PJ Harvey
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PJ Harvey 4½ von 5 Sternen für ihr neues Album "Let England Shake". © Universal Music

Das Jahr ist noch jung, aber viele Bands und Musiker haben schon neue Platten auf den Markt gebracht: Wir haben uns Kosho, PJ Harvey, die Beatsteaks, At The Farewell Party, Akua Naru und The Streets herausgepickt und einen genauen Blick auf die Alben geworfen. Viele der Platten lassen für das Jahr 2011 Großes erwarten und hoffen, dass noch so manch anderer Künstler ebenfalls eine musikalische Perle fabriziert. Leider gibt es aber auch eine Enttäuschung zu vermelden.

PJ Harvey * Kosho Akua Naru * Beatsteaks * The Streets * At The Farewell Party

PJ Harvey – Let England Shake | Universal

{image}PJ Harveys achtes Album ist ein schonungsloses Portrait ihrer englischen Heimat, das in weiten Teilen einer brutalen Abrechnung gleichkommt. Fast einer Kriegserklärung gleich rüttelt Polly Jean im Titellied an den Grundfesten des Landes: Let England Shake wirkt trotzdem fast noch harmlos, im Vergleich zur sprachlichen Erbarmungslosigkeit, die den Rest des Albums charakterisiert. PJ Harvey zeichnet England als militaristische Hölle, die von Krieg, Tod und Verfall beherrscht wird. Dem schockierten Zuhörer, der sich nach einem Fetzen Empathie sehnt, bietet sie nur missgestaltete Kinder, Waisen, Panzer, Soldaten, stinkende Gassen, Dreck und Gewalt. Selbst die Natur bietet keinen Trost, sondern herrscht grausam über das geschundene und dem Untergang geweihte Land. Polly Jean Harveys apokalyptische Visionen, die England zum Schlachtfeld eines ungefochtenen Krieges machen, sind ebenso erbarmungslos wie direkt. Harvey beschreibt den Krieg nicht als absurdes Theater, sondern als sinnlose und willkürliche Abfolge von grausamen Geschehnissen, die sich allen Versuchen einer Sinngebung entziehen. Über allem schwebt lediglich der Tod: Let England Shake ist ein verstörendes und bedrückendes Meisterwerk.

Was Let England Shake erträglicher und zugänglicher macht als nicht minder extreme Werke wie Scott Walkers The Drift ist die effektvoll-geradlinige musikalische Umsetzung, zu der die verlässlichen Partner John Parish und Mick Harvey den Löwenanteil beitragen. Parish sorgt mit seinem genialen, naiven Ausruf "What if I take my problem to the United Nations?" für einen der Höhepunkte des Albums. Die rhythmische Vielfalt, die minimalistische Klarheit der Instrumentierung, PJ Harveys eindringlicher, aber dennoch eingängiger Gesang und die gelungene Einbeziehung der übrigen Vokalisten verleihen Let England Shake paradoxerweise eine eigentümliche Schönheit, die in starkem Kontrast zu seiner sprachlichen Gnadenlosigkeit steht: "England's dancing days are done" verkündet PJ Harvey: "Let It Burn!"

Wertung: ++++½ (Daniel Nagel)

 

Kosho – All Sides Love | blisstone

{image}Mal ganz ehrlich, das geht so nicht. Also das Erscheinungsdatum. Michael "Kosho" Koschorrecks Album All Sides Love hört sich viel mehr nach einem klassischen Sommeralbum an, als nach einem Album, das im nasskalten April die Öffentlichkeit erreichen soll. Aber edel:kultur, die das 2010 bereits bei blisstone erschienene Album jetzt noch einmal veröffentlichen, haben sich nun den 8. April ausgesucht. Und so musikalisch? Beim ersten Ansehen könnte man denken, dass hier einfach nur, wie so oft, mit der Akusitk-Gitarre rumgeschrammelt wird. Aber weit gefehlt! Kosho ist zwar für sein Gitarrenspiel bekannt, das Album ist aber weitaus vielseitiger geworden und vereint mehrere Instrumente und vor allem Ideen, die weit über reines Gitarrenspiel hinausgehen, trotzdem aber auf dem Boden bleiben. Man merkt Kosho seine "Liebe zur Musik", um mal wieder schamlos den Waschzettel zu zitieren, eben an. Los geht es mit Play Bach, das sofort ins Ohr geht. "Play a piece by Bach / and don't worry about the rest of the world". Recht hat er und gibt uns mit seiner Interpretation des Bachschen Kosmos einen Grund, doch nochmal die persönliche Lieblings-BWV-Nummer anzuhören oder, etwas popkultureller, Douglas Adams' Buch "Dirk Gentlys holistische Detektei" zu lesen, in dem Bach ganz nebenbei eine wichtige Rolle spielt. Die nächsten Songs, On Green Dolphin Street, Liar und Loveboat kann man im Paket behandeln, denn hier fällt vor allem Koshos Gesang auf. Zuerst erwartet man einen normalen kleinen, aber feinen Popsong, der dann durch Koshos Art zu singen – nämlich seine Stimme wirklich als Instrument einzusetzen – doch noch herausgehoben wird. Poetry beschwört dann wieder die Magie der, sagen wir mal, höheren Unterhaltung: "This is poetry/ and everything is allowed". Man hörts. Better Than Moon ist vielleicht neben Play Bach der stärkste Track auf dem Album, Koshos Stimme und das Xylophon (wenn ich das jetzt richtig herausgehört habe) machen den Song zu einem Kleinod. Bitte hierzu wirklich im Sommer nachts an den nächsten Fluss beziehungsweise See, je nach Verfügbarkeit, setzen und einfach nur zuhören. Wenn der Mond dazu scheint, macht es das noch besser. Was bleibt? Kosho stellt mit seinem neusten Album All Sides Love ein rundes Ding vor, das musikalisch sehr erfreulich aus dem Schatten der Söhne Mannheims heraustritt, in dem ihn ja viele wohl sehen. Dass der Mann unzählige andere Projekte gemacht hat, gerät gerne in Vergessenheit. Spätestens durch All Sides Love aber ist die Grundlage dafür gegeben, das aufzubrechen.

Wertung: ++++ (Stefan Berndt)

 

Akua Naru – The Journey Aflame | Jakarta

{image}Studentenrap war gestern. Mit The Journey Aflame zeigt Akua Naru vielmehr, dass Dozentenrap das Gebot der Stunde ist. Auf ihrem 14-Track starken Debüt erteilt die aus Connecticut stammende Rapperin – mit Lehrauftrag an der Uni Wuppertal – eine einstündige Lektion in Sachen Rhythm and Poetry. Ihre weltoffene HipHop-Musik ist eine interdisziplinär-groovende Melange aus Blues, Jazz und African Soul, die auf inhaltlich anspruchsvolle Lyrics trifft. Neben persönlichen Erfahrungen, die sie in ihren Texten verarbeitet hat, repräsentiert Naru die HipHop-Kultur in all ihren Facetten. Speziell an alle weiblichen MC's und Vorreiterinnen am Mikrofon – wie Lauryn Hill, Heather B oder Salt-N-Pepa – hat sie die Hommage The World Is Listening gerichtet. Verantwortlich für die Produktionen auf The Journey Aflame zeigen sich neben 7inch und JR & PH7 vor allem The Drumkidz. Leider pendelt das Soundspektrum nur zwischen smooth und zurückgelehnt, was besonders in Kombination mit den entspannt geflowten Lines von Akua Naru für eine knappe Stunde teils positiver, teils negativer Trägheit sorgt. Das leicht sleazy, aber stimmungsvoll dahin gehauchte Poetry: How Does It Feel? scheint Naru dann sogar direkt im Schlafzimmer aufgenommen zu haben. Ausnahme bildet das Duett The Wound mit dem ghanaischen Rapper Blitz the Ambassador, das deutlich mehr von dem im Albumtitel versprochenen Feuer feilbietet. Insgesamt dennoch ein sehr gefühlvolles und treibendes Gesamtwerk.

Wertung: +++½ (Andreas Margara)

 

Beatsteaks – Boombox | Warner

{image}Die Beatsteaks sind aus der musikalischen Landschaft schon lange nicht mehr wegzudenken. Zu Recht, wie sie mit ihrem neuen Album Boombox erneut beweisen. Schon allein die vorab veröffentliche Single Milk & Honey ist genauso wohltuend wie Milch mit Honig bei Halsweh und klingt wunderbar nach The Clash. Apropos Parallelen zu The Clash: Die sind auch bei dem Lied Automatic und an der Mischung von verschiedenen Musikgenres zu erkennen. The Clash waren bekannt dafür und die Beatsteaks tun das auf ihre ganz eigene, wundervolle Art auch. Dafür ist Boombox ein gutes Beispiel: Ska (Let's see), Punkrock (Bullets from another Dimension, Behaviour) und melodischem Rock (u.a. Milk & Honey) werden Reggae (Automatic) und Hip Hop-Elemente (Fix it) beigefügt, et voilà... ein Beatsteaks-Album, das den Weg ins CD-Regal finden sollte. Denn egal, in welcher Stimmung man ist, man findet den richtigen Song. Wütend? Bernd brüllt bei Behaviour in bester Hardcore-Manier seinen Unmut stellvertretend für den geneigten Hörer raus. Schlecht drauf? Zeilen wie "You'll be fine, I guarantee" muntern wieder auf. Frühlingsgefühle, Sommerlaune? Gibt's bei Alright. Kurzum, die Beatsteaks haben genau das erreicht, was laut Schlagzeuger Thomas erreicht werden sollte: nicht wie bei Limbo Messiah ein Album aus einem Guss und mit demselben Rhythmus zu machen, sondern jedes Lied anders.

Wer denkt, dass die Parallele zu The Clash oder die Tatsache, dass das Album im Proberaum aufgenommen wurde, dem Album schade, sei eines besseren belehrt. Denn die Beatsteaks haben ihren eigenen Stil. Gerade die Aufnahmen vom Proberaum verleihen dem Album die Live-Atmosphäre und bringt den Spaß, den die Band allem Anschein nach hatte, rüber. Davon ganz abgesehen war niemand geringeres als Nick Launay, der bereits Alben von Nick Cave und Silverchair produzierte, für das Abmischen der Platte zuständig, was genügend Qualität beim Sound garantiert.

Wertung: ++++ (Rebecca Lück)

 

The Streets – Computers And Blues | Warner

{image}Es ist deprimierend, wie schlecht Computers And Blues ist. Hier funktioniert wirklich gar nichts: Das Album hat keinen Flow, die Texte sind belanglos, der Melodiegesang wirkt häufig wie ein Fremdkörper, die Produktion ist überfrachtet und Mike Skinners Raps versacken in Ziellosigkeit und Banalität. In gewisser Weise konnte man dieselben Vorwürfe schon gegen seine ersten beiden Alben Original Pirate Material und A Grand Don't Come For Free erheben. Auf dem Debüt überwand er jedoch alle Widrigkeiten durch coole Lässigkeit, Willensstärke und ein Gefühl der Entschlossenheit. Der Nachfolger überzeugte durch die selbstironische Verknüpfung des alltäglichen Wahnsinns mit der einschneidenden Erfahrung einer Trennung. Die resultierende emotionale Achterbahnfahrt verlieh universellen Erlebnissen einen spezifischen Ausdruck, der durch den amateurhaften Minimalismus der Musik auf sympathische Weise hervorgehoben wurde. Auf Computers And Blues ist davon nichts mehr zu spüren: Seine Fähigkeit zur ausdrucksvollen Beschreibung des Lebens verliert sich in aneinandergereihten Worthülsen, die jedes Interesse des Zuhörers am Geschehen im Keim ersticken. Zahlreiche Hinweise suggerieren, dass Mike Skinner die letzten fünf Jahre nicht nur am Computer verbracht, sondern dort verschwendet hat: Inzwischen hat er schlichtweg nichts mehr zu sagen. Wie bitter...

Wertung: ++ (Daniel Nagel)

 

At The Farewell Party – 18:18:18 | Eigenvertrieb

{image}At The Farewell Party gehen weg vom etwas weicheren Debütalbum Infinity is miles away, das im vergangenen Jahr erfolgreich gefeiert wurde. Ein neues Jahrtausend hat begonnen und somit auch eine neue Ära für die Frankfurter Band. 2011 wollen sie richtig durchstarten und legen mit ihrer EP schon mal gut vor. Der Sound ist klar und trifft den Hörer direkt ins Herz. Energiegeladene Gitarren, starke Drums, heißere Shouts und die kraftvolle Stimme von Frontmann Matt kreieren einen neu definierten Sound. ATFP lassen sich in keine Schublade stecken und wollen mit den neuen Songs auch die Bühnen außerhalb Deutschlands erobern. Der Titelsong der EP 18:18:18 rockt an erster Stelle und spätestens beim zweiten Song Hematoma Eyes wird jedem klar: Das brennt! Change (cause nothings gonna change) ist ein Song, der ruhigere Töne anzuschlagen scheint. Trotzdem hat er genug Power und erweist sich als echter Ohrwurm, den man so schnell nicht wieder los wird. Aber die Jungs haben auch an eine kleine Atempause gedacht. Das Interlude Take a breath lädt zum Verschnaufen ein und bringt den Puls für ganze eineinhalb Minuten wieder etwas runter, bevor Cryptic_Message_Device die EP zum Heißlaufen bringt. Last but not least: The steps we take. Der letzte Song beginnt zuerst nur mit den Drums, bevor Gitarre und Gesang einsteigen. Ruhigere Töne und mehrstimmiger Gesang aus dem Background verleihen dem Song eine besondere Atmosphäre.

Und man merkt, dass ATFP einen großen Schritt nach vorne gemacht haben. Die Songs klingen erwachsen, reif für die großen Bühnen und großes Publikum. Musikalisch haben sich die Fünf aus dem Frankfurter Raum weiterentwickelt und der Trend geht bergauf.

Wertung: +++½ (Melanie Prunzel)

 

So werten wir:

+

schnell auf ebay damit, bevor es jemand merkt

++

hier mangelt es an so einigen Ecken und Enden

+++

das kann sich wirklich hören lassen

++++

ein TOP-Album

+++++

definitiv ein "must have"

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