Leckerbissen im Festival-Programm: die Band Tamikrest aus Mali, die seit einiger Zeit auch ihre Platten bei Glitterhouse veröffentlichen. In traditionellen Gewändern öffnen sie im Publikum sofort Ohren und Herzen mit ihrem sogenannten "Tamashek-Rock", der sich manchmal schon ein bisschen wie Krautrock mit afrikanischem Einschlag anhört. Danach geht es dann wieder weit nach Norden, mit den Jungs der isländischen Indie-Band Who Knew die eine energiegelandene Show bieten und es irgendwie schaffen, sich vom Indie-Rock Einerlei abzuheben. Auch die beiden Kanadierinnen von Madison Violet können das Publikum gänzlich überzeugen. Nicht nur ihr perfekter zweistimmiger Country-Gesang, sondern auch die Anekdoten aus dem winzigen Dorf, in dem die beiden aufwuchsen, stoßen auf begeisterte Zuhörer.

{image}Das Programm des letzten Abends wird von den britischen Durchstartern Young Rebel Set eröffnet. Mit ihrem melodiösen Folk-Pop-Songs würde man ihnen sofort zutrauen Mumford and Sons vom Thron zu stoßen. Auch wenn sie vielleicht ein wenig zu cool ankommen, möchte man ihnen doch immer weiter zuhören. Die letzten 90 Minuten des Abends und des Festivals sind allerdings für die schwedische Band Holmes reserviert. Diese Planung überraschte Publikum und Band vermutlich gleichermaßen, zeigt sich aber von der ersten bis zur letzten Minute des Auftritts als absolut gerechtfertigt. Holmes sind keine Full-Time Musiker, denn die Band muss noch in der Nacht die lange Heimfahrt antreten, weil der Schlagzeuger arbeiten muss. Sie sind auch keine Rampensäue, denn alle wirken etwas scheu und überwältigt. Man möchte ihnen aber beides gönnen, denn ihre teils ruhige, teils ekstatische Musik begeistert das gesamte Publikum. Ein gelungener Abschluss dieses Festivals.

Während Holmes sich nun auf den Heimweg machen, manche Besucher sich zum Auto oder Zelt begeben und die ersten sich schonmal einen Thekenplatz im Stadtkrug sichern, findet im OBS Garten im Scheinwerferlicht der Bühne noch ein kleines Flunkyball-Turnier mit Bands, Organisatoren und Besuchern statt. Noch so eine Tradition, die das OBS zu einem liebenswerten, ganz besonderen Festival macht.

Abschließend lässt sich nur sagen: Ja, das Orange Blossom Special hat sowohl in der Pflicht mit einem absolut geschmackssicheren tollen Programm überzeugt als auch in der Kür mit einer unbeschreiblich charmanten Atmosphäre und vielen liebenswürdigen Eigenarten. Der Titel als "bestes kleines Open Air" darf im nächsten Jahr somit wieder verteidigt werden.

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