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Kylie Minogue (live auf der "Aphrodite"-Tour, 2011) © EMI

Mit gewaltigem Aufwand inszeniert sich die australische Popsängerin Kylie Minogue in der Mannheimer SAP-Arena. Dabei wäre weniger so viel mehr gewesen.

Kylie Minogue ist eine der großen Überlebenden der populären Musik. Seit Mitte der 1980er vermochte sie es, im schnelllebigen Popgeschäft zu behaupten, was im Bereich der Pop/Dance-Musik ansonsten nur Künstler wie Madonna oder die Pet Shop Boys von sich behaupten können. Ihre "Aphrodite"-Welttour führte sie am Sonntagabend in die gut gefüllte, aber bei weitem nicht ausverkaufte Mannheimer SAP-Arena.

Musik im Hintergrund

Die Aphrodite-Bühnenshow legt es darauf an, den Zuschauer mit einer enormen Fülle an Reizen zu überfluten. Die angeblich 14 Millionen Euro Produktionskosten wurden nicht nur ausgegeben, sie dienen der standesgemäßen Repräsentation. Kylie inszeniert sich nicht als Mittelpunkt, sondern als Anhängsel einer bunten Zirkustruppe, deren verbindendes Element die enormen Kosten sind, die sie verursacht.

Gäbe es einen Preis für die am perfektesten choreografierte Bühnenshow – Kylie hätte gute Chancen, ihn zu gewinnen. Die Show ist ein feuchter Traum von Designern, Bühnentechnikern, Videofilmern, Grafikern, Kostümbildnern und Tänzern. Nur die Musiker stehen im Halbdunkel im Hintergrund – und das ist kein Zufall. Kylie lässt alle feiern, klatscht jeden noch so gut aussehenden Tänzer einzeln ab, aber die Band stellt sie nicht vor. Warum auch?

Warum klingt alles gleich?

Aufwändig inszenierte Bühnenshows waren stets Kylie Minogues Markenzeichen. Problematisch wird es dann, wenn die Show nicht nur die Musik in den Schatten stellt, sondern ihr schadet. So ist es ein unverzeihlicher Fehler, Kylies Stimme durch eine Art Auto-Tune aus der Hölle zu jagen, um zu erreichen, dass jedes Lied stimmlich exakt gleich unnatürlich klingt.

Wer glaubt, dass ein Lied mit so enormem Wiedererkennungswert wie "Can't Get You Out Of My Head" unmöglich wie fünfzehn andere Lieder klingen kann, wird hier eines besseren belehrt. Man könnte vermuten, es sei das Ziel gewesen, ihre kaputte Stimme durch technische Tricks zu kompensieren, aber weit gefehlt: Wenn man Kylie lässt, singt sie einwandfrei. Es war offensichtlich das Ziel, ihrem Gesang jede Dynamik zu rauben und ihrem Auftritt den Charme einer Großraumdisco zu verleihen.

Seelenloses Brimborium

Was die Macher der Show schlichtweg vergessen haben, ist, dass die meisten Zuschauer nicht gekommen sind, um eine Mischung aus Cirque Du Soleil, schwuler Tanzgruppe und Kindergeburtstag zu erleben, sondern eine Popsängerin. Man möge mich berichtigen, aber wie viele Zuschauer haben eine Karte erworben, um zu erleben, wie leichtbekleidete Männer an Seilen gen Hallendecke gezogen werden?

Natürlich weiß Kylie, dass sie eine Ikone der gay community ist und bedient ihre Klientel mit viel nackter Männerhaut, spektakulären Kostümen und wilden Tanzchoreografien. Die überraschend gedämpfte Stimmung in weiten Teilen der Halle verrät aber, dass viele Zuschauer die bombastische Inszenierung durchschauen und den seelenlosen Kern der Show erkennen.

Herzzereißend schön

Bezeichnenderweise ist es eine Coverversion des Eurythmics-Klassikers "There Must Be An Angel", der die lethargische Stimmung des Publikums aufzubrechen vermag. Als wollte die Welt das aufgeblasene Brimborium verspotten, sind es die wenigen intimen Momente, in denen Kylie Minogue alleine auf der Bühne steht, die den meisten Eindruck hinterlassen.

Ihre A Capella-Versionen von "I Should Be So Lucky" und "Your Disco Needs You" versetzen die Zuschauer in Ekstase und als Kylie einen französischen (?) Fan, der ein "Kylie – I need a hug"-Plakat in die Halle mitgebracht hat, auf die Bühne holt und tatsächlich umarmt, bereitet sie nicht nur ihrem Fan einen einmaligen Glücksmoment, sondern erobert die Herzen aller Zuschauer im Sturm.

Weniger Gehopse, mehr Gesang

Wieso sich diese sympathische, freundliche und unprätentiöse Künstlerin, die mühelos in der Lage ist, mehrere tausend Zuschauer blendend zu unterhalten, hinter einer Maske aus wirbelnden Gliedmaßen und technischen Sperenzien verstecken muss, wird auf ewig ein Rätsel bleiben.

Auf den Punkt bringt es ein Mann, der sich nach dem herzzerreißend schönen (und ohne jede Bühnenshow inszenierten) "If You Dont Love Me" zu mir wendet und sagt: "Das ist doch viel schöner als dieses ganze Gehopse." Amen, brother.

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